Taifun Haiyan: Nothilfe und Berichterstattung

Zwischen Banda Aceh und Port-au-Prince liegen über 17.000 Kilometer und damit eigentlich Welten. Doch eines haben diese Städte gemeinsam: Wer die Namen in die Google-Bildersuche eingibt, erhält ausnahmslos Trümmerwüsten. Banda Aceh und Port-au-Prince sind in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch eines: Symbolorte für schwere Naturkatastrophen. Im November 2013 ist ein weiterer Symbolort hinzugekommen: Tacloban.

Die Hauptstadt der philippinischen Provinz Leyte wurde von Taifun Haiyan erbarmungslos getroffen. Die Zerstörung war gewaltig, rund 5000 Menschen verloren in dem Chaos ihr Leben. In der Bildzeitung war täglich von der „Totenstadt Tacloban“ zu lesen, aus aller Welt reisten Medienvertreter an. Die Stadt war in aller Munde.

Von den Inseln Samar, Cebu und Panay war weit weniger die Rede, obwohl es auch hier weite Landstriche schwer getroffen hatte. Die Todeszahlen waren – teils wegen guter Evakuierungsmaßnahmen – zwar geringer, der Zerstörungsgrad und der Bedarf der Überlebenden aber dennoch immens hoch.

Hilfsorganisationen müssen in einer solchen Situation „kühlen Kopf“ bewahren und dürfen sich nicht von der Berichterstattung steuern lassen. Tacloban benötigte zweifellos ein hohes Maß an Nothilfe, andere Regionen durften deshalb aber nicht auf der Strecke bleiben. Die Koordinierungsstellen haben die schwierige Aufgabe, sowohl Überschneidungen als auch Versorgungslücken zu vermeiden. Auf den Philippinen hat das sicherlich nur bedingt geklappt. In der unmittelbaren Nothilfe-Phase war Tacloban übervölkert von humanitären Helfern, während andere Regionen zum Teil allzu lang auf Hilfe warten mussten.

Etwa zehn Tage nach Haiyan war die Katastrophe aus den internationalen Medien schlagartig verschwunden. Das war zu erwarten – konnte man dies doch bei früheren vergleichbaren Katastrophen ähnlich feststellen. Der Wiederaufbau muss nun weitgehend ohne mediale Begleitung ablaufen. Damit hat auch die „Totenstadt Tacloban“ zu kämpfen, denn die Zerstörung ist noch immer allgegenwärtig, doch die internationale Hilfe hat sich merklich ausgedünnt.

Moritz Wohlrab

Pressereferent Aktion Deutschland Hilft

Michael Ignatieff und die Schutzverantwortung R2P

Fünfzehn Prozent. Das ist laut Professor Michael Ignatieff die Wahrscheinlichkeit für eine friedliche Lösung des Syrienkonflikts. Nur wenn Russland überzeugt werden kann, dass es in seinem strategischem Interesse liegt, die Unterstützung des Assad-Regimes zu beenden und den diplomatischen Druck zu erhöhen, kann es noch zu einer friedlichen Lösung kommen.

Diese Analyse präsentierte Ignatieff am 15. Mai während einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „The Responsibility to Protect in a Post-Western World, Mass Atrocities, the BRICS and the West“. Und sie enthält im Kern die komplette Problematik des Konzepts der Schutzverantwortung: Was nützen normative Gebote in einer Welt, die von realpolitischem Kalkül dominiert ist?

R2P ist ein von der UN initiiertes normatives Konzept zur Verhinderung von Massenverbrechen. Es besagt, dass wenn ein Staat den Schutz seiner eigenen Bevölkerung vor „Genoziden, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nicht leisten kann oder will, fällt die Verantwortung, basierend auf Kapitel VII der UNO Charta, der internationalen Staatengemeinschaft zu. Kapitel VII autorisiert die Staatengemeinschaft dazu, Waffengewalt einzusetzen, falls friedliche Mittel sich als unzureichend herausstellen.

