Gastbeitrag: Zwischen Aktivismus und Professionalität: Warum auf dem Mittelmeer die Zivilgesellschaft gefragt ist

Das Projekt Sea Watch wurde erst im Dezember letzten Jahres aus der Taufe gehoben. Damals waren es gerade mal drei Personen, die dem Sterben im Mittelmeer nicht mehr tatenlos zusehen konnten, ihr Geld zusammenlegten und daran gingen, private Seenotrettung zu organisieren.
Bis heute hat die Sea Watch, ein hundert Jahre alter ehemaliger Fischkutter, über 2000 Menschen direkt und aktiv vor dem Ertrinken gerettet und ihre Weiterfahrt in einen sicheren Hafen ermöglicht. Dabei wurde zusätzlich durch die Crew der Sea Watch jeweils das Borden auf weitaus größere Schiffe für den weiteren Transport sichergestellt und medizinische Hilfe geleistet, wo akut nötig.
Die anfänglichen Befürchtungen, dass die mangelnde Erfahrung mit kaum planbaren Situationen auf See eventuell zu unkalkulierbaren Risiken und Verletzung von Menschen führen könnte, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Es ist kein einziger Mensch während dieser Rettungseinsätze zu Schaden gekommen und oft war die Sea Watch in weitem Umkreis von bis zu neun Stunden Anreise (zwischen 80 – 120 nautische Meilen) das einzige Schiff überhaupt, das helfen konnte. Manchmal wurden zur Aufnahme der Geretteten extra Schnellboote der Küstenwache aus Lampedusa geschickt.
Die viel zitierten Rettungseinsätze der Marine, inklusive der deutschen Schiffe Werra und Schleswig Holstein, fanden auf jeden Fall nicht dort statt, wo wir fast täglich per Fernglas völlig überladene Boote in Seenot sichteten. Die zivilen Kapazitäten waren allerdings auch extrem limitiert. Neben der Sea Watch gab es nur die wesentlich größeren und besser ausgestatteten Schiffe der Ärzte ohne Grenzen (MSF), Bourbon Argos und Dignity, und ein Schiff von MOAS, einer maltesischen Organisation in Kollaboration mit MSF.
Sea Watch hat sich in Kürze bei allen Akteuren auf dem Wasser, aber auch an Land, Respekt verschaffen können. Ohne viele Worte wurde eine schwierige Aufgabe in extrem kurzer Zeit angegangen und gemeistert. Das hat Leben gerettet. Und die Legitimität verschafft, darüber zu reden, was nötig ist, was bisher nicht getan wird und auch Pläne für die Zukunft kritisch zu kommentieren. Die Vorstellungen, den Schlepperbanden das Handwerk durch militärischen Einsatz zu legen und damit Menschen zu retten, sind bestenfalls zynisch, völlig unrealistisch und schlimmstenfalls menschenverachtend. Denn sie versuchen von der eigenen Verantwortung abzulenken und werden viel Geld kosten ohne positiven Effekt für Flüchtende.
Wir tragen zur politischen Debatte bei und wollen dort sein, wo keiner hinschauen möchte, um darüber zu berichten, was wirklich passiert. Das bedeutet praktische Solidarität.

Die unterschiedlichsten Menschen sind aktiv bei Sea Watch. Alle sind Profis in ihrem Bereich, niemand kann alles. Viele Kontakte tragen zur guten Vernetzung bei. Dies hat praktische Vorteile und erleichtert die Zusammenarbeit. Denn das ist es, was wir brauchen: die größtmögliche Gemeinsamkeit, um effektiv mit den limitierten Ressourcen möglichst viel helfen zu können und politischen Druck für eine wirklich aktive Rettung aus Seenot und einen legalen Zugang nach Europa zu machen.

Es muss kein Mensch im Mittelmeer ertrinken! Diese humanitäre Krise darf nicht in unserem Namen weitergehen.

Frank Dörner, Sea Watch Aktivist, Arzt und MSF-Mitglied

Gastbeitrag: Thank you for witnessing! – Notizen aus Moria, Aufnahmezentrum in Lesbos/Griechenland

