Fluchtursachen bekämpfen – war da nicht was?

Die europäische Flüchtlingskrise hat etwas Gutes bewirkt, nämlich die Einsicht, dass es allemal besser ist, Fluchtursachen zu bekämpfen als Fluchtfolgen (oder Flüchtlinge, wenn man es zynisch zuspitzen will). Da findet sich eine erstaunlich hohe Übereinstimmung zwischen Politik, Wissenschaft, NGOs, Globalisierungskritikern, Menschenrechtlern, Dritte-Welt-Aktivisten, Stammtischdiskutanten und zuweilen sogar Rechtspopulisten. Lassen wir mal diejenigen außen vor, die sich dabei von Eigeninteressen leiten lassen (Hauptsache, wir halten uns die humanitären Krisen vom Hals). Was aber ist mit denen, die – als einzelne Staaten oder als Staatengemeinschaften (EU, VN)  – aus ehrlicher Überzeugung und politisch-ethischer Verantwortung die Bekämpfung von Fluchtursachen als die richtige Strategie zur Vermeidung massiver Fluchtbewegungen propagieren? Wie ernst ist es ihnen? Man darf an dieser Stelle erinnern an die Kürzung der Lebensmittelrationen des WFP für syrische Flüchtlinge im Jahr 2015 als eine wesentliche Ursache für die Flucht von Hundertausenden nach Europa. Das ist gerade mal ein Jahr her.

Perspektivenwechsel. In Äthiopien und Eritrea bahnt sich seit einigen Monaten eine neue Hungersnot an – u.a. als Folge von Klimawandel und El Niño -, die möglicherweise schlimmere Ausmaße annehmen könnte als die Hungersnot Mitte der 80er Jahre in der gleichen Region.. Die Welt schaut mehr oder weniger zu, das WFP ist wieder unterfinanziert, die Folge könnte sein, dass sich noch weit mehr Menschen als bisher aus den afrikanischen Hungergebieten auf den Weg nach Europa machen. Fluchtursachen bekämpfen – war da nicht was?

Jürgen Lieser