Kritiker argumentieren, dass das Konzept nichts anderes sei als ein verkappter Angriff auf die nationale Autonomie von kleineren Staaten, ein Versuch sogenannte „humanitäre Interventionen“ im internationalen Recht zu etablieren oder nicht mehr sei als eine rhetorische Übung, die den tatsächlich Schutzbedürftigen wenig hilft.

Diese Kritik ist zwar mit Vorsicht zu genießen, da sie oft von Regierungen vorgetragen wird, die alles andere als verantwortlich mit  interner Kritik umgehen; sieht man sich jedoch näher an, wie in den letzten Jahren das Konzept oder die Rhetorik der Schutzverantwortung benutzt worden ist (oder bewusst vermieden worden ist), wird einem klar, dass der Gebrauch extrem selektiv ist. Als Beispiele dienen hier Frankreichs Anrufung des Konzeptes gegen die Burmesische Junta  nach dem Zyklon Nargis 2008 und Russlands Rechtfertigung seines militärischen Eingreifens in Süd-Ossetien mit der Schutzverantwortung.

Befürworter von R2P verweisen auf Kenia, ein Land, in dem die Anwendung ein größeres Blutvergießen verhindern konnte. Wieso dieselben Befürworter Somalia oder Darfur nicht durch die Linse der Schutzverantwortung sehen wollen, belegt zumindest, dass das Konzept selektiv angewendet wird.

Die gerade genannten Beispiele zeigen, dass sich trotz anerkannter neuer Normen in der Art, wie politischer Druck oder militärische Macht auf internationaler Ebene benutzt werden, wenig geändert hat. Das wird gerade wieder auf beeindruckende Weise durch Russlands ‚Niet‘ im UN Sicherheitsrat zu einer Intervention in Syrien bezeugt.

Russland und China möchten sich die Freiheit bewahren, in ihren eigenen Grenzen ohne externe Einmischung zu herrschen, daher fürchten sie, dass eine militärische Intervention, vom Sicherheitsrat sanktioniert, einen Präzedenzfall schaffen würde.

 Und dass die Schutzverantwortung auch von ihren Verfechtern oft instrumentell genutzt wird, haben die alliierten NATO-Kräfte in Libyen gezeigt. Russland und China, fühlen sich bis heute vom Sturz Gaddafi hintergangen. Schutzverantwortung und Regimewechsel sind nicht dasselbe. In den Worten des russischen Außenministers Sergei Lavrov:  „The international community unfortunately did take sides in Libya and we would never allow the Security Council to authorize anything similar to what happened in Libya“.

 Aus humanitärer Sicht zeigt die Eskalation der Gewalt in Syrien, dass es eigentlich egal ist, ob die Schutzverantwortung nun ein normativer Friedensmechanismus ist oder doch ein verkappter neo-kolonialer Angriff auf die Souveränität kleinerer Staaten: Den Syrern hat die Schutzverantwortung bisher wenig genutzt, und ob sie den Libyern geholfen hat, ist auch noch nicht sicher.

Auf die Frage, wie Professor Ignatieff sich eine Lösung des Konflikts vorstellt, antwortete er, dass es darum gehe der russischen Regierung zu verstehen zu geben, dass auch ihre geopolitischen Interessen gefährdet seien. Ein sich ausweitender syrischer Bürgerkrieg würde die gesamte Region destabilisieren, und dadurch russische (und chinesische) realpolitische Interessen gefährden.

Scheint logisch, aber wo genau liegt der Nutzen eines normativen Konzepts in einer Welt geprägt von realpolitischem Kalkül?

Sebastian Frowein, Koordinator des Humanitären Kongresses 2013

Gastbeitrag: Wie kann sich der Helfer in der Syrien-Krise selbst helfen?

Die furchtbare Gewalt in Syrien hat schreckliche Folgen: Leben und Gesundheit, Wohn- und Existenzmöglichkeiten werden bedroht und zerstört. Für viele Familien ist die Flucht aus der Heimat in Nachbarländer eine letzte Chance. Besonders der jordanische Staat und internationale Hilfsorganisationen boten und bieten den Flüchtlingen Aufnahme und Unterkunft in schnell eingerichteten Lagern an.

