Wer schützt die Zivilbevölkerung?

Wieder einmal erleben wir in diesen Tagen auf drastische Weise, wie unschuldige Menschen Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen werden. Im Nahostkonflikt eskaliert erneut die Gewalt. Die Hamas nutzt die Zivilbevölkerung im Gazastreifen als Schutzschild für ihre Angriffe auf Israel. Israel bombardiert vermeintlich militärische Ziele in Gaza und nimmt in Kauf, dass zahlreiche unschuldige Menschen dabei getötet werden (bis heute Mittag, 19. Juli, über 300 Opfer). Am Strand von Gaza werden spielende Kinder von Raketen zerfetzt. Über der Ostukraine wird ein Zivilflugzeug mit 300 Menschen an Bord von einer Rakete getroffen – ob gezielt oder aus Versehen, macht keinen wesentlichen Unterschied. Wir haben noch die Bilder von der Bombardierung des Tanklastzuges in Kunduz mit mehr als hundert zivilen Opfern vor Augen. Ganz zu schweigen von den ungezählten Opfern der nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden Kriege in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan oder in Syrien.
Was diese Beispiele – und alle Kriege der letzten Jahrzehnte – zeigen: Der Schutz der Zivilbevölkerung, eine zentrales Element des humanitären Völkerrechts, wird im Ernstfall zu einer vernachlässigten Größe. „Kollateralschäden“ werden mit dem Ausdruck des Bedauerns in Kauf genommen. Eine „humane Kriegführung“ ist unter heutigen Bedingungen eine Illusion. Die saubere Trennung zwischen militärischen und zivilen Zielen ist auch mit höchster Technik und Präzision nicht möglich, wie wir immer wieder sehen. Die Forderung kann also nur lauten: Stoppt endlich die Gewalt!
Jürgen Lieser

Großer Bahnhof für Resilienz – Bericht vom EU-Forum in Brüssel

Am 28. April fand in Brüssel das erste EU- Forum zum Thema Resilienz statt. 120 Teilnehmende konnten vielfache Bekenntnisse zur Resilienz zu hören, so etwa von der EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe, Kristina Georgieva („Resilience will continue to be a priority.“) und von der Leiterin des UNDP, Helen Clark.

Das Forum war auch eine Art Marktplatz, wo man sich über die praktischen Anwendungen des Resilienz-Konzeptes informieren konnte. Dies war ein effektives Format, da es einen lebendigen Austausch zwischen den Teilnehmenden ermöglichte. Inhaltlich konnte man feststellen, dass einem öfters alte Schuhe als neue Mode angeboten wurden.

Auffällig war die unterschiedliche Anwendung des Konzeptes. Für die großen Institutionen, wie die VN, die Weltbank und die EU scheint das Konzept hilfreich zu sein, um einheitliche Ziele für verschiedene Arbeitsbereiche zu formulieren und systemübergreifend zu arbeiten. Die Durchführungsorganisationen wenden Resilienz dagegen eher auf der Programmebene an und formulieren konkrete Projektziele dazu.

Das Forum hat gezeigt, dass das Konzept nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt wird. Das kann man positiv sehen, als es damit ein Bekenntnis für flexibel ausgestaltete Hilfe und längerfristiges Engagement von höchster Stelle gibt. Anstatt wie noch in der jüngeren Vergangenheit das Ob und das Wie von Resilienz zu diskutieren, ging es in Brüssel um Fragen, wie Erfolge des Konzeptes gemessen werden können.

Letztendlich konnte die sehr optimistische Atmosphäre des Forums nicht darüber hinwegtäuschen, dass es weiterhin viele offene Fragen und Herausforderungen gibt. Kommissarin Georgieva wies selbst und erneut darauf hin, dass es auch heute noch immer leichter ist, Aufmerksamkeit (und damit Gelder!) nach Ausbruch einer humanitären Krise zu erhalten, als für Prävention und für ein langfristiges Engagement.

Auch die ewige Frage, wie es sich mit Nothilfeaktivitäten verhält, die aufgrund ihrer Modalitäten (schnell, gratis, ohne viel Beteiligung der Betroffenen) Resilienzziele unterlaufen können, blieb unbeantwortet.

