Haben wir noch die Kapazitäten, um auf alle aktuellen Krisen zu reagieren?

Nachdem der Konflikt zwischen Staatspräsident Salva Kiir und seinem ehemaligen Stellvertreter Riek Machar im Januar 2014 eskaliert ist, sind im Südsudan wieder einmal Menschen auf der Flucht.
Salva Kiir gehört der Ethnie der Dinka an, die mit knapp 20% die größte Volksgruppe im Südsudan darstellen. Riek Machar gehört zu den Nuer, der zweitgrößten Ethnie im Land. Schon immer fühlten sich die Nuer gegenüber den zahlenmäßig überlegenen Dinka benachteiligt, etwa bei der Zuteilung von Ämtern oder Arbeitsplätzen, aber auch von Weideland und Wasserquellen. Politische Loyalität war und ist im Südsudan so gut wie immer an ethnische Zugehörigkeit gekoppelt.

Das zur politischen ‚Theorie‘ – in der Realität sieht dies wie folgt aus:
Von den 11 Millionen Südsudanesen sind 1,3 Millionen im Land selber auf der Flucht, zusätzlich eine halbe Million befindet sich in den umliegenden Ländern wie Äthiopien, Kenia und Uganda. Somit sind knapp ein Fünftel der Bevölkerung nicht mehr in ihren Dörfern, können sich also unter anderem nicht um die Ernährungssicherung kümmern, und sind und werden somit auch in Zukunft auf externe Hilfe angewiesen sein.

Im August diesen Jahres war ich in den Flüchtlingslagern im Norden von Uganda. Knapp 50.000 Südsudanesen leben im Moment hier, die meisten sind Frauen, Alte und Kinder. Die Männer sind zum Kämpfen im Südsudan geblieben. Die Lager sind strikt nach Ethnien getrennt.
Verglichen mit andern Flüchtlingslagern ist die Versorgung mit den „basic needs“ hier recht gut. Mehrere Organisationen teilen sich die Gesundheitsversorgung, Lebensmittlerverteilung und den Bau und Erhalt von Wasserquellen und sanitären Einrichtungen. Die psychische Betreuung der Menschen ist aber auch hier nur sehr rudimentär vorhanden. Viele haben Angehörige zum Teil auf grausame Weise verloren, und für viele Menschen ist es die zweite oder gar dritte Flucht. In Flüchtlingslagern im Norden von Kenia aufgewachsen (Stichwort ‚Kakuma“ in „gut zu lesen“) waren sie nicht einmal zwei bis drei Jahre in ihrer Heimat, bevor sie erneut fliehen mussten.

Was für ein perspektivloses Leben, permanent auf externe Hilfe angewiesen zu sein und zu hoffen, dass der internationalen Staatengemeinschaft dafür das Geld nicht ausgeht!

Sibylle Gerstl

Gibt es gute und schlechte Hilfskonvois?