Es ist heiß im Juli auf Lesbos, einer griechische Insel nur 15km vom türkischen Festland entfernt. Um das Aufnahmelager Moria gibt es kaum Bäume, die vor der brennenden Sonne schützen könnten. Dieses Erstaufnahmelager, das nach der Schließung des berüchtigten Internierungslagers Pagani von EU-Geldern gebaut worden ist, hat gerade mal Kapazitäten für 700 Menschen. Derzeit kommen aber fast 1000 Menschen pro Tag auf der Insel an, Moria ist folglich hoffnungslos überfüllt. Schon vor dem Zentrum, das mit seinen hohen Gittertoren und dem Stacheldraht eher an ein Gefängnis als an ein Aufnahmezentrum erinnert, hielten sich bei meiner Ankunft knapp 1000 Menschen auf. Die sowieso schon prekäre humanitäre Situation der ankommenden Menschen drohte in den letzten Wochen zu eskalieren, da die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Während uns eine Psychologin von Ärzte der Welt / Médecins du Monde ihre Arbeit in der Einrichtung erklärte, wurde es auf einmal sehr laut: Rufe der `Insassen´ und das Schlagen von Wasserflaschen gegen die Zäune unterbrachen unser Gespräch. Auf unsere Frage, was da gerade geschehe, wurde uns erklärt, dass es wieder einmal zu einem Engpass der Trinkwasserversorgung gekommen sei. Das passiere in letzter Zeit häufiger, da die staatlichen Strukturen mit der Situation völlig überfordert seien. Als der Tanklaster nach zwei Stunden endlich eintraf, rief ein Mann uns zu: „Thank you for coming! Thank you for witnessing!“
Dieser Ausruf konnte an dem Gefühl von Hilflosigkeit jedoch nichts ändern. Hilflosigkeit und vor allem Scham darüber, dass wir Europäer – vermeintliche Verfechter der Menschenwürde und des Humanismus – gerade den Menschen menschenunwürdige Bedingungen aufzwingen, die vor Gewalt und Zerstörung aus ihrer Heimat fliehen mussten. Der Großteil der auf Lesbos schutzsuchenden Menschen kommt aus Syrien, Afghanistan und anderen Kriegsgebieten. Viele nehmen eine gefährliche Route auf sich, die Jahre andauern kann und sie bis zur völligen Erschöpfung treibt, nur um dann an den Außengrenzen Europas um Wasser, sichere Unterbringung, Lebensmittel und medizinische Versorgung betteln zu müssen.
Vor ein paar Wochen diskutierte der Bundestag in mehreren Sitzungen über die Situation von Flüchtlingen in Griechenland sowie auch speziell von irakischen und syrischen Flüchtlingen auch außerhalb Europas. Die katastrophale Menschenrechtssituation in Eritrea wurde auch thematisiert und die Abgeordneten waren schockiert über die staatlichen Repressalien wie Sklaverei, Folter, Vergewaltigung und Hinrichtungen, denen die Bevölkerung wohl schon seit Jahren ausgesetzt wird (siehe: Aktuelle Stunde im Bundestag). Heute, fast sechs Wochen später, wird in Europa immer noch eine Quotendebatte zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Griechenland, Italien und direkt von Krieg betroffene Staaten geführt. Eine verbindliche Einigung ist nicht in Sicht; das Handeln wird wieder vertagt.
Es scheint als bestehe das Problem weniger in der Unwissenheit über die Situation der Menschen in ihren Herkunftsländern und in den europäischen Aufnahmelagern, als im Fehlen eines politischen Willens.
Thank you for witnessing- so naiv, und genau das macht es beschämend.

Sarah Hammerl, Teilnehmerin der Summer School „Cultures, Migrations, Borders 2015“ auf Lesbos/Griechenland.

Gastbeitrag: WHS und WCHS – Zwei humanitäre Weltkonferenzen im Vergleich

2016 finden zwei große internationale humanitäre Tagungen statt: Der World Humanitarian Summit (WHS) in Istanbul und die World Conference on Humanitarian Studies (WCHS) in Addis Abeba. Der WHS ist eine UNO-Veranstaltung, die WCHS dagegen eine von Wissenschaftlern und Praktikern. Die erste Veranstaltung ist somit eine der mehr oder weniger üblichen intergovernmentalen politischen Großveranstaltungen, allerdings unter Einschluss der Träger der humanitären Hilfe, der Nichtregierungsorganisationen, sowie der Roten Kreuz-/ Roten Halbmond-Bewegung. Die zweite Veranstaltung dagegen bemüht sich immer wieder um eine Bestandsaufnahme der Probleme, der gelösten wie der offenen, im Bereich humanitärer Krisen aus wissenschaftlicher Sicht.
Der WHS ist das Endprodukt eines vorausgegangenen zweijährigen Konsultationsprozesses, der darauf abzielte, die Konturen eines umfassenden und vielfältigen humanitären Systems der Zukunft zu verabschieden unter Beteiligung aller wichtigen Interessengruppen. Das Ziel des WHS ist es, bewährte Praktiken herauszustellen, aber gleichzeitig innovative Wege aufzuzeigen, wie die humanitäre Hilfe effektiver gestaltet werden könnte.
Die Agenda umfasst folgende vier Schwerpunkte:
1. Wirksamkeit humanitären Handelns
2. Antworten auf die Bedürfnisse der Opfer von Konflikten
3. Reduktion der Vulnerabilität und die Bewältigung von Krisen
4. Innovation
Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Agenda der WCHS nicht wesentlich. Das übergreifende Thema lautet „Der Wandel von humanitären Krisen und die Suche nach geeigneten Lösungen“. Auch hier sind vier Schwerpunkte festgelegt worden:
1. Humanitäre Krisen und Entwicklung
2. Konflikt und Humanitäres Handeln
3. Die Folgen des Klimawandels
4. Neue Partnerschaften, neue Technologien, Professionalismus und Krisenreaktion
Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieser Schwerpunkte ergeben sich klare Überschneidungen: Thema 1 WHS mit Thema 2 WCHS, Thema 3 WHS und Thema 1 WCHS. Aber es sind auch nicht unerhebliche Unterschiede festzustellen, insbesondere was neue Partnerschaften betrifft (WCHS Thema 4) und Klimawandel (WCHS Thema 3). Mit letztgenanntem Themenblock mag es eine gewisse Überschneidung zur Problematik der Innovation (WHS Thema 4) geben. Doch in einem wesentlichen Punkt ist bei beiden Veranstaltungen ein nicht unerhebliches Manko in doppelter Hinsicht zu verzeichnen.
Wo liegen die politischen Prioritäten einerseits, und handelt es sich dabei um zukunftsweisende Schwerpunkte zur Problembewältigung andererseits? Darüber hinaus ist es weniger relevant ob es sich um wichtige Problembereiche handelt (was zweifelsohne der Fall ist), sondern vielmehr wie sie von den beteiligten Akteuren ausgeführt bzw. konkretisiert werden.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat das Ziel des WHS wie folgt definiert: Die Zukunftsagenda humanitären Handelns zu definieren und der sich im Wandel begriffenen humanitären Gemeinschaft zu helfen, die Bedürfnisse der notleidenden Bevölkerung besser zu erfüllen. Dies deckt sich durchaus mit den Intentionen der International Humanitarian Studies Association, die versucht, Wissenschaftler und Praktiker, oder klarer formuliert, Wissenschaft und Praxis zusammen zu bringen, um Krisen besser zu verstehen und das Los von Menschen in lebensbedrohlicher Lage zu verbessern. Allerdings liegt die Befürchtung nahe, dass eben in Ermangelung klarer politischer Prioritäten so etwas wie ein „technischer Regress“ die Folge sein könnte.
a) Wird nicht die substantielle Problematik humanitären Handelns unter eher technischen Gesichtspunkten wie Innovation, Partnerschaften, etc. verdeckt? Was macht die Politik, um die Ursachen der Krisen zu beheben? Oder anders ausgedrückt, ist humanitäre Hilfe nicht oft nur ein Ersatz für den Mangel an politischer Verantwortlichkeit und letztlich sicherheitspolitischer Abstinenz gleichzusetzen?
b) Humanitäre Hilfe, insbesondere in bewaffneten Konflikten, ist im Prinzip durch das humanitäre Völkerrecht geregelt. Doch für die meisten bewaffneten Konflikte heute, die innerstaatlicher Natur sind, gibt es keinen Konsens, wann tatsächlich ein solcher Konflikt von dem zweiten Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen gedeckt wird. Und überhaupt: Ist das humanitäre Völkerrecht in vielen Fällen nicht schlicht Makulatur? Man denke nur an Syrien! Anders formuliert, wie ernst nehmen die Staaten, die internationalen Organisationen und die nichtstaatlichen Akteure dieses Recht?
c) Doch das ist bei weitem nicht alles. Es gibt ja die These der „Silo-Struktur“, der zufolge die typische Strategie jedes Handlungsfeldes darin besteht, sich von anderen Handlungsfeldern abzuschotten. Die humanitären Hilfsorganisationen verfolgen auch, wenn auch in bester Absicht diese Strategie, durchaus gedeckt von ihren nationalen oder internationalen politischen Akteuren. Das führt folglich zu folgender Frage: Überfrachten die humanitären Organisationen nicht ihr Mandat, wie auch immer definiert, durch die Hinzufügung immer neuer Aufgaben? Globaler Klimawandel beispielsweise ist kein humanitäres Thema, die Folgen, die die humanitären Organisationen bewältigen müssen, dagegen wohl. Es fehlt ihnen jegliche Kapazität für die Umsetzung von Präventionsstrategien.
d) Zugrunde liegt das Problem der Koordination und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren. Ganz zentral besteht dieses Problem zum einen in der interorganisatorischen Kooperation und Koordination von humanitären und entwicklungspolitischen Akteuren.
e) Das trifft im engeren Sinne auch auf die staatlichen Geldgeber zu, die mehr oder weniger ihre eigenen Interessen verfolgen und somit Prioritäten setzen, die den Imperativ humanitären Handelns, den Bedürftigsten zu helfen, ignorieren.
Wendet man das ganze positiv, dann bietet sowohl die Konferenz in Addis Abeba und später die Konferenz in Istanbul eine einzigartige und notwendige Plattform, das internationale humanitäre Hilfesystem zu verbessern.

