Gastbeitrag: Zwischen Aktivismus und Professionalität: Warum auf dem Mittelmeer die Zivilgesellschaft gefragt ist

Das Projekt Sea Watch wurde erst im Dezember letzten Jahres aus der Taufe gehoben. Damals waren es gerade mal drei Personen, die dem Sterben im Mittelmeer nicht mehr tatenlos zusehen konnten, ihr Geld zusammenlegten und daran gingen, private Seenotrettung zu organisieren.
Bis heute hat die Sea Watch, ein hundert Jahre alter ehemaliger Fischkutter, über 2000 Menschen direkt und aktiv vor dem Ertrinken gerettet und ihre Weiterfahrt in einen sicheren Hafen ermöglicht. Dabei wurde zusätzlich durch die Crew der Sea Watch jeweils das Borden auf weitaus größere Schiffe für den weiteren Transport sichergestellt und medizinische Hilfe geleistet, wo akut nötig.
Die anfänglichen Befürchtungen, dass die mangelnde Erfahrung mit kaum planbaren Situationen auf See eventuell zu unkalkulierbaren Risiken und Verletzung von Menschen führen könnte, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Es ist kein einziger Mensch während dieser Rettungseinsätze zu Schaden gekommen und oft war die Sea Watch in weitem Umkreis von bis zu neun Stunden Anreise (zwischen 80 – 120 nautische Meilen) das einzige Schiff überhaupt, das helfen konnte. Manchmal wurden zur Aufnahme der Geretteten extra Schnellboote der Küstenwache aus Lampedusa geschickt.
Die viel zitierten Rettungseinsätze der Marine, inklusive der deutschen Schiffe Werra und Schleswig Holstein, fanden auf jeden Fall nicht dort statt, wo wir fast täglich per Fernglas völlig überladene Boote in Seenot sichteten. Die zivilen Kapazitäten waren allerdings auch extrem limitiert. Neben der Sea Watch gab es nur die wesentlich größeren und besser ausgestatteten Schiffe der Ärzte ohne Grenzen (MSF), Bourbon Argos und Dignity, und ein Schiff von MOAS, einer maltesischen Organisation in Kollaboration mit MSF.
Sea Watch hat sich in Kürze bei allen Akteuren auf dem Wasser, aber auch an Land, Respekt verschaffen können. Ohne viele Worte wurde eine schwierige Aufgabe in extrem kurzer Zeit angegangen und gemeistert. Das hat Leben gerettet. Und die Legitimität verschafft, darüber zu reden, was nötig ist, was bisher nicht getan wird und auch Pläne für die Zukunft kritisch zu kommentieren. Die Vorstellungen, den Schlepperbanden das Handwerk durch militärischen Einsatz zu legen und damit Menschen zu retten, sind bestenfalls zynisch, völlig unrealistisch und schlimmstenfalls menschenverachtend. Denn sie versuchen von der eigenen Verantwortung abzulenken und werden viel Geld kosten ohne positiven Effekt für Flüchtende.
Wir tragen zur politischen Debatte bei und wollen dort sein, wo keiner hinschauen möchte, um darüber zu berichten, was wirklich passiert. Das bedeutet praktische Solidarität.

Die unterschiedlichsten Menschen sind aktiv bei Sea Watch. Alle sind Profis in ihrem Bereich, niemand kann alles. Viele Kontakte tragen zur guten Vernetzung bei. Dies hat praktische Vorteile und erleichtert die Zusammenarbeit. Denn das ist es, was wir brauchen: die größtmögliche Gemeinsamkeit, um effektiv mit den limitierten Ressourcen möglichst viel helfen zu können und politischen Druck für eine wirklich aktive Rettung aus Seenot und einen legalen Zugang nach Europa zu machen.

Es muss kein Mensch im Mittelmeer ertrinken! Diese humanitäre Krise darf nicht in unserem Namen weitergehen.

Frank Dörner, Sea Watch Aktivist, Arzt und MSF-Mitglied

Gut zu lesen: „Doing Cash Differently – How cash transfers can transform humanitarian aid”

DFID, das britische Entwicklungsministerium, hatte im letzten Jahr ein sog. „High-Level Panel“ eingesetzt zum Thema „Cash Transfers“, das gerade seinen Endbericht vorgelegt hat. 15 hochrangige Persönlichkeiten aus der internationalen humanitären Hilfe haben mit Unterstützung von Expert/innen des Overseas Development Institutes auf 30 Seiten und in 12 Empfehlungen zusammengefasst, wie die standardmäßige Nutzung von Cash das internationale humanitäre System grundlegend verändern und verbessern könnte.