Im Leitartikel der ZEIT vom 14. August nennt der Autor Bernd Ulrich den ersten russischen Hilfskonvoi, der Hilfsgüter in die Ostukraine gebracht hat, als ein Beispiel dafür, dass im außenpolitischen Sommer des Jahres 2014 nichts mehr so ist, wie es scheint und Harmloses gefährlich wird. Unter anderem sei der Harmlosigkeit des Konvois zu misstrauen, weil er von einer Kriegspartei geschickt wurde
Hier drängt es sich auf, einige Dinge gerade zu rücken. Die Finanzierung von humanitärer Hilfe durch Kriegsparteien ist absolut nichts Neues, sondern gang und gäbe. In allen Kriegen der letzten Jahre, sei es in Afghanistan, im Kosovo oder beim Eingreifen in Libyen, haben die intervenierenden ausländischen Regierungen zeitgleich humanitäre Hilfe geschickt. Allerdings haben sie – mit wenigen Ausnahmen – nicht selber Hilfsgüter eingekauft und in weiß übertünchte LKWs verladen, sondern etablierte, professionelle und nur an humanitärer Hilfeleistung interessierte Organisationen beauftragt, meistens nicht-staatliche, aber auch die UN. Bis auf wenige Ausnahmen wie z.B. Ärzte ohne Grenzen finanzieren fast alle NGOs einen Teil ihrer Hilfeleistung aus staatlichen Quellen, jedoch besteht Einvernehmen darüber, dass die Organisationen die Hilfe gemäß der humanitären Prinzipien von Mitmenschlichkeit, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität verteilen.
Das Problem liegt also nicht darin, dass die russische Regierung Hilfe finanziert. Das Problem lag – und liegt auch weiterhin, da neue Konvois geplant sind – darin, dass die Regierung darauf besteht, die LKWs direkt bis in den Donbass zu steuern und die Güter selber zu verteilen. Wäre es Putin wirklich nur um die Versorgung der notleidenden Zivilbevölkerung gegangen, hätte er die Gelder nur an das Internationale Rote Kreuz überweisen müssen oder auch an das Russische Rote Kreuz und die Hilfe wäre ohne Verzögerung und politisches Tamtam bei den Menschen angekommen. Aber eben als unabhängige und neutrale Hilfeleistung ohne politische Agenda.
Während die gesamte mediale Aufmerksamkeit tagelang auf dem russischen Konvoi lag, vollzog sich weitgehend unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit ein Paradigmenwechsel in einer anderen, ebenso hart umkämpften Kriegszone: am 14. Juli verabschiedete der UN Sicherheitsrat die Resolution 2165, die es den UN erlaubt, über vier Grenzübergänge (zwei in der Türkei, einem in Jordanien und einem im Irak) humanitäre Hilfe nach Syrien zu schicken. Die Regierung in Damaskus muss zwar 48 Stunden vorher informiert werden, jedoch ist ihre Zustimmung nicht erforderlich. Bis dato sahen sich die UN Hilfswerke – trotz der früheren Resolution 2139, die zur Gewährung von humanitärer Hilfe für die Bürgerkriegsopfer in Syrien aufruft – nicht in der Lage, ohne die erklärte Einwilligung aus Damaskus sog. cross-border Hilfe zu leisten und beschränkten sich darauf zu versuchen, Hilfe innerhalb Syriens in umkämpfte Gebiete zu bringen, sog. cross-line Hilfe. Aufgrund der starken Restriktionen und mannigfaltigen bürokratischen Hindernisse, die die Regierung der cross-line Hilfe in den Weg stellte, konnte so nur ein Bruchteil der Bedürftigen in Oppositionsgebieten erreicht werden. Durch die zusätzliche Option, diese Gebiete, die vor allem im Norden des Landes liegen, nun auch von den Nachbarländern aus zu versorgen, vergrößern sich die Möglichkeiten, der notleidenden Zivilbevölkerung zu helfen, signifikant. Seit dem 14. Juli sind ein halbes Dutzend Konvois von der türkischen Grenze gestartet und haben über 60.000 Haushalte mit Hilfsgütern versorgt.
Die UN sind allerdings nur ein neuer Akteur in der Hilfe, die aus der Türkei kommt. Schon seit über anderthalb Jahren organisieren unabhängige Hilfsorganisationen kontinuierlich und unter sehr schweren Bedingungen Hilfslieferungen in den Norden Syriens, teils durch eigenes Personal vor Ort, teils über syrische Partnerorganisationen oder lokale Hilfskomitees. Dies geschieht weitgehend ohne mediale Öffentlichkeit, zum einen, um die Helfer und die Hilfe nicht zu gefährden, zum anderen, weil es den Hilfsorganisationen ausschließlich um die Hilfe für die Bevölkerung geht.
Aber wer bezahlt diese Hilfslieferungen? Alle bekannten westlichen Geldgeber, die damit natürlich eine politische Agenda verfolgen, die Umsetzung der Hilfe aber den Organisationen allein überlassen. Diese westlichen Regierungen haben größtenteils im syrischen Bürgerkrieg Partei ergriffen – wie Putin im Konflikt in der Ostukraine. Es gibt also keine guten (westlich finanzierten) und schlechten (russisch bezahlten) Hilfskonvois, sondern es gibt unabhängige humanitäre Hilfe und politisch und medial kalkulierte Wohltätigkeit.

Nicht unser Krieg?

Unter der Überschrift „Wer schützt die Zivilbevölkerung?“ hatten wir kürzlich Bezug genommen auf die jüngsten Geschehnisse im Gaza-Krieg und auf die massive Gewalt gegen die Zivilbevölkerung.