Eine Auffangsiedlung, die schnell zur Auffangstadt wird, in drängender Zeit bereit zu stellen, bedarf trotz aller Erfahrungen aus anderen Einsätzen eines Höchstmaßes an Organisationstalent, Anpassungsfähigkeit, Risikobereitschaft, wohl auch Improvisationsvermögen aber vor allem Frustrationstoleranz. So entstand hier in einigen Monaten die Lagerstadt Zaatari mit einem enormen finanziellen und materiellen Aufwand.

Doch wie kann der Helfer den Bedürfnissen der Flüchtlingen für ein erträgliches Leben und den Ansprüchen an die eigene Arbeit gerecht werden? Unter den Bedingungen des Lebens unter freiem Himmel ist es oft schwer bzw. unmöglich, Zufriedenheit durch ausreichende Unterstützung zu erreichen. Deshalb, so denke ich,  ist es notwendig, um sich auch selbst immer wieder zu motivieren, den eigenen Maßstab für das Gefühl der ausreichenden Wirksamkeit des Handelns und der Selbstzufriedenheit stets wieder neu den äußeren unveränderbaren Einflüssen anzupassen.

Es gibt eben trotz aller Perfektion im Management und der Logistik des Helfens vor Ort immer mehr Ungenügendes als Zufriedenstellendes, mehr Mangelhaftes als Ausreichendes, mehr Verzicht als Versorgung, mehr Chaos als Ordnung, und mehr Frust als Freude – auf beiden Seiten, der des Helfers und der des Hilfe-Empfängers.

Der Großteil der Lager-Bewohner bemüht sich um äußeren und inneren Frieden, doch Frust fürs Hilfspersonal entsteht, wenn auch die dunkle Seite des menschlichen Verhaltens ins Lager zieht mit Egoismus, Habsucht, Raffgier, Rücksichtslosigkeit, Gewalt, Kriminalität und Radikalität. Mit Diebstahl und Schmuggel muss ohnehin gerechnet werden.

Wenn nun die traurige Realität in einem Lager Einzug gehalten hat, es die maximale Kapazität erreicht hat und die Möglichkeit besteht ein komplett neues Lager auf der nicht ganz so grünen Wiese zu bauen, so entsteht leicht der Wunsch im neuen nun alles besser zu machen. Der Wunsch Erfahrungen einfließen zu lassen, zu planen und Infrastrukturen, Organisations-, Verwaltungs- und Überwachungsabläufe noch effizienter, lenkbarer und korrigierbarer zu machen. Gedacht und getan, doch sehr wohl verdacht und vertan!

So fordert doch die Schnelligkeit des Geschehens, die Unberechenbarkeit der Abläufe, das ständige Provisorium oft seinen Tribut. Es gilt zu lernen, dass es auch beim Aufbau neuer Flüchtlingslager diese allgegenwärtige Unbeeinflussbarkeit, diese Unübersichtlichkeit, diese Unvollkommenheit gibt.

Die Hilfe für den Helfer besteht dann einzig darin, dass er sich vergegenwärtigt, welche segensreiche Chance und welche enttäuschende Begrenzlichkeit eben nun einmal im Helfen bestehen.

Die momentan Bedürftigen und die momentan Gebenden sollten diese Balance in den ethischen Kategorien von Ehrfurcht, Würde, Achtung und Respekt sowie den Tugenden von Ordnung, Disziplin, Genügsamkeit und Dankbarkeit leben und sich gegenseitig spürbar machen. Dies ist leichter gesagt als getan – sollte aber trotzdem ab und zu gesagt werden um dann auch getan werden zu können.