Wolf-Dieter Eberwein und Dennis Dijkzeul

Gastbeitrag: Schutzsuchende Flüchtlinge in Abschiebehaft

Seit mehr als 15 Jahren leistet Ärzte ohne Grenzen bedürftigen Migranten, Asylbewerbern und Flüchtlingen in ganz Europa Hilfe. Im Mai 2015 startete Ärzte ohne Grenzen einen Such- und Rettungseinsatz im Mittelmeer. Wir arbeiten in den meisten Ursprungsländern und wissen, wieviel Gewalt und Verfolgung viele der Menschen auf der Flucht durchgemacht haben. Dass durch die immer restriktiver werdenden Maßnahmen der EU das Mittelmeer zum Massengrab geworden ist, kann eine humanitäre Organisation nicht gleichgültig lassen.

Diese Woche wird der Bundestag aller Wahrscheinlichkeit nach mit den Stimmen der Großen Koalition eine weitere Verschärfung des Asylrechts in Deutschland beschließen. Diese sieht vor, dass mehr Menschen auf der Flucht direkt nach ihrer Einreise nach Deutschland in Abschiebehaft genommen werden können, vor allem jene Flüchtlinge die zuerst in ein anderes EU-Land eingereist sind und von dort aus auf dem Landweg nach Deutschland gekommen sind – das heißt, momentan praktisch alle von außerhalb Europas, da es kaum Möglichkeiten gibt, Deutschland auf anderen Wegen zu erreichen.

Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass schutzsuchende Flüchtlinge in Abschiebehaft genommen werden können, weil sie Schlepper bezahlt haben, um nach Europa zu gelangen. Dieser Grund alleine zeigt, wie zynisch die Politik Deutschlands und Europas momentan ist. Glaubt die Bundesregierung ernsthaft, dass es sich Flüchtlinge – unter ihnen viele Frauen und Kinder – aussuchen Schleppern in Libyen ihr letztes Geld zu geben, um dann auf löchrigen Nussschalen eine oft lebensgefährliche Überfahrt nach Italien oder Griechenland zu wagen?