Es wird wahrscheinlich im kommenden Jahr ein weiteres Forum geben. Die EU hat sich mit dem Thema Resilienz weit aus dem Fenster gelehnt. Spätestens beim kommenden Forum müssen dann auch konkretere Ergebnisse präsentiert werden.

Weiterführende Links zu der Veranstaltung hier:

First-of-its-kind Forum

Press release on resilience (April 2014)

 

Afghanistan-Konferenz von Ärzte ohne Grenzen

Zwischen Rhetorik und Realität – Die humanitäre Lage in Afghanistan – so lautet der Titel einer Konferenz, zu der Ärzte ohne Grenzen Berlin am 22. Mai 2014, 16 bis 19h, Kaiserin-Friedrich-Hörsaal, einlädt.
Die humanitären Bedürfnisse großer Teile der afghanischen Bevölkerung werden viel zu selten thematisiert, denn sie passen nicht in das Bild, das nach mehr als zehn Jahren westlicher Präsenz und Milliarden von Euro an Wiederaufbauhilfe projiziert werden soll. Doch die anhaltende Unsicherheit hat viele ernste Folgen für das Leben der Afghaninnen und Afghanen. Dazu gehört nicht zuletzt der schlechte Zugang zu und die geringe Verfügbarkeit von wichtigen Gesundheitseinrichtungen: Viele ländliche Kliniken funktionieren nicht richtig, und obwohl es mittlerweile mehr öffentliche Krankenhäuser gibt, funktionieren sie oft nicht gut und sind zudem überlastet. Überall mangelt es außerdem aufgrund der schlechten Sicherheitslage an qualifiziertem Personal, vor allem an Ärztinnen und Krankenschwestern. Die Unsicherheit behindert auch die Lieferung von Medikamenten und medizinischem Material. Darüber hinaus ist es für viele Afghaninnen und Afghanen zu gefährlich, die lange Fahrt zu einem Krankenhaus zu wagen. Es gibt zwar auch private Kliniken, doch sind sie für die meisten zu teuer.(s. auch den neuesten Afghanistan-Bericht von MsF.
Die angekündigte Debatte wird sich mit folgenden Fragen beschäftigen: Wie ist die Lage in Afghanistan nach mehr als 30 Jahren kriegerischer Auseinandersetzungen und mehr als zehn Jahren westlicher Präsenz? Was sind die Nöte der Bevölkerung? Wo müssen internationale Hilfsorganisationen aktiv(er) werden und wie ist das möglich?
Im Rückblick auf die Interventionsstrategie der westlichen Staaten soll auch diskutiert werden, welchen Einfluss die Vernetzung von zivilen und militärischen Aufgaben auf die Arbeit der humanitären Organisationen hatte und hat. Sind sie durch die Integration in die Counter-Insurgency-Strategie zur Zielscheibe von Angriffen geworden? Wie kann die Bevölkerung zwischen politisch motivierter und unabhängiger Hilfe unterscheiden?
Im Kontext der sich verändernden Situation in Afghanistan soll es auf der Konferenz darum gehen, aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre zu lernen und auf die Notlage vieler Menschen im Land aufmerksam zu machen.

Weitere Informationen und Anmeldung auf der Internetseite von Ärzte ohne Grenzen

2014: Was ForHumHilfe sich vornimmt

Im vergangenen Jahr wurden in diesem Forum fünfundzwanzig Beiträge veröffentlicht. Das heißt circa alle zwei Wochen eine Veröffentlichung. Für die in 2013 geposteten Kommentare zu einzelnen Blogbeiträgen bedanken wir uns und wünschen uns mehr davon in 2014. Auch haben wir uns sehr über sieben Gastbeiträge gefreut und würden auch in 2014 sehr gerne wieder Beiträge veröffentlichen, die wir nicht selber schreiben! Wir sind offen für alle möglichen Themen, wenn sie nur mit der humanitäre Hilfe zu tun haben. Die Texte brauchen nicht lang sein und wir helfen auch gerne mit der Aufbereitung.

