Humanitäre Debatte – eine neue Zeitschrift: „Alternatives Humanitaires / Humanitarian Alternatives“

Die Initiator/innen des Projekts Alternatives Humanitaires / Humanitarian Alternatives beabsichtigen mit ihrer  neu erschienenen (zweisprachigen) Zeitschrift ein Forum für eine globale Reflektion über die Humanitäre Hilfe und deren Entwicklung zu schaffen.

Die Zeitschrift bietet einen Raum der Begegnung und des Dialogs zwischen den Praktiker/innen der humanitären Hilfe und der wissenschaftlichen Szene bieten. Gleichzeitig soll die Zeitschrift mehr Aufmerksamkeit und Gehör bei einer breiteren internationalen Öffentlichkeit für die Humanitäre Hilfe bewirken. Die erste Ausgabe umfasst mehrere Artikel zum Fokusthema „Ebola – das Ende eines Alptraums?“.

Initiator/innen und Unterstützer/innen: la Fondation Action Contre la Faim, le Fonds Croix-Rouge française, la Fondation Handicap International et la Fondation Mérieux, l’Université Laval (Québec), la Chaire Raoul Dandurand / UQAM (Montréal), l’Université Lumière Lyon II / Université de Lyon, l’Institut Bioforce.

Link zur englischen Ausgabe: http://alternatives-humanitaires.org/en/

Link zur französischen Ausgabe: http://alternatives-humanitaires.org/fr

Und noch ein Hinweis für frankofone Leser/innen: Bei FRANCE CULTURE gibt es  eine Serie mit vier Sendungen zum Thema HUMANITAIRE: LA FIN DES ILLUSIONS zu hören: Teil 1Teil 2 Teil 3 – Teil 4

Gut zu lesen: „Doing Cash Differently – How cash transfers can transform humanitarian aid”

DFID, das britische Entwicklungsministerium, hatte im letzten Jahr ein sog. „High-Level Panel“ eingesetzt zum Thema „Cash Transfers“, das gerade seinen Endbericht vorgelegt hat. 15 hochrangige Persönlichkeiten aus der internationalen humanitären Hilfe haben mit Unterstützung von Expert/innen des Overseas Development Institutes auf 30 Seiten und in 12 Empfehlungen zusammengefasst, wie die standardmäßige Nutzung von Cash das internationale humanitäre System grundlegend verändern und verbessern könnte.

Hintergrund ist die Feststellung, dass die für humanitäre Hilfe verfügbaren Gelder zwar wachsen, der Bedarf aber viel stärker zunimmt, weil immer mehr Menschen für immer längere Zeit auf Hilfe angewiesen sind. Die Schere geht auseinander und die vorhandenen Mittel müssen deshalb noch effizienter ausgegeben werden.

Bargeldzahlungen sind ein gutes Mittel, denn eine 4-Länder-Studie hat z.B. gezeigt, dass 18% mehr Menschen versorgt werden könnten, wenn statt Sachleistungen Bargeld gezahlt wird. Das WFP hat in Äthiopien gemessen, dass seine Kosten bei der Umstellung auf Cash um 25-30% sinken können. Leider wird dieses Potential derzeit noch nicht genutzt, nur ca. 6% der Hilfe wird aktuell in cash ausgezahlt. Rechnet man Sektoren, in denen Barzahlungen nicht adäquat sind wie z.B. Gesundheit heraus, liegt man bei circa 10%.

Mancherorts herrscht noch immer die Befürchtung, Cash könnte zu mehr Korruption führen oder würde von den Begünstigten „verschwendet“. Der Bericht zeigt dagegen, dass Barzahlungen zur den best erforschten Instrumenten der humanitären Hilfe gehören und analysiert über 200 entsprechende Studien.

Diese zeigen, dass Cash sicher, effizient und unter Einhaltung aller Rechenschaftspflichten ausgezahlt werden kann und die Menschen es gemäß ihrer eigenen Prioritäten verwenden. Damit erhalten sie wieder mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben, können selber Entscheidungen fällen, werden wieder zu ökonomischen Akteuren statt zu Objekten von Verteilungen und gewinnen so auch einen Teil ihre Würde zurück. Sie können kaufen, was sie brauchen, und müssen nicht mit dem vorlieb nehmen, was ihnen humanitäre Organisationen entsprechend ihres Mandats, ihrer Kenntnisse oder schlicht entsprechend ihrer Gewohnheit zukommen lassen wollen.