Ich war vor zwei Wochen in einem Erstaufnahmelager in Pozzallo auf Sizilien, wo Menschen auf der Flucht an Land gebracht werden, nachdem sie auf hoher See gerettet wurden. Ihre Geschichten sind alle unterschiedlich, aber eines haben so gut wie alle gemeinsam: furchtbare Erfahrungen in Libyen. Hier werden die meisten Menschen auf der Flucht systematisch von Kriminellen ausgeraubt und drangsaliert; die Polizei bietet keinen Schutz sondern das genaue Gegenteil. Menschen berichten davon, dass sie verprügelt werden, wochenlang in Kerkern verschwinden und in vielen Fällen dazu gezwungen werden, ihre Familien zu kontaktieren, um Lösegeld einzutreiben. Einige werden auch gegen ihren Willen mit Gewalt auf die überfüllten Boote getrieben. Viele Menschen zeigen Spuren körperlicher Misshandlungen, die zahllosen psychischen, unsichtbaren Folgen ihrer Erlebnisse in Libyen sind nicht sichtbar, aber allgegenwärtig.

Diese Menschen haben sich nicht freiwillig entschieden, sich diesen Gefahren auszusetze. Wir – Bürger Europas – haben sie dazu gezwungen. Die jetzige EU-Politik, maßgeblich von der Bundesregierung getragen, lässt ihnen keine Alternative um in Europa Schutz zu suchen, keine andere Möglichkeit, Asyl zu beantragen. Es gibt faktisch keine legalen Fluchtwege nach Europa. Ob beabsichtigt oder nicht – diese Politik sorgt dafür, dass den Schleppern die Kunden nie ausgehen.

Aber jetzt geht man in Berlin noch einen Schritt weiter in diesem geradezu kafkaesken System: Erst werden Flüchtlinge regelrecht in die Arme der Schlepper getrieben, und dann bestraft man sie dafür, dass sie diesen einzigen verbleibenden Fluchtweg nach Europa eingeschlagen haben. Dieses neue Gesetz wird dazu führen, dass immer mehr Menschen auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung de facto zu Kriminellen in Deutschland gemacht werden. Auch Kinder werden im Gefängnis landen. Wir sollten uns schämen.

Florian Westphal, Geschäftsführer Ärzte ohne Grenzen

Die Not, die Würde und die Macht in Nepal

Über die Not der Menschen in den zerstörten Dörfern Nepals ist viel geschrieben, aber noch nicht alles gesagt worden. Das liegt zum einen daran, dass viele der Dörfer, die einige Tagesmärsche weit von den letzten Zipfeln der wenigen Straßen und Fahrwege entfernt liegen, noch nicht besucht wurden. Welcher Journalist, welcher Nothelfer kann sich sechs Tage Fußmarsch für einen solchen Besuch leisten? Wie um alles in der Welt können wir den Bedürfnissen dieser Dörfer gerecht werden? Wie sie überhaupt mit Informationen erreichen, die ihnen erlauben, selbstbestimmt an den Hilfsangeboten zu partizipieren?
Zum anderen gelingt es nur wenigen der schreibenden Zunft, deutlich zu machen was es bedeutet, wenn das Lebenswerk einer Familie, ein zweistöckiges Haus mit Dachboden, auf einmal nicht mehr existiert und die Einkommen auf absehbare Zeit weggebrochen sind, weil die beiden Milchbüffel tot unter den Trümmern liegen oder der verdienende älteste Sohn nicht mehr lebt. Und noch weniger gelingt es den Lesern, sich dies vorzustellen. Und: warum sollte ein deutscher, französischer oder polnischer Mitbürger sich das unbedingt vorstellen müssen? Gibt es eine europäische Bürgerpflicht zum Mitleiden durch Verstehen? Wir Arbeiter-in-Krisen scheinen das immer wieder zu fordern und sind fassungslos, wenn das nicht geschieht.
Die Würde der Empfänger unserer Hilfsgüter ist noch schwerer zu vermitteln und zu beschreiben. So spürbar sie ist und manchmal so bewegend und kaum zu erfassen, sie bleibt persönliches Erleben, nicht geeignet für die Massenkommunikation der Hilfswerke. Schwingt da das Bedenken mit, diese in Worten gefasste Würde könnte verwechselt werden mit „denen-kann-es-doch-nicht-gar-zu-schlecht-gehen“? Fotografen scheinen da weniger Bedenken zu haben. Die „Ästhetik der Not“ ist geflügeltes Wort & Bild. Man findet sie zu Tausenden auf den einschlägigen Websites.
Zur Würde, hier ganz schlicht und ohne Hintergedanken: Es berührt, mit welcher Gleichmut und Geduld zu Empfängern reduzierte Bauern Schlange stehen, mit welcher Offenheit und Freundlichkeit sie unsere Fragen beantworten, ihre Notunterkünfte öffnen, unsere Fotoapparate ertragen und sich immer wieder einfach bedanken. Da ist nichts von Hilflosigkeit zu spüren. Oder zu sehen: wenn wir es endlich geschafft haben ein paar zig-Tausend Planen und Decken durch den Zoll zu schleusen, haben Einige schon längst aus den Trümmern eine passable Hütte gebastelt; Andere aus verschiedenen Gründen noch nicht. Um die geht es jetzt, so kurz vor dem Monsun. Üblicherweise als lebensspendende Kraft herbeigesehnt, dieses Jahr gefürchtet, von Dörflern, Städtern und vor allem von Logistikern. Der große Versorgungsalptraum, er kann noch kommen im Juni, Juli und August.
Aber zur Macht (sowenig wir sie sonst schätzen). Hier können wir alle viel lernen. Hier kann die Welt von Nepal lernen, egal, wie sich das im Einzelnen darstellt. Warum? Weil hier eine Regierung mit Konsequenz die humanitären Akteure zur Verantwortung zieht. Wir alle kennen das Chaos, das ausbricht, wenn sich Hunderte von humanitären und nicht-so-humanitären NGOs auf eine Katastrophe stürzen: Haiti, Tsunami, Horn von Afrika.
Die Regierung Nepals hat von Anfang an den Verwaltungen der Distrikte die Aufgabe übertragen, hilfswilligen NGOs, nationaler oder internationaler Aufstellung, Gemeindebezirke, sogenannten Village Development Committees (VDCs) zuzuweisen. Die Verantwortung für ein oder mehrere VDCs wird in einer gemeinsamen Vereinbarung, einem „Memorandum of Understanding“ festgehalten. Die NGO ist zusammen mit der VDC für die gesamten humanitären Bedarfe verantwortlich. Versagt sie in der Logistik, in den Registrierungs- oder Verteilungsmechanismen oder in der Einbindung spezialisierter anderer Organisationen, fliegt sie raus. Eine andere NGO übernimmt, denn viele NGOs, die diesen Mechanismus zu spät erkannt oder nicht ernst genommen haben, stehen Schlange. So geschehen mit einigen der namhaften internationalen NGOs, die sich zu viele VDCs ‚gesichert’ hatten. Wie dieses System der Zuteilung im Einzelfall funktioniert, darüber gibt es noch zu wenige Erkenntnisse. Für uns Humanitäre bleibt das Prinzip lehrreich und bedenkenswert. Ein Staat, nicht bekannt für seine Effektivität, stemmt sich gegen das oft so unabwendbar scheinende Chaos, das wir anrichten, wenn wir in großer Zahl und unter heftigem PR- und Mittelabflussdruck in Katastrophen aktiv werden. Eine nepalesische Nachhilfelektion für UNOCHA?