Anlässe für Beiträge sollte es genug geben. Über den Jahreswechsel konnte man verfolgen, wie sich die humanitären Krisen im Südsudan und in der Zentralafrikanischen Republik verschlimmern. Auch die im Jahr 2013 in den Medien intensiv verfolgten humanitären Katastrophen in den Philippinen und in Syrien werden uns sicherlich noch im Jahr 2014 beschäftigen.

Über Beiträge zu diesen aktuellen Krisen hinaus, hat sich ForHumHilfe einiges für 2014 vorgenommen: Was passiert unter der neuen Bundesregierung in der deutschen humanitären Hilfe? Was bedeutet Resilienz für die humanitäre Hilfe? Wir wollen die vergessenen Krisen nicht aus dem Blick verlieren und planen zum Beispiel einen weiteren Beitrag aus dem Kongo. Außerdem wird es eine neue Rubrik mit empfehlenswerter Literatur unter dem Titel „Gut zu lesen!“ geben.

Auf geht es in das neue Jahr!

Humanitarian Studies Conference – Theorie und Praxis

Die Humanitarian Studies Conference erlebte ihre dritte Ausgabe Ende Oktober. Fast 300 Teilnehmer aus aller Welt versammelten sich für vier Tage im schönen Istanbul. Die Konferenz musste mit den Verlockungen des attraktiven Veranstaltungsortes konkurrieren. Man fragt sich, ob die Konferenz gut genug ist, um die Teilnehmenden bei dem schönen Wetter in den Hörsälen der Kadir Has University zu halten. Oder anders gefragt: Ist die Konferenz für die praktische humanitäre Hilfe tatsächlich relevant? Kann sie am Ende dazu beitragen, dass Menschen in humanitären Notlagen bessere Hilfe erhalten?

So viel vorneweg: Die Veranstaltungen waren gut besucht. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Forscher/innen und Instituten, die sich direkt oder indirekt mit der humanitären Hilfe beschäftigen. Auch die „namhaften“ Hilfsorganisationen waren vertreten, wobei es gut war, dass Teilnehmende aus verschiedenen Kontinenten anwesend waren. Noch relevanter könnte die Konferenz werden, wenn auch mehr staatliche Vertreter/innen teilnähmen. Nach Gebervertreter/innen musste man vergeblich Ausschau halten. Auch Vertreter/innen der VN gab es nur sehr vereinzelt.

Die Konferenz bietet den Vorteil, dass Teilnehmende sich aus einem breiten Spektrum an Angeboten (über 50 Panels) eine Vielzahl von Themen aussuchen können. Und was wurde besprochen? Unter anderem natürlich „Resilience“, aber auch sehr prominent das Konzept von „Human Security“. Wie so oft in der humanitären Hilfe, wurden auch in Istanbul die aktuellen (oder besser: die in den Medien vertretenen) Krisen wie zum Beispiel Syrien besonders beachtet. Ein weiteres Thema war die partnerschaftliche Arbeit, insbesondere unter dem Blickwinkel einer möglichen Verschiebung der globalen humanitären Hilfe auf die lokale Ebene. Die Rolle von Institutionen in fragilen Kontexten wurde besprochen und dort insbesondere die Rolle des Privatsektors.

Etwas überraschend ist, dass die noch junge Konferenz sehr klassisch -wenn nicht gar altmodisch- organisiert wird. Ein Panel reiht sich an das andere. Unzählige Powerpointpräsentationen flackern über die Leinwände. Es würde der Konferenz guttun, wenn etwas lebendigere Methoden und Innovation Einzug erhielten.

Mit ihrem breiten Themenspektrum und gutem Weitblick ist die Konferenz sicherlich auch für die deutschsprachige Community von Interesse. Teilnehmende, die wiederholt an der Konferenz teilgenommen haben, berichten von einer Qualitätssteigerung in den Diskussionsbeiträgen über die vergangenen Jahre. Wenn es wohl noch ein langer Weg ist, bis Wissenschaft und Praxis effektiv miteinander verbunden sind, so etabliert sich die Veranstaltung doch als weiteres Element eines professionellen Sektors.