Geschrieben von Martin Suvatne als „Privatperson“

In Jordanien als “Programme Manager Shelter“ für das Norwegian Refugee Council (NRC)

Professionalisierung, Berufseinstieg und EU-Sichtbarkeit: EVHAC / EU Aid Volunteer Korps – ein humanitärer Freiwilligenkorps für Europa

Im Vertrag von Lissabon fand humanitäre Hilfe erstmalig in einem Vertrag der Europäischen Union aus eigenem Recht Erwähnung. Darin wurde die Schaffung eines humanitären Freiwilligenkorps festgelegt, der ab 2011 mit einem Budget von 260 Millionen Euro Gestalt annehmen sollte. Wie bei seinem Vorbild, dem amerikanischen Friedenskorps, sollen junge Menschen als „Flaggschiff europäischer Solidarität“ entsandt werden, um dadurch die Reputation der Europäischen Union zu stärken. Es sollen in Zeiten der Jugendarbeitslosigkeit sinnträchtige Aufgaben und Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Für Zeiten unzureichender Finanzmittel soll außerdem ein Pool kostengünstiger Personalressourcen für ein direktes Engagement in Krisen vor Ort bereitgestellt werden.

Als humanitäre Hilfsorganisationen zusammen mit DG ECHO gegen das Dekret protestierten, war der Vertrag jedoch schon gültig. Die Kritik richtete sich gegen ein Instrument, das der Reputation und „Sichtbarkeit“ der EU sowie der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit dienen soll. Weitere Kritikpunkte wurden in einen späteren Konzeptentwurf aufgenommen. Dazu zählen, die Vorgaben, dass Freiwillige nicht in Gefahrensituationen eingesetzt werden dürfen. Im Jahr 2011 trat das Programm in eine Pilotphase ein, bekannt als „EVHAC – European Voluntary Humanitarian Aid Corps“. Seit 2012 heißt es EU Aid Volunteers.

Die Schaffung des EVHAC erfolgt zeitgleich mit der Umsetzung einer Reihe von Initiativen im humanitären Sektor, die der Professionalisierung dienen. Es werden heute zunehmend Fachabschlüsse vorausgesetzt. Es gibt mehr Hochschulprogramme, die humanitäre Kräfte auf Masterniveau ausbilden. Viele der gut ausgebildeten Absolventen haben jedoch wenig oder keine praktische Erfahrung. Hier verheddert sich die Anstrengung, humanitäre Hilfe als Profession zu betreiben in einer Endlosschleife von Praktika in Hauptquartieren. Denn Erfahrung vor Ort wird zwar für eine Entsendung vorausgesetzt, aber es gibt wenige Möglichkeiten, sie zu erwerben: Entsendung nicht ohne Erfahrung und ohne Erfahrung keine Entsendung. Sieht man EVHAC als ein Praxisausbildungsprogramm, ist es zwar kostenaufwendig, aber es ermöglicht den Freiwilligen, Erfahrungen vor Ort zu sammeln.

Ein weiterer Trend im humanitären Sektor ist ebenfalls zu berücksichtigen: Mitarbeiter aus den von humanitären Krisen betroffenen Ländern nehmen zunehmend zentrale Rollen ein. Der eigentliche Schwerpunkt des Ausbildungsbedarfs liegt damit in den von Krisen betroffenen Ländern. Die Profiteure des EVHAC, soweit herrscht Einigkeit, sind jedoch anders definiert: Europäer selbst stehen im Zentrum dieses humanitären Vorhabens.

Lena Zimmer

Gastbeitrag: Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Ein neues Flüchtlingslager in Jordanien – eine neue Chance für syrische Flüchtlinge! Aber auch für die Helfer?

Die Krise in Syrien dauert nun schon viel zu lange, und dass es zu großen Flüchtlingsströmen in die Nachbarländer, vor allem Jordanien, kommen würde, war eigentlich allen klar. Dennoch sind wir alle im Januar vom plötzlichen Ansteigen der  Neuankömmlinge überrascht worden. Waren es im Dezember noch „nur“ etwa 300-500 syrische Flüchtlinge, so kamen im Januar plötzlich zwischen 2000 und 3000 täglich – in einer Woche das Äquivalent einer kleinen Kreisstadt.

Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien ist nicht nur eines der derzeit bekanntesten Lager, sondern  dank seiner nahen Lage zur Hauptstadt auch eines der  zugänglichsten – und dies hat natürlich auch Einfluss auf die Besucherzahlen einflussreicher und bekannter Größen aus Politik, Kultur und Wirtschaft – was wiederum Einfluss auf die Berichterstattung in den Medien hat. Kurzum, viele haben schon von Zaatari gehört und dadurch auch von den Problemen des plötzlichen schnellen Wachsens.

Ich möchte nun aber nicht auch noch von den vielen Problemen dort berichten, sondern von etwas, was Vielen von uns neue Hoffnung gegeben hat: ein neues Lager – Azraq, benannt nach der bekannten Oase in der Nachbarschaft. Azraq, wie ein weißes unbeschriebenes Blatt Papier, wo noch alles möglich ist, wo noch Planerträume erfüllt werden können. Azraq, mitten in der Wüste entlang der Straße nach Saudi Arabien und in den Irak. Azraq, das Lager, das anders sein kann. Azraq, das Lager in dem alles richtig gemacht wird. Ich muss gestehen, dass auch ich schon den Satz „Lessons Learnt from Zaatari“ in Präsentationen für das neue Azraq-Lager benutzt habe.

Geprägt von den täglichen Problemen im zu schnell gewachsenen Zaatari arbeiten wir nun alle mit ein wenig Genugtuung an den großen Plänen für Azraq und wollen uns auch nicht so schnell eingestehen, dass dies auch eine Art Flucht in eine heile Welt ist. Eine heile Welt, in der wir den Flüchtlingen möglichst alles geben können, was ihnen so brutal genommen wurde. Aber weil es eben nur eine Art heile Planer-Scheinwelt ist, wollen wir uns auch nicht eingestehen, dass ein Schein auch trügen kann. Und dass wohl auch in Azraq nicht alles so heil sein wird bzw. bereits ist. Während wir alle noch unseren Traum vom perfekten Lager träumen, werden wir bereits von der Realität eingeholt. Realität bedeutet für uns hier bereits in der Planungsphase zu wissen, dass wir wohl keine frischen neuen Zelte zur Verfügung haben werden, sondern die alten aus Zaatari noch einmal verwenden werden. Ich finde es ja völlig richtig und gut, kostbare Dinge wieder zu verwenden, dennoch passte dies anfangs nicht in mein Bild vom perfekten Lager. Aber vielleicht liegt gerade darin die „neue Chance“ – nicht die Chance im Neuen alles richtig zu machen und alles perfekt zu haben, sondern die Chance zu lernen, dass auch das Neue nicht perfekt sein wird und nur einige Dinge besser werden können. Man kann halt nicht alle „Lessons“ gleich lernen. Sonst hätten das Andere schon vor uns getan und unsere Träume wären bereits Realität. Bis dahin genießen wir es aber, zwischendurch von der perfekten Realität zu träumen.

Geschrieben von Martin Suvatne als „Privatperson“

In Jordanien als “Programme Manager Shelter“ für das Norwegian Refugee Council (NRC)

Gastbeitrag: Dr. Wolfgang Jamann zu Nordkorea

Nordkorea ist in den Schlagzeilen – durch Säbelrasseln, drohende regionale Konflikte, undurchschaubares Verhalten der herrschenden Clique. Vor einem Jahr besuchte ich Nordkorea. In Pjöngjang, der monumentalen Hauptstadt, konnte ich Überraschendes sehen. Längst dirigieren die Verkehrspolizistinnen keinen „Phantomverkehr“ mehr. Moderne Geländewagen prägen das Bild. Angeblich gibt es mehr als eine Million Mobiltelefone. Und Märkte blühen in der Hauptstadt. Es wird Geld verdient, offen darüber gesprochen.