Hintergrund ist die Feststellung, dass die für humanitäre Hilfe verfügbaren Gelder zwar wachsen, der Bedarf aber viel stärker zunimmt, weil immer mehr Menschen für immer längere Zeit auf Hilfe angewiesen sind. Die Schere geht auseinander und die vorhandenen Mittel müssen deshalb noch effizienter ausgegeben werden.

Bargeldzahlungen sind ein gutes Mittel, denn eine 4-Länder-Studie hat z.B. gezeigt, dass 18% mehr Menschen versorgt werden könnten, wenn statt Sachleistungen Bargeld gezahlt wird. Das WFP hat in Äthiopien gemessen, dass seine Kosten bei der Umstellung auf Cash um 25-30% sinken können. Leider wird dieses Potential derzeit noch nicht genutzt, nur ca. 6% der Hilfe wird aktuell in cash ausgezahlt. Rechnet man Sektoren, in denen Barzahlungen nicht adäquat sind wie z.B. Gesundheit heraus, liegt man bei circa 10%.

Mancherorts herrscht noch immer die Befürchtung, Cash könnte zu mehr Korruption führen oder würde von den Begünstigten „verschwendet“. Der Bericht zeigt dagegen, dass Barzahlungen zur den best erforschten Instrumenten der humanitären Hilfe gehören und analysiert über 200 entsprechende Studien.

Diese zeigen, dass Cash sicher, effizient und unter Einhaltung aller Rechenschaftspflichten ausgezahlt werden kann und die Menschen es gemäß ihrer eigenen Prioritäten verwenden. Damit erhalten sie wieder mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben, können selber Entscheidungen fällen, werden wieder zu ökonomischen Akteuren statt zu Objekten von Verteilungen und gewinnen so auch einen Teil ihre Würde zurück. Sie können kaufen, was sie brauchen, und müssen nicht mit dem vorlieb nehmen, was ihnen humanitäre Organisationen entsprechend ihres Mandats, ihrer Kenntnisse oder schlicht entsprechend ihrer Gewohnheit zukommen lassen wollen.

Die lokale Wirtschaft wird gestärkt, was sich auch positiv auf die Akzeptanz der Vertriebenen bei der ansässigen Bevölkerung auswirken kann. Insgesamt kann die Hilfe schneller ankommen, wenn sich die Hilfsorganisationen im Vorfeld entsprechend vorbereitet haben. Dies beinhaltet auch ausreichend Marktstudien durchzuführen um sicher zu sein, dass der lokale Markt die gewünschten Güter anbietet und die zusätzliche Kaufkraft die Preise nicht in die Höhe treibt.

Das Panel gibt 12 Empfehlungen, die sich in drei Blöcke teilen:

  1. Mehr Cash – Das Panel empfiehlt, ab sofort die Beweislast umzukehren und Barzahlungen zur Regel zu machen. Organisationen, die weiterhin Sachleistungen ausgeben wollen, sollen diese Wahl begründen müssen. Entsprechend sollten Organisationen in die nötige Vorbereitung investieren.
  2. Effizienteres Cash – Barzahlungen sollten gesondert in internationalen Statistiken auftauchen und ihre Effizienz mit der anderer Instrumente verglichen werden. Das Panel empfiehlt, andere Akteure – die längerfristige Entwicklungszusammenarbeit, soziale Sicherungssysteme aber auch den Finanzsektor – stärker zu beteiligen. Die Koordination von Cash-Programmen sowie ihr Umfang müssen ausgeweitet werden.
  3. Cash kann das gesamte internationale Hilfssystem verändern – Cash sollte zentrales Element der „Humanitarian Response Plans“ werden. Das Cluster-System teilt die verschiedenen Bedarfe der betroffenen Bevölkerung in Sektoren auf. Barzahlungen können diese künstlichen Silos einreißen. Damit hat Cash das Potenzial für weiterreichende Veränderungen in der humanitären Architektur, über deren Notwendigkeit sich die wichtigsten Akteure einig sind. Cash kann das System insgesamt leistungsfähiger, transparenter und rechenschaftspflichtiger machen.

Fazit: Cash: – nicht immer, aber immer öfter!

Den Bericht findet man unter http://www.odi.org/sites/odi.org.uk/files/odi-assets/publications-opinion-files/9828.pdf

Und noch als Nachtrag: Die genannten Vorteile von Barzahlungen gelten natürlich auch für die Diskussion um Sach- oder Geldleistungen für Asylsuchende in Deutschland!