25. – 27.10.2013: Humanitärer Kongress in Berlin

Kein Zugang zu Patienten! Wen interessiert’s?

XV. Humanitärer Kongress vom 25. – 27. Oktober 2013 über den Zugang humanitärer Hilfsorganisationen zu Menschen in Not

Unter dem Titel „No Access! Who Cares? How to Reach People in Need“ führt der Kongress mehr als 70 Experten aus Wissenschaft, Medizin, Politik und Medien sowie Studierende unterschiedlicher Fachbereiche in über 20 Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Workshops in Berlin zusammen. Sie diskutieren zu Themen wie Flüchtlinge und Internally Displaced Persons, Gesundheitsrisiken und Vergiftungen durch die Rohstoffindustrie, multiresistente Tuberkulose, Satelliten und Drohnen zur Informationsgewinnung in Krisen oder über neue Akteure und Werte in der humanitären Hilfe. Desweiteren gibt es Workshops zu medizinischen Themen wie Community Based Health Care, Meningitis und Mutter-Kind-Gesundheit. Im sozialwissenschaftlichen Bereich wird u.a. über die Herausforderungen des humanitären Zugangs und über Strategien zum Schutz der Zivilbevölkerung diskutiert.

Am Freitag, 25.10., wird es eine öffentliche Abendveranstaltung zum Thema „Distant Suffering: Visual Access to the War Zone – Humanitarian Imagery in the Media“ geben.

Der Humanitäre Kongress ist eine internationale Plattform für den Austausch von Informationen, Erfahrungen und Ideen zur humanitären Hilfe. Renommierte Experten wie Yves Daccord (General Director ICRC), Nobhojit Roy (Jamsetji Tata Centre of Disaster Management), Lilie Chouliaraki (London School of Economics), Dennis McNamara (Centre for Humanitarian Dialogue), Jeddy William Namfua (UNHCR Kenya), Tom Koenigs (Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe im Bundestag), Jörg Armbruster und Stephen Hopggod (SOAS) werden u.a. als Sprecher vertreten sein.

Der Kongress findet in englischer Sprache statt und wird veranstaltet von Ärzte ohne Grenzen, Ärzte der Welt, dem Deutschen Roten Kreuz, der Ärztekammer Berlin und der Charité Universitätsmedizin Berlin. Anmeldung und weitere Informationen unter: www.humanitarian-congress-berlin.org oder www.facebook.com/humanitarian.congress.berlin

Neuerscheinung: Handbuch Humanitäre Hilfe

Kürzlich ist beim Springer-Verlag das „Handbuch Humanitäre Hilfe“ erschienen. Produktflyer, Inhaltsverzeichnis und Vorwort sind unter folgendem Link abrufbar:  http://www.springer.com/law/international/book/978-3-642-32289-1

Herausgeber sind Jürgen Lieser und Dennis Dijkzeul. Fast alle MacherInnen dieses Blogs haben an der Entstehung des Buches mitgewirkt. Insofern darf man den Hinweis auf diese Neuerscheinung durchaus als „Klappern in eigener Sache“ verstehen. Dass wir das Buch wichtig finden und es allen LeserInnen unseres Blogs – und nicht nur diesen – ans Herz legen, versteht sich somit von selbst.

„Warum erst jetzt ein Handbuch zur Theorie und Praxis der humanitären Hilfe in deutscher Sprache?“ fragen die Herausgeber im Einführungskapitel. Warum fristet die humanitäre Hilfe im deutschen Wissenschaftsbetrieb bisher ein eher stiefmütterliches Dasein? Einerseits gewinnt die humanitäre Hilfe zunehmend an politischer Bedeutung, erfährt mediale Aufmerksamkeit und genießt hohe moralische Wertschätzung,  andererseits ist sie selten Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, politischer Analyse und publizistischer Tätigkeit. Das Buch will hier eine Lücke schließen. Ob das gelungen ist, müssen die Leserinnen und Leser beurteilen.

Nicht nur die Herausgeber, sondern auch wir sind gespannt auf Ihre Kommentare.

Gastbeitrag des Auswärtigen Amtes: Vergessene humanitäre Krisen – was können wir tun?