In einem Beitrag „Nicht unser Krieg“ in der FAZ vom vergangenen Freitag (8. August) von Muriel Asseburg (SWP Berlin) und René Wildangel (Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah), fordern die beiden Autor/innen Deutschland auf, seine passive Haltung im Israel-Palästina-Konflikt aufzugeben und sich aktiv für einen dauerhaften Waffenstillstand und eine nachhaltige Konfliktlösung einzusetzen. Dazu gehören u.a. die Aufhebung der Blockade Gazas, die Verhinderung des Waffenschmuggels, ein geregelter Warenverkehr und die Aufklärung von Kriegsverbrechen und Menschenrechts-verletzungen durch beide Kriegsparteien. Weiter heißt es: „Nicht zuletzt angesichts der massiven Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im jüngsten Krieg sollte die Bundesregierung Waffenlieferungen nach und Rüstungskooperation mit der Besatzungsmacht Israel dringend auf den Prüfstand stellen.“

 

Südsudan – schreckliche Lebensbedingungen für Vertriebene

Gastbeitrag von Karin Model,  World Vision Deutschland

Vom 11 bis 14 Juni 2014 hatte ich die Gelegenheit im Rahmen einer Projektreise in den Südsudan das UNMISS-Gelände in Malakal im Norden des Landes zu besuchen. Nachdem die Hauptstadt des Nordens von Militär und Rebellen zuerst heiß umkämpft und dann dem Erdboden gleichgemacht wurde, hat sich die überlebende Bevölkerung auf das UN-Gelände in der Nähe der Stadt geflüchtet. Seitdem hausen dort tausende Vertriebene auf dichtest gedrängtem Raum und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Noch ist es zu gefährlich, wieder in ihre Stadt zurückzukehren, da jederzeit neue Kampfhandlungen ausbrechen können.

Schon allein der Flug in einer kleinen Maschine vom World Food Programme von Juba, der Hauptstadt des Südsudans, nach Malakal, der einst wunderschönen Stadt am Nil, war einigermaßen abenteuerreich. Die Fahrt vom Flughafen dauerte ungefähr eine Stunde, obwohl die Strecke nur ein paar Kilometer lang ist. Bereits vor dem UNMISS-Gelände konnte man die angespannte Atmosphäre wahrnehmen. Da das Areal buchstäblich aus allen Nähten platzt, hat sich eine geringe Anzahl von Vertriebenen bereits vor dem Gelände niedergelassen, teilweise hausen die Menschen in Abwasserkanälen. Der Gestank und auch die Fliegen waren mehr und mehr wahrzunehmen, je näher wir an das geschützte UN-Gelände kamen. Auch die Hitze mit über 40 Grad erschwert die Lebensbedingungen in den Lagern und setzte mir auch einigermaßen zu.

Da niemand mit so einem großen Ansturm an Vertriebenen gerechnet hatte, sind die Bedingungen, unter denen die Menschen leben, kaum zu beschreiben. Durch die bereits verfrüht eingesetzte Regenzeit leben die Menschen in einer Schlammbrühe in selbst zusammengebauten Unterkünften. Es gibt zu wenige Latrinen und Waschmöglichkeiten, kaum Plätze für Kinder, wo diese spielen können. Es ist unglaublich, dass diese Situation bereits Monate lang andauert. Die internationale Bereitschaft arbeitet zurzeit an der Eröffnung eines neuen Areals, wo bereits Abwassergräben und sanitäre Einrichtungen errichtet wurden. World Vision ist eine der vielen Organisationen, die dort tätig sind. Seit Januar leben unsere Mitarbeitenden in Zelten auf dem Gelände und stellen Nahrungsmittel, sanitäre Einrichtungen und vor allem so genannte „Child Friendly Spaces“ zur Verfügung. Das sind Zelte, wo Kinder betreut werden und gemeinsam spielen können. Gummistiefel, die die Gefahr vor Seuchen und Verletzungen mindern können, fehlen aber noch viel zu oft.