Tag der Humanitären Hilfe: Kein Anlass zur Freude

Zum heutigen Welttag der Humanitären Hilfe – 19. August – wollte der Südwestrundfunk von unserem Blog-Mitautor Jürgen Lieser unter anderem wissen, was sich in der humanitären Hilfe in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert hat. Lieser erinnerte in seiner Antwort an den traurigen Anlass für diesen Tag: Am 19. August 2003 wurden bei einem Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad 22 Mitarbeiter getötet. Der Welttag sei somit auch ein Synonym dafür, dass die Zahl der humanitären Helfer, die im Einsatz getötet werden, in den letzten Jahren stark zugenommen hat. So wurden 2014 bei Angriiffen auf 460 Mitarbeiter von Hilfsorganisationen weltweit 155 Helfer getötet.

Das ganze Interview kann hier heruntergeladen werden.

Gastbeitrag: Thank you for witnessing! – Notizen aus Moria, Aufnahmezentrum in Lesbos/Griechenland

Es ist heiß im Juli auf Lesbos, einer griechische Insel nur 15km vom türkischen Festland entfernt. Um das Aufnahmelager Moria gibt es kaum Bäume, die vor der brennenden Sonne schützen könnten. Dieses Erstaufnahmelager, das nach der Schließung des berüchtigten Internierungslagers Pagani von EU-Geldern gebaut worden ist, hat gerade mal Kapazitäten für 700 Menschen. Derzeit kommen aber fast 1000 Menschen pro Tag auf der Insel an, Moria ist folglich hoffnungslos überfüllt. Schon vor dem Zentrum, das mit seinen hohen Gittertoren und dem Stacheldraht eher an ein Gefängnis als an ein Aufnahmezentrum erinnert, hielten sich bei meiner Ankunft knapp 1000 Menschen auf. Die sowieso schon prekäre humanitäre Situation der ankommenden Menschen drohte in den letzten Wochen zu eskalieren, da die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Während uns eine Psychologin von Ärzte der Welt / Médecins du Monde ihre Arbeit in der Einrichtung erklärte, wurde es auf einmal sehr laut: Rufe der `Insassen´ und das Schlagen von Wasserflaschen gegen die Zäune unterbrachen unser Gespräch. Auf unsere Frage, was da gerade geschehe, wurde uns erklärt, dass es wieder einmal zu einem Engpass der Trinkwasserversorgung gekommen sei. Das passiere in letzter Zeit häufiger, da die staatlichen Strukturen mit der Situation völlig überfordert seien. Als der Tanklaster nach zwei Stunden endlich eintraf, rief ein Mann uns zu: „Thank you for coming! Thank you for witnessing!“
Dieser Ausruf konnte an dem Gefühl von Hilflosigkeit jedoch nichts ändern. Hilflosigkeit und vor allem Scham darüber, dass wir Europäer – vermeintliche Verfechter der Menschenwürde und des Humanismus – gerade den Menschen menschenunwürdige Bedingungen aufzwingen, die vor Gewalt und Zerstörung aus ihrer Heimat fliehen mussten. Der Großteil der auf Lesbos schutzsuchenden Menschen kommt aus Syrien, Afghanistan und anderen Kriegsgebieten. Viele nehmen eine gefährliche Route auf sich, die Jahre andauern kann und sie bis zur völligen Erschöpfung treibt, nur um dann an den Außengrenzen Europas um Wasser, sichere Unterbringung, Lebensmittel und medizinische Versorgung betteln zu müssen.
Vor ein paar Wochen diskutierte der Bundestag in mehreren Sitzungen über die Situation von Flüchtlingen in Griechenland sowie auch speziell von irakischen und syrischen Flüchtlingen auch außerhalb Europas. Die katastrophale Menschenrechtssituation in Eritrea wurde auch thematisiert und die Abgeordneten waren schockiert über die staatlichen Repressalien wie Sklaverei, Folter, Vergewaltigung und Hinrichtungen, denen die Bevölkerung wohl schon seit Jahren ausgesetzt wird (siehe: Aktuelle Stunde im Bundestag). Heute, fast sechs Wochen später, wird in Europa immer noch eine Quotendebatte zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Griechenland, Italien und direkt von Krieg betroffene Staaten geführt. Eine verbindliche Einigung ist nicht in Sicht; das Handeln wird wieder vertagt.
Es scheint als bestehe das Problem weniger in der Unwissenheit über die Situation der Menschen in ihren Herkunftsländern und in den europäischen Aufnahmelagern, als im Fehlen eines politischen Willens.
Thank you for witnessing- so naiv, und genau das macht es beschämend.

Sarah Hammerl, Teilnehmerin der Summer School „Cultures, Migrations, Borders 2015“ auf Lesbos/Griechenland.

Auf der Suche nach Innovation

Am 17. und 18. Juli fand die zweite Ausgabe der Facilitating Innovation Konferenz des Humanitarian Innovation Projects in Oxford statt. Dieses Jahr war die Veranstaltung Teil der Vorbereitung des World Humanitarian Summit. Innovation ist dort der vierte von vier Schwerpunkten.