Akteure im internationalen humanitären Sektor beobachten mit zunehmender Sorge: Lang andauernde humanitäre Krisen nehmen zu. Konflikte mit dramatischen humanitären Auswirkungen, wie in der Zentralafrikanischen Republik oder in Somalia, bestehen seit Jahren, ja zum Teil seit Jahrzehnten, eine Lösung scheint nicht in unmittelbarer Sicht. Gleichzeitig steigt der weltweit wachsende humanitäre Bedarf und übertrifft die Möglichkeiten der internationalen humanitären Hilfe bei weitem. Im Jahr 2013 beziffern die Vereinten Nationen in ihren konsolidierten Hilfsaufrufen den globalen humanitären Bedarf auf rund 13 Mrd. USD; ein trauriger Rekordwert. Die aktuelle Syrienkrise allein weist einen humanitären Bedarf von ca. 4,4 Mrd. USD auf – der höchste je in einer einzelnen humanitären Krise festgestellte Bedarf. Die durchschnittliche Deckung der Hilfsaufrufe liegt bei lediglich 44%.

Die Bilder der syrischen Flüchtlinge im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari oder der gewaltsamen Zerstörungen in Aleppo oder Homs laufen fast täglich über die Fernsehbildschirme in unseren Wohnzimmern – die mediale Aufmerksamkeitsspirale ist weiter im Aufwind. Jedoch kippt bei lang andauernden Krisen das öffentliche Interesse häufig in eine Abwärtsbewegung, bis diese humanitären Krisen aus den Medien verschwunden sind. Wann haben Sie das letzte Mal einen Artikel über die humanitäre Lage in der Zentralafrikanischen Republik oder Jemen gelesen?

Dies sind vergessene humanitäre Krisen. Als solche gelten langandauernde humanitäre Krisen, die vom internationalen humanitären Engagement, der Öffentlichkeit und den Medien nur in geringem Maße berücksichtigt werden. Vergessene humanitäre Krisen entstehen durch eine Wechselwirkung zwischen fehlenden finanziellen und personellen Ressourcen und geringem politischem wie auch öffentlichem Interesse.

Die Ende 2012 vom Auswärtigen Amt veröffentlichte Strategie zur Humanitären Hilfe im Ausland misst dieser Problematik besondere Bedeutung bei.

Um der ungleichen Gewichtung humanitärer Hilfsmaßnahmen besser begegnen zu können, haben humanitär tätige internationale Organisationen und die EU spezifische, auf vergessene humanitäre Krisen ausgerichtete Instrumente entwickelt. Hierzu gehören das „Forgotten Crisis Assessment“ der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der EU-Kommission (ECHO) und der von UN-OCHA verwaltete Central Emergency Response Fund (CERF), bei dem ein Drittel der Mittel für vergessene humanitäre Krisen reserviert sind. Diese Instrumente stellen für das Auswärtige Amt eine wichtige Orientierung im Umgang mit vergessenen Krisen dar.

Das für die humanitäre Hilfe der Bundesregierung zuständige Fachreferat des Auswärtigen Amtes und der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) haben Mitte Juni 2013 im Rahmen ihrer jährlichen Klausurtagung und einer anschließenden Podiumsdiskussion über die Herausforderung vergessener humanitärer Krisen und gemeinsame Handlungsoptionen, um diesen humanitären Notlagen besser gerecht werden zu können, diskutiert. Veranstaltungsteilnehmer waren neben Regionalexperten zu vergessenen humanitären Krisen insbesondere Vertreter aus Politik, humanitäre Hilfsorganisationen, fachbezogene Wissenschaftsinstitutionen und Medien. In mehreren Arbeitsgruppen wurden die der Problematik vergessener humanitärer Krisen zugrundeliegenden Faktoren analysiert und Wechselwirkungen zwischen Politik, Medien und humanitärer Hilfe diskutiert. Die Veranstaltungsteilnehmer waren sich einig, dass angesichts des immer größeren humanitären Bedarfs weltweit vergessene humanitäre Krisen verstärkter Aufmerksamkeit und gemeinsamer Anstrengungen bedürfen.