Thomas Hoerz,
seit dem 29.4.2015 humanitärer Berater für Caritas international in Nepal

Gastbeitrag: Die „Weißhelm-Truppe“ der Bundesregierung und zivil-militärische Verquickungen

Als Außenminister Frank- Walter Steinmeier im Oktober 2014 in Luxemburg mit EU-Kollegen zusammentraf, um über das Vorgehen gegen die Ebola-Epidemie in Westafrika zu beraten, brachte er einen Vorschlag ein, der alle humanitären Organisationen zum Aufschrei hätte treiben müssen: Für zukünftige Krisen solle eine Weißhelm-Truppe – angelehnt an die Blauhelm-Truppen der UN – zur Verfügung stehen. Diese Truppe solle anstelle von Soldaten aus Medizinern, Experten, Pflegepersonal und Logistikern bestehen, die in Notfällen sofort in Krisenregionen einsetzbar sei.

Damit ließ Steinmeier schon im Oktober 2014 erkennen, dass Ebola die internationale Gemeinschaft äußerst unvorbereitet traf, und die Reaktionen auf die Epidemie in Westafrika viel zu langsam angelaufen waren. Denn auch nachdem die internationale Gemeinschaft nach dem WHO-Notstands-Ausruf im August 2014 sofortige Finanzhilfen zusicherte, mangelte es auch in den folgenden Monaten vor allem an ausgebildetem und erfahrenem Personal vor Ort. Insofern ist die Idee hinter Steinmeiers Vorstoß, diesem Problem gerecht zu werden, sicher zu begrüßen.

Die Namenswahl ist jedoch alles andere als glücklich, versuchen doch humanitäre Organisationen sowie auch andere politische und zivilgesellschaftliche Akteure seit langem, einer Vermischung von ziviler und militärischer Arbeit in Krisenregionen entgegen zu wirken. Humanitären Organisationen und ihrer Arbeit liegen die Prinzipien der Unparteilichkeit und Unabhängigkeit zugrunde; sie ermöglichen sich den Zugang zu Menschen in Not durch die Wahrung – so weit wie möglich – ihrer Neutralität. Auch wenn humanitäre Hilfe nie in einem apolitischen Kontext stattfindet, darf sie selbst keine politischen Ziele verfolgen. Den Blauhelmtruppen – eigentlich Friedenstruppen der Vereinten Nationen – liegt jedoch ein politisches Mandat zugrunde.

Steinmeier mag mit der Namensähnlichkeit auf die Mobilität der Blauhelmtruppen verweisen wollen, aber der Begriff der ‚Weißhelmtruppe‘ scheint sich nun auch in der Medienwelt durchzusetzen. Es ist überraschend, dass sich bislang kaum jemand, auch nicht die Ärzteschaft, an dem Ausdruck zu stören scheint, obwohl der Begriff eine gewisse Militarisierung medizinischer Hilfe zu suggerieren scheint. Eine Diskussion über das geplante Mandat und den genauen Auftrag der ‚Weißhelme‘ wäre wohl angebracht, und zwar bevor sich der Name tatsächlich als geläufige Bezeichnung durchsetzt. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ließ jüngst in der Bild-Zeitung verlauten: „Wir werden bei der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine Kernmannschaft von Weißhelmen aufstellen, die in drei bis fünf Tagen überall auf der Welt im Einsatz sein kann“. Neueste Nachricht: Minister Müller möchte die ‚Weißhelme‘ nach Syrien schicken….

Warum eine entwicklungspolitische Organisation wie die GIZ nun mit der Bereitstellung von humanitärer Hilfe beauftragt werden sollte, wäre dann übrigens auch noch zu klären.

Sarah Hammerl – Studentische Mitarbeiterin bei MSF

Ende der Schlafkrankheit in Sicht?