In den ehrwürdigen Hallen des Keble College wurde viel darüber diskutiert, welche institutionellen Rahmenbedingungen Innovation braucht: Braucht meine Organisation eine Innovation Unit so wie MSF, Unicef und UNHCR sie haben? Gleichzeitig gab es Panel, die sich mit der sehr relevanten Frage beschäftigten, wie man eine Organisationkultur beeinflussen kann, in der Kreativität und Innovation Raum haben. Leider sprachen die Panellisten von namhaften Hilfsorganisationen hauptsächlich darüber, wie ihre Organisationen sich im Laufe der Jahrzehnte aufgrund sich verändernder Rahmenbedingungen gewandelt haben. Sicherlich keine Innovation.

Dann gab es natürlich die unverzichtbaren technischen Weiterentwicklungen, die alt bekannte Lösungen in frischem Gewand präsentieren (so zum Beispiel neue Shelter-Modelle für Flüchtlingslager). Dass nun auch Smartphones Teil von humanitären Hilfsprogrammen sind, kann man als Innovation bezeichnen, oder einfach als Teil der permanenten technischen Weiterentwicklung. Diese gab es schon immer, wie der Hinweis eines Historikers auf die Automatisierung von Suppenküchen im 18. Jahrhundert belegte.

Und so bekam man den Eindruck, dass hier ein Sektor ein Thema in aller Ruhe von Grund auf erkundet, ohne sich viel darum zu kümmern, dass dieses Thema in anderen Sektoren, vor allem in der Privatwirtschaft, längst umfassend untersucht und bearbeitet wird. Zwar wussten viele zu berichten, dass Google und Microsoft wohl keine Innovation Unit haben, da Innovation dort Teil des Selbstverständnisses sei. Ansonsten war auf der Konferenz die Suche nach Wissenstransfer aus dem Privatsektor mühsam.

Vielleicht braucht es einfach (noch) mehr Zeit, bis Innovation, Kreativität und zukunftsorientierter Wandel im humanitären Sektor keine Exoten mehr sind, sondern selbstverständlicher Bestandteil des Systems. Bis dahin lohnt es sich durchaus, sich weiter zu dem Thema zu treffen. Zumal man in Oxford motivierte humanitäre Helferinnen und Helfer aus aller Welt sowie institutionelle Geber und Forscherinnen und Forscher treffen konnte, die alle ein großes Interesse an der Weiterentwicklung des Systems verbindet.