Die lokale Wirtschaft wird gestärkt, was sich auch positiv auf die Akzeptanz der Vertriebenen bei der ansässigen Bevölkerung auswirken kann. Insgesamt kann die Hilfe schneller ankommen, wenn sich die Hilfsorganisationen im Vorfeld entsprechend vorbereitet haben. Dies beinhaltet auch ausreichend Marktstudien durchzuführen um sicher zu sein, dass der lokale Markt die gewünschten Güter anbietet und die zusätzliche Kaufkraft die Preise nicht in die Höhe treibt.

Das Panel gibt 12 Empfehlungen, die sich in drei Blöcke teilen:

  1. Mehr Cash – Das Panel empfiehlt, ab sofort die Beweislast umzukehren und Barzahlungen zur Regel zu machen. Organisationen, die weiterhin Sachleistungen ausgeben wollen, sollen diese Wahl begründen müssen. Entsprechend sollten Organisationen in die nötige Vorbereitung investieren.
  2. Effizienteres Cash – Barzahlungen sollten gesondert in internationalen Statistiken auftauchen und ihre Effizienz mit der anderer Instrumente verglichen werden. Das Panel empfiehlt, andere Akteure – die längerfristige Entwicklungszusammenarbeit, soziale Sicherungssysteme aber auch den Finanzsektor – stärker zu beteiligen. Die Koordination von Cash-Programmen sowie ihr Umfang müssen ausgeweitet werden.
  3. Cash kann das gesamte internationale Hilfssystem verändern – Cash sollte zentrales Element der „Humanitarian Response Plans“ werden. Das Cluster-System teilt die verschiedenen Bedarfe der betroffenen Bevölkerung in Sektoren auf. Barzahlungen können diese künstlichen Silos einreißen. Damit hat Cash das Potenzial für weiterreichende Veränderungen in der humanitären Architektur, über deren Notwendigkeit sich die wichtigsten Akteure einig sind. Cash kann das System insgesamt leistungsfähiger, transparenter und rechenschaftspflichtiger machen.

Fazit: Cash: – nicht immer, aber immer öfter!

Den Bericht findet man unter http://www.odi.org/sites/odi.org.uk/files/odi-assets/publications-opinion-files/9828.pdf

Und noch als Nachtrag: Die genannten Vorteile von Barzahlungen gelten natürlich auch für die Diskussion um Sach- oder Geldleistungen für Asylsuchende in Deutschland!

Zeitschrift „welt-sichten“: Humanitäre Hilfe als Schwerpunktthema

Die soeben erschienene Ausgabe 3/2015 der entwicklungspolitischen Zeitschrift „welt-sichten“ beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema humanitäre Hilfe. Im Einleitungsbeitrag schreibt unser Mitblogger Jürgen Lieser, wie sich die humanitäre Hilfe in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Weitere Beiträge in diesem Heft sind u.a. von Yves Daccord, Generaldirektor des IKRK, Larissa Fast, vom Kroc Institute der University of Notre Dame (USA), und Brigitte Rohwerder vom britischen Institute of Development Studies.
Titelblatt welt-sichten

Sibylle findet gut zu lesen

Aus der Sicht eines Jungen aus dem Südsudan wird biographisch die Geschichte des sudanesischen Bürgerkriegs ab Mitte der 1980er Jahre erzählt.

Als Valentino 7 Jahre ist, wird sein Dorf angegriffen und niedergebrannt, er flieht mit Tausenden von anderen Kindern in ein Flüchtlingslager nach Äthiopien und später – als auch dort der Krieg ausbricht – in ein weiteres Flüchtlingslager im Norden von Kenia. Nachdem er mehr als 14 Jahre in ‚Kakuma‘ verbracht hat, ein Lager, dass 1992 vorrangig für Kinder und Jugendliche aus dem Südsudan mitten in der Wüste errichtet wurde, kommt er 2000 als einer der ‚Lost Boys‘ – wie die sudanesischen Jungen auf der Flucht genannt werden – in die USA.