DR Kongo: Ein todsicheres Rezept für eine humanitäre Krise

Die Zutaten:

1.     Keine Infrastruktur

2.     Kein funktionierendes Gesundheitssystem (variabel austauschbar zum Beispiel mit Bildung oder Ernährungssicherung)

3.     Eine unüberschaubare Anzahl von Rebellengruppen, die sich untereinander bekämpfen, oder die Armee, oder beides

4.     Eine Armee, die schlecht ausgebildet, schlecht bezahlt und nicht motiviert ist und sich oft durch Plündern und Stehlen an der Zivilbevölkerung „finanziert“

5.     Eine Zivilbevölkerung, die ständig auf der Flucht bzw. schrecklichen Verbrechen ausgesetzt ist

 Die Extras:

– Der oben genannte Zustand existiert schon seit mindestens 15 Jahren

– Die internationale Presse interessiert sich kaum mehr dafür

 Der Schauplatz: Der Osten der Demokratischen Republik Kongo

 Ende letzten Jahres war ich in Ostkongo und habe wieder einmal hautnah miterleben können, wie schwierig – das Wort aussichtslos möchte ich eigentlich vermeiden – die Lage dort ist. Das Gebiet, in dem ich gearbeitet habe, ist nur mit kleinen Propellermaschinen zu erreichen. Eine direkte Straße zur circa 400 km entfernten Provinzhauptstadt Bukavu gibt es schon lange nicht mehr. Die einzige „Alternative“ ist ein großer Umweg – für die circa 1.300 km würden ungefähr 10 bis 14 Tage benötigt, sofern die Piste passierbar wäre und nicht große Teile von den Rebellen besetzt wären (so viel zu Punkt 1 und 3).

Punkt 2 war der Grund meiner Arbeit in dem Gebiet. Eine große internationale Organisation organisiert die Gesundheitsversorgung in einem Gebiet, das etwas grösser als Hessen ist, und in dem circa 150.000 Menschen leben. Ohne die Unterstützung dieser Organisation hätten die Menschen keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung. Das Gesundheitsministerium kümmert sich schon lange nicht mehr darum, was in dieser weit abgelegenen Gegend passiert. Die Arbeit ist schwierig, viele Gesundheitszentren sind meist nur zu Fuß oder in der Trockenzeit manchmal per Motorrad zu erreichen. Es gibt ein einziges Krankenhaus für dieses Gebiet.

Punkt 3 hat meinen Flug in die Region um einige Tage verschoben. Rebellen hatten Flugzeuge der Vereinten Nationen beim Landeanflug auf die einzige existierende Landepiste beschossen, und danach musste erst wieder einmal abgeklärt werden, ob man als internationale Organisation trotzdem weiterhin unbehelligt landen kann.

Punkt 4 und 5 hängen oft miteinander zusammen und machen nachhaltiges Arbeiten, beziehungsweise Resilienz schwierig bis unmöglich. Dafür bedarf es ein Mindestmaß an Recht und Ordnung, damit die Menschen zumindest wieder daran denken können, in ihre Heimatorte zurück zu kehren und ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn sich politisch anscheinend nichts mehr bewegt und die Medien nicht (mehr) berichten – weil es mittlerweile auf den Philippinen einen Wirbelsturm gab, in Zentralafrika ein blutiger Staatsstreich erfolgte, im Südsudan neue Kämpfe entfachten, und die internationalen Aufmerksamkeit auf der Syrienkrise liegt – sollen dann auch die humanitären Helfer ihre Koffer packen? Nein, gerade die vergessenen humanitären Katastrophen brauchen unsere Aufmerksamkeit!

Sibylle Gerstl

Hilfe für syrische Flüchtlinge in der Türkei: neue Arbeitsgebiete, neue Akteure, neue Ansätze

Beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten am 05.02.2014 in Berlin versprach die Bundeskanzlerin, Deutschland würde mehr tun, um der Türkei bei der Versorgung der syrischen Flüchtlinge in der Grenzregion zu Syrien zu helfen. Zur Erinnerung: die Türkei hat ca. 700.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, von denen ca. ein Viertel in Camps lebt. Obwohl die Standards in den Camps – verglichen mit Flüchtlingslagern in anderen Regionen dieser Welt – exzellent sind, ziehen viele Flüchtlinge die größere (Bewegungs-)Freiheit außerhalb der Lager vor. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben bisher ca. 2 Milliarden Dollar für den Betrieb dieser Lager bereitgestellt, eine Leistung, die Respekt verdient, auch wenn die Regierung diese Leistung natürlich nicht vollkommen uneigennützig erbringt.