Gastbeitrag: WHS und WCHS – Zwei humanitäre Weltkonferenzen im Vergleich

2016 finden zwei große internationale humanitäre Tagungen statt: Der World Humanitarian Summit (WHS) in Istanbul und die World Conference on Humanitarian Studies (WCHS) in Addis Abeba. Der WHS ist eine UNO-Veranstaltung, die WCHS dagegen eine von Wissenschaftlern und Praktikern. Die erste Veranstaltung ist somit eine der mehr oder weniger üblichen intergovernmentalen politischen Großveranstaltungen, allerdings unter Einschluss der Träger der humanitären Hilfe, der Nichtregierungsorganisationen, sowie der Roten Kreuz-/ Roten Halbmond-Bewegung. Die zweite Veranstaltung dagegen bemüht sich immer wieder um eine Bestandsaufnahme der Probleme, der gelösten wie der offenen, im Bereich humanitärer Krisen aus wissenschaftlicher Sicht.
Der WHS ist das Endprodukt eines vorausgegangenen zweijährigen Konsultationsprozesses, der darauf abzielte, die Konturen eines umfassenden und vielfältigen humanitären Systems der Zukunft zu verabschieden unter Beteiligung aller wichtigen Interessengruppen. Das Ziel des WHS ist es, bewährte Praktiken herauszustellen, aber gleichzeitig innovative Wege aufzuzeigen, wie die humanitäre Hilfe effektiver gestaltet werden könnte.
Die Agenda umfasst folgende vier Schwerpunkte:
1. Wirksamkeit humanitären Handelns
2. Antworten auf die Bedürfnisse der Opfer von Konflikten
3. Reduktion der Vulnerabilität und die Bewältigung von Krisen
4. Innovation
Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Agenda der WCHS nicht wesentlich. Das übergreifende Thema lautet „Der Wandel von humanitären Krisen und die Suche nach geeigneten Lösungen“. Auch hier sind vier Schwerpunkte festgelegt worden:
1. Humanitäre Krisen und Entwicklung
2. Konflikt und Humanitäres Handeln
3. Die Folgen des Klimawandels
4. Neue Partnerschaften, neue Technologien, Professionalismus und Krisenreaktion
Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieser Schwerpunkte ergeben sich klare Überschneidungen: Thema 1 WHS mit Thema 2 WCHS, Thema 3 WHS und Thema 1 WCHS. Aber es sind auch nicht unerhebliche Unterschiede festzustellen, insbesondere was neue Partnerschaften betrifft (WCHS Thema 4) und Klimawandel (WCHS Thema 3). Mit letztgenanntem Themenblock mag es eine gewisse Überschneidung zur Problematik der Innovation (WHS Thema 4) geben. Doch in einem wesentlichen Punkt ist bei beiden Veranstaltungen ein nicht unerhebliches Manko in doppelter Hinsicht zu verzeichnen.
Wo liegen die politischen Prioritäten einerseits, und handelt es sich dabei um zukunftsweisende Schwerpunkte zur Problembewältigung andererseits? Darüber hinaus ist es weniger relevant ob es sich um wichtige Problembereiche handelt (was zweifelsohne der Fall ist), sondern vielmehr wie sie von den beteiligten Akteuren ausgeführt bzw. konkretisiert werden.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat das Ziel des WHS wie folgt definiert: Die Zukunftsagenda humanitären Handelns zu definieren und der sich im Wandel begriffenen humanitären Gemeinschaft zu helfen, die Bedürfnisse der notleidenden Bevölkerung besser zu erfüllen. Dies deckt sich durchaus mit den Intentionen der International Humanitarian Studies Association, die versucht, Wissenschaftler und Praktiker, oder klarer formuliert, Wissenschaft und Praxis zusammen zu bringen, um Krisen besser zu verstehen und das Los von Menschen in lebensbedrohlicher Lage zu verbessern. Allerdings liegt die Befürchtung nahe, dass eben in Ermangelung klarer politischer Prioritäten so etwas wie ein „technischer Regress“ die Folge sein könnte.
a) Wird nicht die substantielle Problematik humanitären Handelns unter eher technischen Gesichtspunkten wie Innovation, Partnerschaften, etc. verdeckt? Was macht die Politik, um die Ursachen der Krisen zu beheben? Oder anders ausgedrückt, ist humanitäre Hilfe nicht oft nur ein Ersatz für den Mangel an politischer Verantwortlichkeit und letztlich sicherheitspolitischer Abstinenz gleichzusetzen?
b) Humanitäre Hilfe, insbesondere in bewaffneten Konflikten, ist im Prinzip durch das humanitäre Völkerrecht geregelt. Doch für die meisten bewaffneten Konflikte heute, die innerstaatlicher Natur sind, gibt es keinen Konsens, wann tatsächlich ein solcher Konflikt von dem zweiten Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen gedeckt wird. Und überhaupt: Ist das humanitäre Völkerrecht in vielen Fällen nicht schlicht Makulatur? Man denke nur an Syrien! Anders formuliert, wie ernst nehmen die Staaten, die internationalen Organisationen und die nichtstaatlichen Akteure dieses Recht?
c) Doch das ist bei weitem nicht alles. Es gibt ja die These der „Silo-Struktur“, der zufolge die typische Strategie jedes Handlungsfeldes darin besteht, sich von anderen Handlungsfeldern abzuschotten. Die humanitären Hilfsorganisationen verfolgen auch, wenn auch in bester Absicht diese Strategie, durchaus gedeckt von ihren nationalen oder internationalen politischen Akteuren. Das führt folglich zu folgender Frage: Überfrachten die humanitären Organisationen nicht ihr Mandat, wie auch immer definiert, durch die Hinzufügung immer neuer Aufgaben? Globaler Klimawandel beispielsweise ist kein humanitäres Thema, die Folgen, die die humanitären Organisationen bewältigen müssen, dagegen wohl. Es fehlt ihnen jegliche Kapazität für die Umsetzung von Präventionsstrategien.
d) Zugrunde liegt das Problem der Koordination und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren. Ganz zentral besteht dieses Problem zum einen in der interorganisatorischen Kooperation und Koordination von humanitären und entwicklungspolitischen Akteuren.
e) Das trifft im engeren Sinne auch auf die staatlichen Geldgeber zu, die mehr oder weniger ihre eigenen Interessen verfolgen und somit Prioritäten setzen, die den Imperativ humanitären Handelns, den Bedürftigsten zu helfen, ignorieren.
Wendet man das ganze positiv, dann bietet sowohl die Konferenz in Addis Abeba und später die Konferenz in Istanbul eine einzigartige und notwendige Plattform, das internationale humanitäre Hilfesystem zu verbessern.