Gerade durch die Ich-Erzählung erfährt man sehr Authentisches über den Bürgerkrieg, aber vor allem auch über das Leben in den Flüchtlingslagern. Eine hilfreiche Lektüre für alle, die in diesem Bereich arbeiten. Insbesondere angesichts des aktuellen Flüchtlingsdramas des Südsudans, wo wieder Tausende von Menschen auf der Flucht sind, in Flüchtlingslagern unterkommen müssen und externe Hilfe benötigen.

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http://www.kiwi-verlag.de/buch/weit-gegangen/978-3-462-04033-3/

Neue Trends: Analyse der jüngsten Großkrisen

Catherine Bragg (Adjunct Professor am Centre for Humanitarian Action, University College, Dublin und bis 2013 stellvertretende Leiterin von UN OCHA) analysiert die jüngsten Gr0ßkrisen in den Philippinen und in Syrien und sieht drei Trends, die Veränderungen in der klassischen humanitären Hilfe erfordern: Erstens, Regierungen, die nicht mehr um internationale Hilfe bitten. Zweitens, neue Formen der Hilfe, wie Cash-Based Programming. Und drittens, die neuen Akteure, die andere Mandate und Agenden haben, als die traditionellen humanitären Akteure.

Catherine Bragg sieht für die klassische humanitäre Hilfe die Notwendigkeit einer Umorientierung, weg von der Verteilung von Hilfsgütern, hin zu begleitenden Prozessen für die Menschen. Es gehe mehr und mehr darum, Zugang zu verschiedenen Formen der (Selbst-) Hilfe zu ermöglichen und um die Faktoren, die es den Menschen erschweren bestehende (Selbst-) Hilfepotentiale zu mobilisieren.

Für den deutschen Kontext ist diese Analyse insbesondere spannend. Soll die deutsche humanitäre Hilfe weiterhin Anstrengungen verstärken, sich in das aktuelle internationale System der humanitären Hilfe zu integrieren? Sollte der Schwerpunkt der aktuellen Reformbestrebungen weiterhin auf eine starke Rolle der VN setzen und die Anbindung an westlich dominierte Initiativen gesucht werden?

Oder integriert sich die deutsche humanitäre Hilfe damit nur stärker in ein Auslaufmodell? Sollte stattdessen die Energie darauf gerichtet werden, Ansätze zu finden, die mit der traditionellen Vorgehensweise der humanitären Hilfe brechen? Geht beides gleichzeitig? Hätte die deutsche humanitäre Hilfe dazu überhaupt die nötige Schlagkraft? Findet in Deutschland eine Debatte statt, welche die Beobachtungen von Catherine Bragg berücksichtigt?

http://reliefweb.int/report/world/humanitarian-action-bucking-system-trends-toward-new-approach

 

 

Corinna findet gut zu lesen…

 

Response analysis food security… die Ausarbeitung des Humanitarian Practice Network zu „Response analysis and response choice in food security crisis: a roadmap“, ein Thema, für das eine wirklich gute deutsche Bezeichnung noch fehlt, beschreibt einen analytischen Prozess, durch den Ziele und Modalitäten einer möglichen Hilfsintervention im Bereich von Nahrungmittelkrisen bestimmt und mögliche schädliche Nebenwirkungen minimiert werden.
Früher gab es in der Werkzeugkiste der humanitären Hilfe nur eine begrenzte Auswahl von Möglichkeiten. Die Direktverteilung, sei es von Nahrungsmitteln, Decken, Haushaltsgegenständen oder Baumaterialien war die Standardmethode, Menschen in Notlagen unmittelbar und konkret zu helfen. Heute haben sich die Optionen verbreitert: es gibt z.B. die Möglichkeit, Gutscheine zu verteilen oder direkt mit Bargeldhilfen einzuspringen oder eine Kombination der verschiedenen Herangehensweisen zu wählen. Damit rückt die Wahl zwischen diesen verschiedenen Optionen in den Blickpunkt und hierbei will dieses Dokument Hilfestellung leisten. Es stellt den Entscheidungsweg dar, erläutert die zu berücksichtigenden Faktoren und wie mit Einschränkungen umgegangen werden kann. Des weiteren erläutert es bereits existierende Analysekonzepte und geht darauf ein, wie die für die gut informierte Entscheidungsfindung notwendigen Informationen schon im Prozess der Bedarfserhebung gesammelt werden können, um Doppelarbeit zu vermeiden.
Das Dokument wurde von einem Team von Fachleuten aus der Ernährungssicherung verfasst, die beschriebenen Prozesse und Vorgehensweisen lassen sich aber leicht auch auf andere Sektoren übertragen.