Die große Mehrheit der Flüchtlinge ist aber auf eigene Faust in den Städten und Dörfern der Grenzregion untergekommen und lebt dort entweder bei Gastfamilien oder in angemieteten Unterkünften. Die Familien zu finden und zu erfassen, wer auf Unterstützung von außen angewiesen ist, ist gar nicht so einfach, da die Registrierung nicht wie traditionell üblich über eine zentral organisierte Erfassung des UNHCR läuft, sondern sich jede Familie individuell bei der türkischen Polizei registrieren lässt. Für Hilfsorganisationen ist die Arbeit im städtischen Raum immer noch relativ neu, da Flüchtlingspopulationen traditionell immer in weit entlegenen Lagern untergebracht waren.

Wenn man sich auf die Suche macht, wer diesen Menschen hilft, so stellt man fest, dass es – auch weil die Registrierung internationaler NROs sehr restriktiv gehandhabt wird – vor allem türkische NRO sind, deren Umsetzungskapazitäten überraschen, traten sie doch im Konzert der „klassischen“ internationalen NRO bisher eher selten in Aktion. Anders als der Türkische Rote Halbmond, der in vielen der zuletzt aufgetretenen Krisen deutlich sichtbar war. Die Arbeit dieser türkischen Organisationen ist nicht nur ein gutes Beispiel für die wachsende Bedeutung der Zivilgesellschaft innerhalb der Türkei, sondern auch für erfolgreiches „learning by doing“ und sichtbare Kapazitätsentwicklung lokaler Akteure mitten in einer Krise. So hat sich zum Beispiel eine Organisation weitgehend aus eigener Kraft in das sogenannte „cash based programming“ eingearbeitet, weil sie erkannt hat, dass die Verteilung von Lebensmittelpaketen ineffektiv ist, wenn es überall Supermärkte gibt, in denen die Flüchtlinge einkaufen könnten, wenn sie das nötige Geld dazu hätten. Vor allem aber fördert es die Würde der Familien, wenn sie selber entscheiden können, ob sie Bohnen, Reis oder Nudeln essen wollen.  So werden statt fertig gepackter Pakete elektronische Zahlkarten ausgegeben, auf die jeden Monat ein bestimmter Betrag gutgeschrieben wird, und mit denen dann im Supermarkt an der Kasse ganz normal bezahlt werden kann, wie z.B. mit einer EC-Karte. Die Flüchtlinge sind sehr zufrieden, der lokale Ladenbesitzer hat mehr Kundschaft, die erstandenen Güter werden nicht weiter verkauft und über die Auswertung der Einkäufe lässt sich – wenn gewünscht – auch im Detail nachvollziehen, wofür das Geld verwendet wurde. Ein rundum gelungene Intervention, der man viele Nachahmerinnen und Nachahmer wünscht!

Der Bürgerkrieg in Syrien und die deutschen Immobilienpreise

Über den möglichen Ausgang der derzeit laufenden Syrien-Konferenz in Genf soll hier nicht spekuliert werden. Der UN-Sonderbeauftragte Brahimi wertet es schon als Erfolg, wenn sich die verfeindeten Delegationen von Regierung und Opposition in einem Raum treffen, auch wenn sie nicht miteinander reden. Dass am Ende ein Waffenstillstand stehen könnte oder gar ein Friedensvertrag, wagen auch die größten Optimisten nicht zu hoffen. Wenigstens steht der Zugang für humanitäre Hilfe weit oben auf der Tagesordnung.

Alles spricht derzeit dafür, dass der Krieg weitergehen wird. Er geht weiter, weil die Konfliktparteien einen militärischen Sieg für möglich halten. Er geht weiter, weil keine internationale Ordnungsmacht da ist, die genügend Einfluss auf die Kriegsparteien hätte bzw. diejenigen, die Einfluss haben, diesen aus verschiedensten Eigeninteressen nicht für einen Friedensprozess nutzen. Er geht weiter, weil zu viele ausländische Machtinteressen in diesem Stellvertreterkrieg eine Rolle spielen. Er geht weiter, weil alle Kriegsparteien mit Waffen beliefert werden. Und er geht weiter, weil das Schicksal der Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, der Hungernden und Gefolterten nicht wirklich zählt.