Seit vielen Jahren arbeitet Ärzte ohne Grenzen (MSF) in den besonders entlegenen und instabilen Teilen des Kongo (DRC), um die Schlafkrankheit (Afrikanische Trypanosomiasis) einzudämmen. Dabei wurden in den letzten Jahren bei der Behandlung und der Reduktion der Infektionsrate deutliche Fortschritte gemacht. 2007 fing die Schweizer Sektion MSF an, in der kleinen Stadt Doruma, nahe der südsudanesichen Grenze, zu arbeiten. „Damals gab es hier sehr viele Fälle der Schlafkrankheit. Die Menschen waren froh über die Präsenz von MSF,“ erzählt Augustin Tungasa, der in Doruma geboren ist und heute als Sensibilisator für MSF arbeitet.

Die Schlafkrankheit wird durch die Tsetsefliege übertragen, die zuvor eine bereits infizierte Person gestochen haben muss. Wenn kaum noch Menschen den Erreger in sich tragen, kann sich die Krankheit nicht weiter verbreiten. Über die Jahre wurde die Bevölkerung Dorumas immer wieder getestet – bei so genannten Screenings wird vom Finger eine kleine Menge Blut entnommen, das dann mit einer Reaktionslösung vermischt wird. Befindet sich der Erreger der Schlafkrankheit im Blut, bilden sich kleine Klümpchen in der Probe. Bei positiven Fällen muss das Stadium der Krankheit festgestellt werden. Hierfür wird die Zahl der weißen Blutkörper in der Wirbelsäulenflüssigkeit gezählt, um herauszufinden, ob der Parasit bereits ins zentrale Nervensystem eingedrungen ist. Beim letzten Screening der Bevölkerung Dorumas im August 2014 lag die Infektionsrate unter der Schwelle von 0,5 Prozent.

Der Kampf gegen die Schlafkrankheit hat eine lange Geschichte im Kongo. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so schätzt man, sind fast 250.000 Menschen einer Epidemie der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen. Verlässliche Daten gibt es hierzu allerdings nicht. Die Forschung zur Entwicklung neuer Medikamente wurde über Jahrzehnte vernachlässigt, unter anderem aufgrund des geringen Interesses von Pharmakonzernen, sich in armen Ländern zu engagieren. Inzwischen wurden allerdings neue Diagnose- und Behandlungsmethoden entwickelt. Ein Schnelltest wird erprobt, der deutlich schneller und effektiver eine Infektion feststellen könnte. Der Schnelltest würde die Organisation der Screenings erleichtern, denn der Transport von sensibler Laborausrüstung und Testequipment, das dauerhaft gekühlt werden muss, wäre nicht länger notwendig. Die Behandlungsteams könnten sich schneller in dem oft unwegsamen Gelände fortbewegen. Viele Straßen in der Region sind für Autos unpassierbar. Personal und Ausrüstung müssen auf Motorrädern transportiert werden. Logistisch ist das eine enorme Herausforderung.

Zudem befindet sich ein neues Medikament in der klinischen Testphase. Bei der bisherigen Behandlung wird im Stadium zwei der Krankheit das Medikament Eflornitin injiziert. Dieses hat teilweise stark psychotische Nebenwirkungen und schlägt nicht immer an. Alternativ kann Melarsoprol verabreicht werden, das stark toxisch ist und bei 5 bis 10 Prozent der behandelten Personen zum Tode führt. Der Patient hat jedoch kaum eine Wahl, denn unbehandelt endet die Schlafkrankheit immer tödlich. Da Fexinidazol sowohl im Stadium eins wie auch zwei der Krankheit verabreicht werden kann, müssten sich Patienten nicht länger einer Lumbalpunktion unterziehen, um das Krankheitsstadium festzustellen. Die Entnahme von Wirbelsäulenflüssigkeit bei einer Lumbalpunktion ist äußerst unangenehm und löst oft Ängste aus, weshalb Patienten Tests und eine mögliche Behandlung verweigern. Doch nur wenn alle Personen getestet und gegebenenfalls behandelt werden, kann das Ziel der Ausrottung der Krankheit erreicht werden.

Während in Doruma die Krankheit inzwischen besiegt scheint, findet MSF in Dörfern nahe der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik weiterhin Fälle. Die Sicherheitslage in dieser Region ist jedoch sehr angespannt und schränkt den Zugang stark ein. Die behandelnden Teams müssen entscheiden, wie viel Risiko sie auf sich nehmen wollen, um in diese äußerst entlegenen Gebiete vorzudringen.

Zudem wirft der Erfolg im Kampf gegen die Schlafkrankheit operationelle Fragen auf. Bis zu welchem Punkt will MSF in die Behandlung der vernachlässigten Tropenkrankheit investieren? Schaut man auf die häufigsten Leiden der Menschen in Doruma heute, stellt man fest dass die Zahl der HIV/Aids Infektionen stark ansteigt. Die Bevölkerung hat keinen Zugang zu Verhütungsmitteln oder zu einer Therapie mit antiviralen Medikamenten. Infizierte Personen müssen in den Südsudan reisen, wo die Medikamente ohne Untersuchung verabreicht werden. Wenn Malaria und HIV/Aids heute die häufigsten Todesursachen in der Region darstellen, muss MSF entscheiden wo zukünftig der Schwerpunkt der Arbeit liegen soll.

Alfhild Böhringer, Ärzte ohne Grenzen, DRC

 

Gastbeitrag: Humanitärer Einsatz in der Zentralafrikanischen Republik

Der Gewaltausbruch in Bangui letzte Woche zeigt eindrücklich, dass die humanitäre Krise in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) leider unvermindert andauert, auch wenn wir sie wegen Ebola und den Problemen in Irak und Syrien vielleicht etwas aus den Augen verloren haben. Bewaffnete Gewalt und zunehmende Kriminalität sind permanente Gefahren für die Bevölkerung in einem Umfeld, wo der Staat so wie gut abwesend ist. Die Präsenz der ausländischen Truppen sorgt durchaus für eine gewisse Stabilität in einigen Teilen des Landes, aber sobald sich die Truppen zurückziehen, flammt die Gewalt praktisch unweigerlich wieder auf.