Wolf-Dieter Eberwein und Dennis Dijkzeul

Gastbeitrag: Schutzsuchende Flüchtlinge in Abschiebehaft

Seit mehr als 15 Jahren leistet Ärzte ohne Grenzen bedürftigen Migranten, Asylbewerbern und Flüchtlingen in ganz Europa Hilfe. Im Mai 2015 startete Ärzte ohne Grenzen einen Such- und Rettungseinsatz im Mittelmeer. Wir arbeiten in den meisten Ursprungsländern und wissen, wieviel Gewalt und Verfolgung viele der Menschen auf der Flucht durchgemacht haben. Dass durch die immer restriktiver werdenden Maßnahmen der EU das Mittelmeer zum Massengrab geworden ist, kann eine humanitäre Organisation nicht gleichgültig lassen.

Diese Woche wird der Bundestag aller Wahrscheinlichkeit nach mit den Stimmen der Großen Koalition eine weitere Verschärfung des Asylrechts in Deutschland beschließen. Diese sieht vor, dass mehr Menschen auf der Flucht direkt nach ihrer Einreise nach Deutschland in Abschiebehaft genommen werden können, vor allem jene Flüchtlinge die zuerst in ein anderes EU-Land eingereist sind und von dort aus auf dem Landweg nach Deutschland gekommen sind – das heißt, momentan praktisch alle von außerhalb Europas, da es kaum Möglichkeiten gibt, Deutschland auf anderen Wegen zu erreichen.

Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass schutzsuchende Flüchtlinge in Abschiebehaft genommen werden können, weil sie Schlepper bezahlt haben, um nach Europa zu gelangen. Dieser Grund alleine zeigt, wie zynisch die Politik Deutschlands und Europas momentan ist. Glaubt die Bundesregierung ernsthaft, dass es sich Flüchtlinge – unter ihnen viele Frauen und Kinder – aussuchen Schleppern in Libyen ihr letztes Geld zu geben, um dann auf löchrigen Nussschalen eine oft lebensgefährliche Überfahrt nach Italien oder Griechenland zu wagen?

Ich war vor zwei Wochen in einem Erstaufnahmelager in Pozzallo auf Sizilien, wo Menschen auf der Flucht an Land gebracht werden, nachdem sie auf hoher See gerettet wurden. Ihre Geschichten sind alle unterschiedlich, aber eines haben so gut wie alle gemeinsam: furchtbare Erfahrungen in Libyen. Hier werden die meisten Menschen auf der Flucht systematisch von Kriminellen ausgeraubt und drangsaliert; die Polizei bietet keinen Schutz sondern das genaue Gegenteil. Menschen berichten davon, dass sie verprügelt werden, wochenlang in Kerkern verschwinden und in vielen Fällen dazu gezwungen werden, ihre Familien zu kontaktieren, um Lösegeld einzutreiben. Einige werden auch gegen ihren Willen mit Gewalt auf die überfüllten Boote getrieben. Viele Menschen zeigen Spuren körperlicher Misshandlungen, die zahllosen psychischen, unsichtbaren Folgen ihrer Erlebnisse in Libyen sind nicht sichtbar, aber allgegenwärtig.

Diese Menschen haben sich nicht freiwillig entschieden, sich diesen Gefahren auszusetze. Wir – Bürger Europas – haben sie dazu gezwungen. Die jetzige EU-Politik, maßgeblich von der Bundesregierung getragen, lässt ihnen keine Alternative um in Europa Schutz zu suchen, keine andere Möglichkeit, Asyl zu beantragen. Es gibt faktisch keine legalen Fluchtwege nach Europa. Ob beabsichtigt oder nicht – diese Politik sorgt dafür, dass den Schleppern die Kunden nie ausgehen.

Aber jetzt geht man in Berlin noch einen Schritt weiter in diesem geradezu kafkaesken System: Erst werden Flüchtlinge regelrecht in die Arme der Schlepper getrieben, und dann bestraft man sie dafür, dass sie diesen einzigen verbleibenden Fluchtweg nach Europa eingeschlagen haben. Dieses neue Gesetz wird dazu führen, dass immer mehr Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung de facto zu Kriminellen in Deutschland gemacht werden. Auch Kinder werden im Gefängnis landen. Wir sollten uns schämen.