Das Leiden der syrischen Bevölkerung wird also kaum gelindert werden, selbst wenn einzelne Hilfskonvois eventuell in die belagerte Altstadt von Homs durchgelassen werden. Mehr als 100.000 Tote hat der Krieg bisher gefordert. 8,8 Mio. Syrer mussten fliehen, davon 2,3 Mio. außer Landes. UN-OCHA beziffert die Anzahl der Menschen, die derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, mit 9,3 Mio.

Szenenwechsel: Europa schottet seine Außengrenzen gegen sogenannte illegale Einwanderer ab und weint Krokodilstränen, wenn hunderte von Bootsflüchtlingen bei dem Versuch, die europäischen Außengrenzen zu erreichen, ertrinken. Zusammen haben sich die EU Länder erboten, 12.340 Menschen aufzunehmen, das entspricht exakt 0,54% der Gesamtanzahl von Flüchtlingen. Allein der Libanon hat bei einer Gesamtbevölkerung von knapp vier Millionen 835.000 Flüchtlinge aufgenommen.

Deutschland will 10.000 Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen, was zwar innerhalb der EU die höchste Anzahl ist, aber die bürokratischen Hürden für die Aufnahme sind so hoch, dass bisher erst 3.000 syrische Flüchtlinge tatsächlich in Deutschland angekommen sind.

Zweiter Szenenwechsel: Wir befinden uns in einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg. Weil die Zahl der Asylsuchenden (nicht nur aus Syrien) im Land deutlich zugenommen hat, wächst der Druck auf die Gemeinden, Flüchtlinge aufzunehmen und unterzubringen. Das kostet nicht nur Geld, weil zusätzliche Sammelunterkünfte und individueller Wohnraum geschaffen werden müssen, sondern schürt auch Ängste bei den Bürgern. Geld ist für vieles da, zum Beispiel 80.000 Euro für einen neuen Kunstrasenplatz des örtlichen Sportvereins. Für eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen wurde gerade mal ein Bruchteil dieser Summe bereitgestellt. Das Land Baden-Württemberg hat kürzlich beschlossen, dass Flüchtlinge statt 4,5 qm neuerdings 7,5 qm Wohnfläche zugestanden bekommen. Darunter stöhnen nun die Gemeinden, denn das kostet ja noch mehr Geld.

Ängste sind auch genug da: Dort, wo Flüchtlingsunterkünfte geschaffen werden sollen, regt sich der Bürgerprotest. Eine Familie, die eine Wohnung an die Gemeinde vermieten wollte, damit dort Flüchtlinge untergebracht werden können, zog ihr Angebot zurück, weil Ärger mit Nachbarn drohte. Anderswo wird gegen die Ansiedlung einer Flüchtlingsunterkunft protestiert mit dem Argument „Dadurch verliert unsere Immobilie an Wert“.

PS: Der Autor dieses Beitrags ist Gemeinderat in einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg.

Im toten Winkel der Aufmerksamkeit

In der ersten Jahreshälfte fand sich Mali oftmals im Zentrum der Aufmerksamkeit. Weitgehend unbeachtet von der internationalen Öffentlichkeit ist die humanitäre Notlage der Bevölkerung in Nordmali heute weiterhin sehr ernst. Geschätzte 255.000 Menschen gelten als Binnenvertriebene. Laut WFP haben im Norden von Mali 1,3 Millionen Menschen -oder 3 von 4 Haushalten- keinen sicheren Zugang zu ausreichender Ernährung. Laut UN OCHA sind in Nordmali ca. 660.000 Kinder von akuter Unterernährung bedroht.

Wieder einmal zeigt sich, dass eine internationale Intervention wie im Fall von Mali vielleicht einen Beitrag zur Stabilisierung leisten kann, jedoch die humanitären Probleme bei weitem nicht löst. Dies schon gar nicht, wenn Menschen von einer Vielzahl von Krisen gleichzeitig betroffen sind. Hier sind dies neben der politischen Krise auch eine Naturkatastrophe in Form von Dürre und Desertifikation. Dazu braucht es ein langfristiges und gut durchdachtes Engagement, das gezielt auf die Lösung der humanitären Herausforderungen hinarbeitet.