Dazu kommen die Auswirkungen der allgemeinen Unterentwicklung des Landes. Sehr wenig funktionierende Infrastruktur, unter anderem im medizinischen Bereich, auch in den größeren Städten. Wirtschaftliche Schwierigkeiten auch weil der Handel in vielen Gegenden und auf vielen Hauptstraßen wegen der Kämpfe und Unsicherheit weitgehend zum Erliegen gekommen ist.

Humanitärer Einsatz sieht sich de facto sowohl mit den Auswirkungen des Konflikts als auch dem Mangel an Entwicklung konfrontiert. Die Sicherheitsprobleme dauern an und viele NGOs tun sich nach wie vor schwer, eine wirksame Präsenz in Gegenden aufzubauen, die besonders vom Konflikt betroffen sind, wie zum Beispiel die Provinz Ouaka (Hauptstadt Bambari), in der die eh schon begrenzte medizinische Infrastruktur weitgehend zusammengebrochen ist.

Arbeiten unter diesen Umständen braucht vor allem Erfahrung im Sicherheits- und Risikomanagement. Ausgebildetes Personal, das weitergehend autonom Projekte in entlegenen Konfliktgebieten managen kann, inklusive Kontakte aufbauen, Sicherheitsmanagement, komplizierte und teure Logistik. Und vor allem auch ein klares Bekenntnis und eine Arbeitsweise, die den humanitären Prinzipien entsprechen. Dies ist ein längerfristiges Investment, welches mit vielen Risiken verbunden ist.

Dieses verlangt allen Organisationen enorm viel ab. Aber wir alle in diesem Sektor müssen uns der Herausforderung stellen, um in andauernden Konflikten wie ZAR handlungsfähig und relevant zu bleiben, und das nicht nur in den relativ sicheren Hauptstädten, sondern auch in ländlichen Gebieten, die oft am unmittelbarsten von der Gewalt betroffen sind.

Abgesehen von der konkreten Hilfe die wir leisten, vermittelt unsere Präsenz für die Menschen in entlegenen Dörfern, die oft Monate in den Busch geflohen waren, ein Mindestmaß an Sicherheit und die Chance sicherzustellen, dass ihre Babies nicht an Malaria sterben. Dies stellt hohe Erwartungen an uns. Ich hoffe, dass so viele deutsche NGOs wie möglich sich dieser Herausforderung stellen. Und dass sie die dafür nötige Unterstützung durch Geber wie die Bundesregierung bekommen.

Florian Westphal, Geschäftsführer von MSF/Ärzte ohne Grenzen in Deutschland

Südsudan – schreckliche Lebensbedingungen für Vertriebene

Gastbeitrag von Karin Model,  World Vision Deutschland

Vom 11 bis 14 Juni 2014 hatte ich die Gelegenheit im Rahmen einer Projektreise in den Südsudan das UNMISS-Gelände in Malakal im Norden des Landes zu besuchen. Nachdem die Hauptstadt des Nordens von Militär und Rebellen zuerst heiß umkämpft und dann dem Erdboden gleichgemacht wurde, hat sich die überlebende Bevölkerung auf das UN-Gelände in der Nähe der Stadt geflüchtet. Seitdem hausen dort tausende Vertriebene auf dichtest gedrängtem Raum und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Noch ist es zu gefährlich, wieder in ihre Stadt zurückzukehren, da jederzeit neue Kampfhandlungen ausbrechen können.

Schon allein der Flug in einer kleinen Maschine vom World Food Programme von Juba, der Hauptstadt des Südsudans, nach Malakal, der einst wunderschönen Stadt am Nil, war einigermaßen abenteuerreich. Die Fahrt vom Flughafen dauerte ungefähr eine Stunde, obwohl die Strecke nur ein paar Kilometer lang ist. Bereits vor dem UNMISS-Gelände konnte man die angespannte Atmosphäre wahrnehmen. Da das Areal buchstäblich aus allen Nähten platzt, hat sich eine geringe Anzahl von Vertriebenen bereits vor dem Gelände niedergelassen, teilweise hausen die Menschen in Abwasserkanälen. Der Gestank und auch die Fliegen waren mehr und mehr wahrzunehmen, je näher wir an das geschützte UN-Gelände kamen. Auch die Hitze mit über 40 Grad erschwert die Lebensbedingungen in den Lagern und setzte mir auch einigermaßen zu.

Da niemand mit so einem großen Ansturm an Vertriebenen gerechnet hatte, sind die Bedingungen, unter denen die Menschen leben, kaum zu beschreiben. Durch die bereits verfrüht eingesetzte Regenzeit leben die Menschen in einer Schlammbrühe in selbst zusammengebauten Unterkünften. Es gibt zu wenige Latrinen und Waschmöglichkeiten, kaum Plätze für Kinder, wo diese spielen können. Es ist unglaublich, dass diese Situation bereits Monate lang andauert. Die internationale Bereitschaft arbeitet zurzeit an der Eröffnung eines neuen Areals, wo bereits Abwassergräben und sanitäre Einrichtungen errichtet wurden. World Vision ist eine der vielen Organisationen, die dort tätig sind. Seit Januar leben unsere Mitarbeitenden in Zelten auf dem Gelände und stellen Nahrungsmittel, sanitäre Einrichtungen und vor allem so genannte „Child Friendly Spaces“ zur Verfügung. Das sind Zelte, wo Kinder betreut werden und gemeinsam spielen können. Gummistiefel, die die Gefahr vor Seuchen und Verletzungen mindern können, fehlen aber noch viel zu oft.