Florian Westphal, Geschäftsführer Ärzte ohne Grenzen

Die Not, die Würde und die Macht in Nepal

Über die Not der Menschen in den zerstörten Dörfern Nepals ist viel geschrieben, aber noch nicht alles gesagt worden. Das liegt zum einen daran, dass viele der Dörfer, die einige Tagesmärsche weit von den letzten Zipfeln der wenigen Straßen und Fahrwege entfernt liegen, noch nicht besucht wurden. Welcher Journalist, welcher Nothelfer kann sich sechs Tage Fußmarsch für einen solchen Besuch leisten? Wie um alles in der Welt können wir den Bedürfnissen dieser Dörfer gerecht werden? Wie sie überhaupt mit Informationen erreichen, die ihnen erlauben, selbstbestimmt an den Hilfsangeboten zu partizipieren?
Zum anderen gelingt es nur wenigen der schreibenden Zunft, deutlich zu machen was es bedeutet, wenn das Lebenswerk einer Familie, ein zweistöckiges Haus mit Dachboden, auf einmal nicht mehr existiert und die Einkommen auf absehbare Zeit weggebrochen sind, weil die beiden Milchbüffel tot unter den Trümmern liegen oder der verdienende älteste Sohn nicht mehr lebt. Und noch weniger gelingt es den Lesern, sich dies vorzustellen. Und: warum sollte ein deutscher, französischer oder polnischer Mitbürger sich das unbedingt vorstellen müssen? Gibt es eine europäische Bürgerpflicht zum Mitleiden durch Verstehen? Wir Arbeiter-in-Krisen scheinen das immer wieder zu fordern und sind fassungslos, wenn das nicht geschieht.
Die Würde der Empfänger unserer Hilfsgüter ist noch schwerer zu vermitteln und zu beschreiben. So spürbar sie ist und manchmal so bewegend und kaum zu erfassen, sie bleibt persönliches Erleben, nicht geeignet für die Massenkommunikation der Hilfswerke. Schwingt da das Bedenken mit, diese in Worten gefasste Würde könnte verwechselt werden mit „denen-kann-es-doch-nicht-gar-zu-schlecht-gehen“? Fotografen scheinen da weniger Bedenken zu haben. Die „Ästhetik der Not“ ist geflügeltes Wort & Bild. Man findet sie zu Tausenden auf den einschlägigen Websites.
Zur Würde, hier ganz schlicht und ohne Hintergedanken: Es berührt, mit welcher Gleichmut und Geduld zu Empfängern reduzierte Bauern Schlange stehen, mit welcher Offenheit und Freundlichkeit sie unsere Fragen beantworten, ihre Notunterkünfte öffnen, unsere Fotoapparate ertragen und sich immer wieder einfach bedanken. Da ist nichts von Hilflosigkeit zu spüren. Oder zu sehen: wenn wir es endlich geschafft haben ein paar zig-Tausend Planen und Decken durch den Zoll zu schleusen, haben Einige schon längst aus den Trümmern eine passable Hütte gebastelt; Andere aus verschiedenen Gründen noch nicht. Um die geht es jetzt, so kurz vor dem Monsun. Üblicherweise als lebensspendende Kraft herbeigesehnt, dieses Jahr gefürchtet, von Dörflern, Städtern und vor allem von Logistikern. Der große Versorgungsalptraum, er kann noch kommen im Juni, Juli und August.
Aber zur Macht (sowenig wir sie sonst schätzen). Hier können wir alle viel lernen. Hier kann die Welt von Nepal lernen, egal, wie sich das im Einzelnen darstellt. Warum? Weil hier eine Regierung mit Konsequenz die humanitären Akteure zur Verantwortung zieht. Wir alle kennen das Chaos, das ausbricht, wenn sich Hunderte von humanitären und nicht-so-humanitären NGOs auf eine Katastrophe stürzen: Haiti, Tsunami, Horn von Afrika.
Die Regierung Nepals hat von Anfang an den Verwaltungen der Distrikte die Aufgabe übertragen, hilfswilligen NGOs, nationaler oder internationaler Aufstellung, Gemeindebezirke, sogenannten Village Development Committees (VDCs) zuzuweisen. Die Verantwortung für ein oder mehrere VDCs wird in einer gemeinsamen Vereinbarung, einem „Memorandum of Understanding“ festgehalten. Die NGO ist zusammen mit der VDC für die gesamten humanitären Bedarfe verantwortlich. Versagt sie in der Logistik, in den Registrierungs- oder Verteilungsmechanismen oder in der Einbindung spezialisierter anderer Organisationen, fliegt sie raus. Eine andere NGO übernimmt, denn viele NGOs, die diesen Mechanismus zu spät erkannt oder nicht ernst genommen haben, stehen Schlange. So geschehen mit einigen der namhaften internationalen NGOs, die sich zu viele VDCs ‚gesichert’ hatten. Wie dieses System der Zuteilung im Einzelfall funktioniert, darüber gibt es noch zu wenige Erkenntnisse. Für uns Humanitäre bleibt das Prinzip lehrreich und bedenkenswert. Ein Staat, nicht bekannt für seine Effektivität, stemmt sich gegen das oft so unabwendbar scheinende Chaos, das wir anrichten, wenn wir in großer Zahl und unter heftigem PR- und Mittelabflussdruck in Katastrophen aktiv werden. Eine nepalesische Nachhilfelektion für UNOCHA?