Auch in anderen Regionen Afrikas, leiden die Menschen zu Tausenden in humanitären Krisen. Wie ebenfalls das Beispiel der Zentralafrikanischen Republik zeigt, geraten diese Krisen manchmal kurz in den Fokus der internationalen Gemeinschaft. Im Windschatten dieser Aufmerksamkeit leisten humanitäre Geber dann kurzfristige humanitäre Hilfe. Landet das Land dann wieder im toten Winkel der Aufmerksamkeit, werden oftmals auch die Menschen dort wieder sich selbst überlassen. Zu loben sind Geber der humanitären Hilfe, die versuchen ein besonderes Augenmerk auf die Forgotten Crisis zu richten (zum Beispiel ECHO).

Auch das Auswärtige Amt hat sich vorgenommen, bei Finanzierungsentscheidungen zu berücksichtigen, dass es Krisen mit weniger medialer Aufmerksamkeit gibt (siehe hier im Gastbeitrag auf ForHumHilfe). Schön wäre es, wenn dieses Engagement auch noch transparent nachvollziehbar wäre. Auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes wird über die humanitäre Hilfe in Mali nur im Zusammenhang der politischen Ereignisse und nur bis Juni 2013 berichtet. Zu humanitärer Hilfe in der zentralafrikanischen Republik findet man bisher keine Informationen.

Syrien: Dokumente gegen die Resignation

Angesichts der humanitären Katastrophe in Syrien mit ihrer komplexen Konfliktlage fällt es schwer, nicht in Resignation oder gar Zynismus zu verfallen. Ob wenigstens die derzeit stattfindende Vernichtung der Chemiewaffenbestände ein Hoffnungsschimmer oder nur ein Akt der Beschwichtigung ist, wissen wir nicht.

Wir möchten auf vier Dokumente aufmerksam machen, die auf sehr unterschiedliche Weise gegen Resignation und Ohnmacht im Falle des Syrienkrieges anschreiben und die jeweils zu einem bestimmten Zeitpunkt in den letzten Monaten die katastrophale humanitäre Situation verdeutlichen und die Politik zum Handeln aufrufen:

Der „Aufruf zum Frieden“ von Hans Christof Graf von Sponeck, der Anfang September unter dem Eindruck des scheinbar unmittelbar bevorstehenden Angriffs der Amerikaner und einiger Verbündeter in den französischen Zeitungen Le Monde und Le Temps erschienen ist.  Neben Hans Sponeck, der zwischen 1998 und 2000 stellvertretender UNO-Generalsekretär und UN-Koordinator für humanitäre Fragen im Irak war, wird dieser Aufruf von fünf weiteren ehemaligen hohen Beamten der Vereinten Nationen unterstützt.

Das zweite Dokument „Syria Refugee Crisis: The protection of Syria’s civilians must be the primary concern for all“ kommt vom Norwegian Refugee Council (NRC). Es reagiert ebenfalls auf die Androhung eines Militärschlages und stellt vor allem in den Vordergrund, dass der Schutz der Zivilbevölkerung allerhöchste Priorität haben muss. Der Generalsekretär des NRC und ehemalige OCHA-Chef, Jan Egeland, beschreibt die Lage der Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens, und der Vertriebenen in Syrien selbst, und fordert den Zugang zu allen Flüchtlingen und die Durchlässigkeit der Grenzen zu den Nachbarländern von Syrien.

In eine ähnliche Richtung geht das dritte Dokument, erschienen Anfang Oktober als Kommentar auf das Statement des Sicherheitsrates zur humanitären Situation in Syrien: Humanitarian Agencies Welcome Unanimous Security Council Statement Calling For Unimpeded Humanitaran Access In Syria, Urge Swift Implementation. Dort unterstützen 16 internationale Hilfsorganisationen den dringlichen Appel des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen an die syrische Regierung, humanitärer Hilfe ungehinderten Zugang zu gewähren. Sie fordern den Sicherheitsrat u.a. auf, nach 30 Tagen über die Fortschritte der Umsetzung des Appels zu berichten.