Koordinierung als Chance und Herausforderung in der Humanitären Hilfe

Gastbeitrag von Christoph Strässer, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg internationaler humanitärer Hilfe war, ist und bleibt eine effiziente Koordinierung der betroffenen Akteure und Ressourcen: Die Art und Weise, in der die Akteure der humanitären Hilfe mit dem sich wandelnden humanitären Umfeld umgehen, wird entscheidend sein, um menschliches Leid erfolgreich zu lindern und sich der humanitären Bedürfnisse anzunehmen. Im Folgenden skizziere ich drei Trends, mit denen die humanitären Akteure konfrontiert sein werden:

  1. Die Zahl der Naturkatastrophen steigt

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Naturkatastrophen von 200 auf 400 pro Jahr verdoppelt. Noch höher fiel der Anstieg bei der Anzahl der betroffenen Menschen und den Verlusten aufgrund von Schäden durch Naturkatastrophen aus. Die verheerendsten dieser Katastrophen waren in der jüngeren Vergangenheit der Tsunami in Asien 2004, das Erdbeben in Haiti 2010 oder der Taifun auf den Philippinen 2013.

  1. Die Zahl der komplexen Notsituationen steigt

Innerstaatliche Konflikte verursachen ebenfalls einen verstärkten Bedarf an humanitärer Hilfe. Laut dem Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) stieg die Zahl der Menschen, die aufgrund von Gewalt und bewaffneten Konflikten in ihrem eigenen Land zu Vertriebenen wurden, von 16,5 Millionen im Jahr 1989 auf geschätzt 33,3 Millionen zum Ende des Jahres 2013. Die Situation in Ländern wie dem Südsudan, Syrien oder der Zentralafrikanischen Republik unterstreicht dies auf tragische Art und Weise.

Diese beiden Trends bedeuten in der Summe, dass man auch weiterhin mit einem steigenden Bedarf humanitärer Hilfe rechnen muss. Die Hilfsaufrufe der Vereinten Nationen sind hierfür ein guter Indikator. Der Umfang dieser Hilfsaufrufe ist von 4,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 auf 16,96 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 gestiegen (Stand Juli 2014). Man kann derzeit leider nicht erwarten, dass es hier zu einer Trendumkehr kommen wird. Diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist für die weltweite humanitäre Gemeinschaft angesichts der oft knappen Mittel nicht einfach. Dennoch: Zu den aktuellen Entwicklungen gehört auch, dass sich immer mehr neue Akteure an humanitären Angelegenheiten beteiligen. Die Erfahrungen aus dem Erdbeben in Haiti, als sich über 3 000 NGOs im Land registrierten, illustrieren einen dritten Trend:

  1. Die Zahl der Akteure, die an humanitären Maßnahmen beteiligt sind, nimmt zu

OCHA schreibt dazu in seinem jüngsten Planungs- und Budgetierungsbericht: Da immer mehr Länder den Status von Ländern mit mittleren Einkommen erreichen, werden immer mehr Regierungen zu Gebern und teilen ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen. Nationale Katastrophenschutzbehörden und regionale Organisationen spielen eine zunehmend einflussreiche Rolle und es sind mehr NGOs und zivilgesellschaftliche Akteure an humanitärer Hilfe beteiligt als je zuvor. Der Unternehmenssektor engagiert sich immer stärker und sucht die Partnerschaft mit den Akteuren der humanitären Hilfe.

Der Erfolg humanitärer Bemühungen wird künftig maßgeblich davon abhängen, ob wir dieses Potenzial ausschöpfen können. Damit schließt sich der Kreis zur eingangs formulierten These, dass die Koordinierung der Anstrengungen innerhalb der humanitären Gemeinschaft so wichtig ist – angesichts der angedeuteten Trends ist dies eine Herausforderung und Chance gleichermaßen. Ein wichtiger Teil der Lösung muss eine Antwort auf die Frage sein, wie diese verschiedenen Akteure, die oft außerhalb des Systems des Ständigen interinstitutionellen Ausschusses stehen, in eine koordinierte humanitäre Reaktion und Arbeit gemäß unseren humanitären Standards und Prinzipien eingebunden werden können. Eine effektive Koordinierung ist entscheidend, um Synergien zu erzeugen, Doppelarbeit zu vermeiden und so effizienter zu arbeiten.

Der Humanitäre Weltgipfel 2016: eine Gelegenheit, die künftigen Herausforderungen anzugehen

Angesichts der sich wandelnden humanitären Lage und der oben genannten globalen Herausforderungen beruft der Generalsekretär der Vereinten Nationen für 2016 in Istanbul einen Humanitären Weltgipfel ein und hat das OCHA mit der Organisation des Gipfels beauftragt. Der Humanitäre Weltgipfel ist eine Gelegenheit für die internationale humanitäre Gemeinschaft, die derzeitigen Herausforderungen noch besser zu verstehen, bewährte Praktiken aus allen Teilen der Welt zu sammeln und sich grundsätzlich darauf zu verständigen, wie am besten auf diese Herausforderungen reagiert werden kann. Er bietet die Gelegenheit, sich auf eine gemeinsame und koordinierte Vision der humanitären Hilfe über 2016 hinaus zu einigen. Wir alle können uns daran beteiligen (www.worldhumaniatriansummit.org).