Aber die Masse der Nordkoreaner profitiert nicht von den Veränderungen. Es herrscht keine Hungersnot, aber die Menschen haben nur wenig Reis zu essen; viele können sich nie Fleisch leisten, aber auch Obst und Gemüse ist oft nicht vorhanden. Darunter leiden vor allem die Kinder, sie sind zu dünn und zu klein für ihr Alter.

Die Welthungerhilfe arbeitet als eine der wenigen europäischen Hilfsorganisationen seit mehr als 15 Jahren in Nordkorea. Die Projekte laufen trotz des jüngsten politischen Konflikts weiter. So bauen wir zum Beispiel gemeinsam mit den Bauern und Genossenschaften als Alternative zu Reis auch Kartoffeln und Weizen an, und ziehen Gemüse in Gewächshäusern bei Kliniken und Kindergärten.

Nur 20 Prozent der Fläche Nordkoreas können landwirtschaftlich genutzt werden, das Klima ist durch eiskalte Winter und starke Monsunregen gekennzeichnet. Für die desolate Lage der Landwirtschaft ist aber auch die Planwirtschaft Nordkoreas verantwortlich. Es fehlt an Dünger, modernem Gerät und Know-how.

Doch auch hier gibt es Veränderungen im Kleinen. Nach ersten wirtschaftlichen Reformen können die Genossenschaften freier entscheiden, was sie anbauen, und den Überschuss vermarkten. Viele Bauern können „privat“ anbauen, entweder zum Selbstverzehr oder zum Verkauf auf den immer zahlreicher werdenden Märkten.

Erstaunlich war auf unserer Reise, wie viele Kontakte möglich waren. Ich hatte den Eindruck, dass sich auch durch unsere Anwesenheit Fenster öffnen. Die Koreaner lernen andere Arbeits- und Lebensformen kennen. Die Neugier ist groß. Sicherlich ist deshalb der Beitrag unserer Arbeit nicht nur in erfolgreichen Projekten zu messen.

Dr. Wolfgang Jamann

Generalsekretär Deutsche Welthungerhilfe

Gastbeitrag des BMZ zur neuen ESÜH-Strategie

Trotz großer Fortschritte in den letzten 30 Jahren haben die globalen Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit zugenommen. Komplexe Krisen wie am Horn von Afrika oder im Sahel gefährden über lange Zeiträume hinweg die Sicherheit und die Existenzgrundlagen der Bevölkerungen. Es mangelt an Bewältigungskapazitäten und der notwendigen Resilienz.

Genau hier setzt die entwicklungsfördernde und strukturbildende Übergangshilfe (ESÜH) des BMZ an. ESÜH soll stabilere Brücken zwischen der humanitären Hilfe des AA und der langfristigen Entwicklungszusammenarbeit schlagen. Übergeordnetes Ziel der ESÜH ist es, die Resilienz von Menschen und Institutionen zu stärken.

Resilienz stärken bedeutet, Entwicklungsfortschritte zu schützen und humanitären Notlagen vorzubeugen. Mit dieser Zielsetzung begeht das BMZ einen Paradigmenwechsel und versteht seine ESÜH-Strategie als eine Antwort auf die drängenden Herausforderungen an die Entwicklungspolitik im Kontext von Krisen, Katastrophen und Konflikten. Die Strategie steht für eine Abkehr von der reinen Nothilfe hin zu einer vorausschauenden und vorsorgenden Entwicklungszusammenarbeit.

Zur Umsetzung dieses Paradigmenwechsels hat das BMZ die Empfehlungen des OECD-DAC Peer Reviews von 2010 sowie die Ergebnisse der Gemeinschaftsevaluierung zur deutschen humanitären Hilfe im Ausland ausgewertet und seine Schlüsse daraus gezogen. Die neue Übergangshilfe des BMZ fokussiert sich daher zukünftig auf einen strategischen Mitteleinsatz in drei prioritären Arbeitskontexten, nämlich:

  1. Fragile Staaten und langanhaltende Krisen
  2. (Hoch-)Risikoländer mit besonderer Gefährdung durch Naturgefahren und Klimawandel und
  3. Wiederaufbauszenarien

und verortet sich im Sinne des Ansatzes von Linking Relief, Rehabilitation and Development (LRRD) an der dynamischen Schnittstelle zwischen humanitärer Hilfe und langfristiger Entwicklungszusammenarbeit.