Thomas Hoerz,
seit dem 29.4.2015 humanitärer Berater für Caritas international in Nepal

Palmyra – Wird nicht mehr als nur das UNESCO-Weltkulturerbe zerstört?

Seit einigen Tagen berichten deutsche Medien über den Vormarsch und nun die Einnahme von Palmyra durch die IS-Kämpfer. Oft wird als einzige weitere Information dazu erwähnt, dass man große Befürchtungen hat, dass die Islamisten auch diese antiken Stätten zerstören werden, die aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Selten bzw. oft nur als weitere, sekundäre Nachricht zu Palmyra wird berichtet, dass mehr als 50.000 Menschen in dieser Stadt leben, die nun alle den Gräueltaten der IS-Kämpfer ausgesetzt sind. Auch die tagelange Bombardierung von Palmyra mit vielen Toten und Verletzten vor der Einnahme der Stadt ist nicht immer eine Nachricht wert.
Es steht nicht in Frage, dass die Information zu einer möglichen Zerstörung des UNESCO-Weltkulturerbes eine Meldung wert ist. Was aber irritierend daran ist, ist deren Gewichtung. Anscheinend gab es im Syrienkrieg so viele schreckliche Meldungen, dass diese in den Nachrichten nur noch zweitrangig Erwähnung finden.
Eine Aufgabe des Journalismus ist aber, uns diese nicht vergessen zu machen.

Liberia ist Ebola frei – (K)ein Grund zur Freude?

Am 9. Mai 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation Liberia offiziell frei von Ebola erklärt, nachdem 42 Tage keine neuen Fälle mehr aufgetreten sind. Dies ist auf jeden Fall ein Grund zur Freude, nachdem auf dem Höhepunkt der Epidemie im August und September letzten Jahres mehr als 300 neue Ebolakranke pro Woche gemeldet wurden.
Allerdings kann auch Liberia erst dann völlig aufatmen, wenn die gesamte Region frei von Ebola sein wird. Derzeit gibt es in den Nachbarländern Sierra Leone und Guinea noch circa 10 neue Fälle pro Woche, allerdings in Regionen, die nicht an Liberia grenzen.
Und auch in Liberia selber ist nichts, wie es vor dem Ausbruch war. Einige Beispiele:
Die Schulen und Universitäten haben zwar nach einer 6-monatigen Zwangsschließung wieder offen, aber viele Eltern haben noch Angst, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken.
Die Gesundheitszentren sind meist wieder offen, haben aber oft so viel Personal durch Ebola verloren, dass sie nur einen reduzierten Service aufrecht erhalten können.
Noch dazu hat die liberianische Bevölkerung das Vertrauen in das staatliche Gesundheitssystem größtenteils verloren. Die Bevölkerung macht es oft dafür verantwortlich, dass sich der Virus letztes Jahr beinahe ungehindert bis zur Hauptstadt ausbreiten und dort dann verheerend wüten konnte. Als Folge meiden die Leute Gesundheitszentren, wo immer es nur geht. Dies sieht man daran, dass es dort kaum mehr Geburten gibt und Patientinnen und Patienten oft erst so spät kommen, dass man ihnen meist nicht mehr helfen kann.
Da in den letzen Monaten keine Impfungen durchgeführt wurden, breitet sich in der Hauptstadt gerade eine Masernepidemie aus. Eine Massenimpfaktion dagegen wurde aber von der Bevölkerung weitgehend gemieden, da die Angst zu groß ist, dass es sich dabei nur um einen Vorwand zum Test eines Ebolaimpfstoffes handeln könnte. Hier besteht wiederum die Angst, dass man sich durch einen Ebolaimpfstoff mit der Krankheit infizieren kann.
Zudem gibt es nun erstmals nach einer Ebolaepidemie eine relativ große Anzahl an Überlebenden. Diese leiden sehr oft unter gravierenden Folgeschäden der Krankheit, wie Blindheit und extreme Glieder- und Kopfschmerzen. Darüber hinaus sind sie oft die einzigen Überlebenden ihrer Familie, fühlen sich häufig allein gelassen, werden in ihren Gemeinden und Dörfern ausgegrenzt und leiden sehr oft unter Depressionen und posttraumatischen Stresssyndromen.

Jedes einzelne dieser Probleme wäre für ein Land mit einem bereits vor der Ebolaepidemie schwachen Gesundheitssystem eine große Herausforderung. Alle Probleme zusammen sind für Liberia allein kaum zu bewältigen.