„Lasst uns die medizinische Versorgung in Syrien sicherstellen“ – so lautet der Titel der deutschen Fassung des „Syria Doctors Letter“, ein von 55 Ärztinnen und Ärzten aus der ganzen Welt unterschriebener Brief, in dem diese fordern, „dass den Kolleginnen und Kollegen in Syrien die Behandlung von Patientinnen und Patienten, das Retten von Leben und die Linderung von Leiden ohne Angst vor Angriffen oder Repressalien gestattet wird und sie in ihrer Arbeit unterstützt werden“. Zu den Unterzeichnern gehören Nobelpreisträger wie Dr. Jules Hoffmann (Frankreich), Prof. Dr. Harald zur Hausen (Deutschland) und Dr. Peter Agre (USA), sowie viele prominente und hochrangige Vertreterinnen und Vertreter von medizinischen Institutionen und Hilfsorganisationen wie z.B. Dr. Gro Harlem Brundtland (Norwegen), ehemalige Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation, oder Dr. Monika Hauser (Deutschland), Gynäkologin, geschäftsführendes Vorstandsmitglied von medica mondiale und Trägerin des Right Livelihood Award 2008. Die englische Fassung des Briefes ist am 21. September 2013 im angesehenen Journal „The Lancet“ erschienen.

Tschad: Für eine erschreckend hohe Sterblichkeit braucht es keine Ausnahmesituation

Was weiss man über den Tschad? Macht das Land international Schlagzeilen? Positive oder negative? Ist es in unserem Bewusstsein präsent? Eher nicht!

Das könnte man noch wissen…
Die Republik Tschad ist ein Binnenstaat in Zentralafrika; etwa 3,5 mal so groß wie Deutschland mit ungefähr 12 Millionen Einwohnern. Das Land besteht etwa zur Hälfte aus der Sahara im Norden, der Sahelzone in der Mitte und dem tropisch-feuchten Süden. Seit 1990 ist Idriss Déby Itno das Staatsoberhaupt. Da drei Viertel der Bevölkerung jünger als 30 Jahre sind, kennen die meisten gar keinen anderen Präsidenten.

Davon hat man eventuell auch schon kurz gehört…
Seit 1998 gibt es immer wieder Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Bis jetzt haben sie aber nie zu einem Regierungswechsel geführt, so dass in der internationalen Presse selten über versuchte Coup d’etats berichtet wurde.

Das ist bestimmt vielen unbekannt…
Seit 2003 fördert der Tschad Öl, die Einnahmen aus dem Erdöl sollten gemäß einer Vereinbarung der Regierung mit der Weltbank zu 80 % für Projekte im Bereich des Sozialen und der Infrastruktur verwendet werden. Die Bilanz nach 10 Jahren ist aber eher ernüchternd (http://info.brot-fuer-die-welt.de/blog/10-jahre-erdoelfoerderung-tschad-oel-macht-armut ).

Und wie geht es nun einem großen Teil der Bevölkerung? In zwei Worten: Sehr schlecht!

Im Juni 2013 erstellte eine große internationale Organisation eine Studie zum Gesundheitszustand der Bevölkerung im Süden des Landes, in der Provinz Logone Occidentale. Eine Provinz mit einem der Landwirtschaft eher zuträglichem Klima, welche weder von internen Konfklikten noch von Flüchtlingsströmen aus der benachbarten Zentalafrikanischen Republik betroffen ist. Eine ganz „normale“ Provinz eben!
Zur Erinnerung: Die Referenzdaten zur “normalen” Sterblichkeit, also nicht im Kontext einer Katastrophe erhoben, betragen für Entwicklungsländer 0,5 Todesopfer pro 10.000 Menschen pro Tag. Die Sterberate bei Kindern unter fünf Jahren sollte nicht höher als ein Todesfall pro 10.000 pro Tag sein (siehe dazu unseren Blogbeitrag vom 16.10.2013).
Die Sterblichkeitsrate in der Studie betrug ein Todesopfer pro 10.000 Menschen pro Tag, und ist deshalb mit einer Notfallsituation vergleichbar. Das gleiche Ergebnis war leider auch bei Kindern zu sehen. Auch hier lag die Sterblichkeitsrate weit über den international definierten Grenzwerten in nomalen Situationen und indiziert damit eine Krisensituation.
Welche Konsequenzen ziehen wir aus diesen Daten?
Auch ohne Krieg und Naturkatastrophen kann der Gesundheitszustand einer Bevölkerung dem in einer Krisensituation gleich kommen. Die jahrzehntelange Vernachlässigung des Gesundheitssystems in einem Land gepaart mit internationalem Desinteresse ist dazu schon ausreichend.

Die katastrophale Situation der Bevölkerung im Tschad braucht unbedingt mehr internationale Aufmerksamkeit, sie darf nicht zu einer weiteren vergessenen Katastrophe werden!