Unterstützung in Krisensituationen sowie nach Katastrophen und gewaltsamen Konflikten erfordert jedoch mehr denn je ein abgestimmtes Vorgehen zwischen

lebensrettender humanitärer Hilfe und entwicklungsfördernder und strukturbildender Übergangshilfe. BMZ und AA werden daher in der Planung, Umsetzung und Analyse von Vorhaben eng zusammenarbeiten, um das gemeinsame Ziel zu erreichen: wirkungsvolle Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Strategie des BMZ zur entwicklungsfördernden und strukturbildenden Übergangshilfe kann unter folgendem Link heruntergeladen werden: http://www.bmz.de/de/publikationen/reihen/strategiepapiere/Strategiepapier330_06_2013.pdf

Gastbeitrag: Auswärtiges Amt

Humanitäre Hilfe lindert menschliche Not, ist Ausdruck der Solidarität und Menschlichkeit.  Sie ist Grundsätzen – Menschlichkeit, Neutralität, Unabhängigkeit, Unparteilichkeit – verpflichtet, die mehr sind als Ausdruck eines Wertesystems, die Voraussetzung sind für die Handlungsfähigkeit humanitärer Akteure. Sie muss da ansetzen, wo es möglich ist, menschliches Leid zu verringern. Sie muss in sorgfältiger Abwägung von begrenzten Ressourcen und humanitären Bedarfen erfolgen, ohne in ein rein betriebswirtschaftliches Rational zu verfallen.

Mit der Strategie des Auswärtigen Amts zur Humanitären Hilfe im Ausland liegt ein Grundsatzdokument vor, das erstmals alle Bereiche der deutschen humanitären Hilfe strategisch zusammenfasst. Die Strategie  erläutert Eckpunkte der Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern. Sie ist Bekenntnis zu Kohärenz und Vielfältigkeit, zum deutschen Beitrag in einem internationalen System, zu Möglichkeiten und Grenzen humanitärer Hilfe. Mit der Zusammenführung der humanitären Hilfe unter die Ägide des Auswärtigen Amtes sind Chancen verbunden, eine gemeinsame Position in der internationalen humanitären Gemeinschaft weiter zu entwickeln.

Leitlinien der Strategie sind:

  • in akuten Krisen und Katastrophen schnell und unbürokratisch helfen,
  • im Vorfeld von Krisen und Katastrophen Risikomanagement verbessern, Selbsthilfekräfte stärken, internationale Hilfe vorausschauend gestalten,
  • Effizienz humanitärer Hilfe systematisch verbessern.

Auf der Basis der Strategie und entlang dieser Leitlinien müssen prioritäre Aktionsfelder  deutscher humanitärer Hilfe ausgestaltet werden. Diese reichen von der humanitären Soforthilfe, über die Nothilfe bis hin zu Übergangshilfe sowie Preparedness und humanitärem Minen- und Kampfmittelräumen.

Die Dynamik der Rahmenbedingungen für humanitäre Hilfe erfordert einen kontinuierlichen Prozess der strategischen Weiterentwicklung. Damit ist die Strategie zugleich eine Einladung zur Zusammenarbeit in diesen Aktionsfeldern, denn dies war und ist eine Stärke der humanitären Hilfe der Bundesrepublik Deutschland: ihre Partner.

Die Strategie des Auswärtigen Amts zur Humanitären Hilfe im Ausland kann unter folgendem Link heruntergeladen werden: Strategie des Auswärtigen Amtes zur humanitären Hilfe im Ausland

Eltje Aderhold (Leiterin des Arbeitsstabes Humanitäre Hilfe im Auswärtigen Amt)