Auf die Frage „Vergessene humanitäre Krisen – Was können wir tun?“ haben die Teilnehmer Lösungsansätze entwickelt, die VENRO und das Auswärtige Amt zukünftig gemeinsam weiterverfolgen werden.

Um die genannte Wechselwirkung zwischen fehlenden finanziellen sowie personellen Mitteln und geringer öffentlicher Aufmerksamkeit zu durchbrechen, ist ein stärkeres gemeinsames Eintreten aller humanitären Akteure für vergessene Krisen notwendig. Vorausschauende Gestaltung humanitärer Hilfe sowie die Stärkung lokaler Kapazitäten sind dabei Schlüsselfaktoren für ein noch effizienteres humanitäres Engagement. Innovative und flexible Finanzierungsinstrumente sollen diesen Prozess fördern. In diesem Zusammenhang unterstützt das Auswärtige Amt Innovation, aber auch Initiativen zur Qualitätssicherung in der humanitären Hilfe. Zudem legt das Auswärtige Amt einen Schwerpunkt auf humanitäre Katastrophenvorsorge, „Preparedness“ und Hilfe zur Selbsthilfe für von humanitären Krisen betroffene oder gefährdete Bevölkerungen. Auch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit von humanitären Nichtregierungsorganisationen und Bundesregierung, z.B. Informationsveranstaltungen oder ein „Tag zu vergessenen humanitären Krisen“, kann dazu beitragen, dass vergessene humanitäre Krisen mehr Aufmerksamkeit erfahren.

Ina Lepel, Beauftragte für Globale Fragen in der der Abteilung Vereinte Nationen und Globale Fragen, Auswärtiges Amt

Ein Jahr Forum Humanitäre Hilfe: Eine Zwischenbilanz

Seit Anfang Juli 2012 sind wir mit unserem Blog online. Da lohnt mal ein Blick auf die Statistik: 31 Beiträge wurden bisher eingestellt, es gab acht Kommentare. 16 Aufrufe verzeichnet der Blog im Durchschnitt pro Tag. Spitzenreiter war der 2. Juli 2012 mit 407 Aufrufen! 68 Follower haben den Blog über die „Follower“-Funktion bisher abonniert. Bei Wikipedia, Stichwort „Humanitäre Hilfe“, ist der Link zum Blog aufgeführt. Das ist für den Anfang nicht schlecht.

Was sich die MacherInnen (vier Frauen, zwei Männer) nun aber wünschen, sind mehr Kommentare, Gegendarstellungen und Gastbeiträge. Der Blog will Diskussionsforum sein und wir wissen so besser, ob wir mit den gebloggten Themen richtig liegen.

Deshalb laden wir Sie ein: Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu den Beiträgen, die wir veröffentlichen. Wir freuen uns insbesondere auch über Gastbeiträge „aus dem Feld“, also von Leuten, die vor Ort mit den Alltagsproblemen der humanitären Hilfe konfrontiert sind und die die Erfolge und Misserfolge des humanitären Systems praktisch erleben.

Und noch etwas: Wenn Sie unseren Blog gut finden, erzählen Sie es weiter. Und vielleicht setzen Sie einen Link auf Ihre Homepage? Wir freuen uns auch über weitere Follower. Das geht ganz einfach: links unten auf dem Blog den Button „follow“ anklicken und die Emailadresse angeben. Dann bekommen Sie jeden neuen Artikel zugemailt. Mehr passiert mit Ihrer Emailadresse nicht! Es gibt auch die Möglichkeit eines RSS Feeds.

Wir freuen uns auf eine wachsende Leserschaft und lebhafte Diskussionen!

„Informal Settlements“ in Kabul: Weil nicht sein kann was nicht sein darf?

Die sogenannte „transition“, d.h. der Abzug der internationalen Truppen aus Afghanistan Ende 2014 und die Übernahme der Sicherheitsverantwortung durch die afghanischen Sicherheitskräfte, ist in der politischen und medialen Debatte derzeit sehr präsent. Oft wird darauf hingewiesen, dass der Abzug viel mit der wachsenden Interventionsmüdigkeit der internationalen Akteure zu tun hat, die angesichts der fehlenden Perspektiven und in Zeiten allgemeiner Budgetprobleme andere Prioritäten setzen wollen – und wenig mit der tatsächlichen Stabilisierung der Lage vor Ort.