Vera findet gut zu lesen…

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Leider nach wie vor aktuell.
Die Realität der afrikanischen Flüchtlinge hat sich seit 2007, als die italienische Originalausgabe des Buches „Bilal – Als Illegaler auf dem Weg nach Europa“ von Fabrizio Gatti erschien, nicht verbessert. Der Autor war auf einer der berüchtigtsten Transitrouten vom Senegal bis Italien unterwegs. Er wurde so Augenzeuge und Chronist einer Odyssee von Abertausenden, die ihr Leben auf der Suche nach einem bessern Leben riskieren. Auf der Insel Lampedusa angekommen, gelang es ihm, sich als kurdisch-irakischer Flüchtling mit dem Fantasienamen „Bilal Ibrahim el Habib“ auszugeben. So konnte er aus eigener Erfahrung über die menschenunwürdige Behandlung der Flüchtlinge dort berichten. Das Buch bleibt auch heute ein authentischer Beitrag zur aktuellen Flüchtlingsdebatte und der europäischen Abschottungspolitik.

Gatti, Fabrizio (2010): Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa. München, Verlag Antje Kunstmann. Seit 2014 als „ebook“ erhältlich. Italienische Originalausgabe (2007): Bilal. Viaggiare, lavorare, morire da clandestini. Verlag Rizzoli, Mailand. (Tiziano Terzani Preisgewinner2008).

Online-Leseproben: monde-diplomatique.de oder freitag.de

 

 

 

Sibylle findet gut zu lesen…

… die Geschichte des Kongos bis heute. Auf fast 800 kleinstgedruckten Seiten spannt der Autor den Bogen von vor der Kolonialherrschaft bis zur Gegenwart. Was sehr trocken und deshalb eventuell etwas abschreckend klingt, liest sich spannender als jeder Krimi. In vielen Interviews und Zeitzeugenberichten wird Geschichte extrem lebendig beschrieben.

Mir hat das Buch viel dabei geholfen, das Land und die Menschen nun etwas besser zu verstehen.

Cover Kongo Buch

David Van Reybrouck: Kongo – Eine Geschichte. Surkamp Verlag 2012

 

Schattenreich des Syrischen Bürgerkriegs. Die libanesische Bekaa-Ebene.

Diese Radiosendung kam heute (21. März) im SWR2 Wissen: Schattenreich des Syrischen Bürgerkriegs. Die libanesische Bekaa-Ebene. Eine Sendung von Martin Durm. SWR2 Wissen, 21.03.2014, 27:24 min

Sehr lohnenswert zu hören!

PS: falls der Link nicht direkt zum Audio führt, hier das Audio als mp3-Datei:

Ralf findet gut zu lesen…

….  den Bericht des sogenannten Listening Project. Der Bericht gibt den Menschen eine Stimme, um die es in der humanitären Hilfe geht. Gut 6000 Menschen, die entweder humanitäre Hilfe erhalten haben oder die mit der Umsetzung der Projekte vor Ort betraut sind, konnten in Interviews ihre Sicht auf die humanitäre Hilfe mitteilen.

Ich finde in dem Bericht viele Aussagen und Sichtweisen gut wiedergegeben, die ich selber hundertfach bei meinen Reisen erlebt habe. Diese wichtigen Beiträge haben oftmals keinen Platz in den Berichtsformaten, die wir für unsere eigenen Zwecke sowie für Kunden und Geldgeber zu schreiben haben. Der Bericht ist also eine sehr gute Gelegenheit einmal richtig zuzuhören: Time to listen.

Cover Listening Project