Ein Beispiel aus dem Alltag einer Hilfsorganisation vor Ort: Auch nach 12 Jahren massivster internationaler Präsenz und Abermillionen internationaler Mittel gibt es in den Außenbezirken von Kabul improvisierte Lager, in denen intern Vertriebene unter Plastikplanen, in Zelten oder aus Kartons und Lehm zusammengeschusterten Verschlägen leben. Menschen wie Mahera mit ihren sechs Kindern: Schon während der russischen Herrschaft floh die Familie aus ihrer Heimatprovinz Helmland nach Pakistan. Nach dem Sturz der Taliban wurde die Lage zu Hause deutlich besser, bis sie 2009 wieder vor Kämpfen zwischen der Regierung, internationalen Truppen und der bewaffneten Opposition fliehen mussten. Zunächst ließen sie sich auf dem Markt einer größeren Stadt nicht weit von ihrem Dorf entfernt nieder, wo auch andere Vertriebenenfamilien Schutz gesucht hatten. Nach wenigen Monaten wurden sie jedoch wieder gezwungen zu gehen, da sie keine Miete bezahlen konnten. So kamen sie über eine weitere Zwischenstation in Kabul an, wo sie derzeit zusammen mit ca. 200 anderen Familien auf dem Gelände einer Textilfabrik leben.

Da die Fabrik erweitern will, stehen sie nun erneut vor dem Rauswurf. Ihnen ist sehr wohl bewusst, dass sie das Land illegal okkupiert haben, aber ihr Standpunkt ist: „Wenn die Regierung in der Lage wäre, unsere Heimatdörfer zu schützen, dann gingen wir zurück. Solange sie dies aber nicht tut oder nicht tun kann, muss sie uns einen sicheren Lagerplatz in Kabul zur Verfügung stellen. Vorher gehen wir hier nicht weg.“ In einem ähnlichen Fall in einem anderen Lager kamen eines Morgens einfach die Bulldozer.

Die Regierung fühlt sich nicht zuständig, ihr gelten die sogenannten „informal settlements“ als Schandflecke, die beseitigt werden sollen. Die internationale Gemeinschaft ihrerseits debattiert, wer die „wirklichen“ Vertriebenen sind, die aus ihren Heimatgebieten fliehen mussten und deshalb nach internationalem humanitären Völkerrecht geschützt werden müssen – und wer „nur“ zur völlig unübersichtlichen Gruppe der landflüchtigen Migranten gehört, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Kabul gekommen sind.

Kann man also gar nichts tun, weil die einen das Problem ignorieren und die anderen die passende Schublade suchen? Doch, man kann, sowohl praktisch wie politisch: Sozialarbeiter des Norwegian Refugee Council (NRC) intervenieren in der nahe gelegenen Grundschule um den Rektor zu überzeugen, dass auch die Flüchtlingskinder in seiner Schule aufgenommen werden. Sie sprechen mit anderen Hilfsorganisationen, damit z.B. ein Mal in der Woche eine mobile Klinik vorbei kommt. Das verbessert ein wenig die unmittelbaren Lebensumstände. Vor allem aber arbeiten NRC’s Rechtsanwältinnen an diesem Fall, zusammen mit dem UNHCR, der Afghan Independent Human Rights Commission sowie dem Ministerium, das für Flüchtlinge zuständig ist. Eine gemeinsame Kommission vermittelt Verhandlungen mit der Textilfabrik und versucht, die rechtliche Lage zu erklären und vor allem praktische Zugeständnisse zu erzielen. Auf politischer Ebene arbeiten NRC und UNHCR zusammen mit dem Ministerium an einer nationalen Strategie für intern Vertriebene, damit die Regierung das ungelöste Problem der internen Vertreibung endlich eingesteht und eine verbindliche Grundlage geschaffen wird, auf der dann konkrete Fälle, wie der des Lagers von Mahera, gelöst werden können.