Gastbeitrag: Zwischen Aktivismus und Professionalität: Warum auf dem Mittelmeer die Zivilgesellschaft gefragt ist

Das Projekt Sea Watch wurde erst im Dezember letzten Jahres aus der Taufe gehoben. Damals waren es gerade mal drei Personen, die dem Sterben im Mittelmeer nicht mehr tatenlos zusehen konnten, ihr Geld zusammenlegten und daran gingen, private Seenotrettung zu organisieren.
Bis heute hat die Sea Watch, ein hundert Jahre alter ehemaliger Fischkutter, über 2000 Menschen direkt und aktiv vor dem Ertrinken gerettet und ihre Weiterfahrt in einen sicheren Hafen ermöglicht. Dabei wurde zusätzlich durch die Crew der Sea Watch jeweils das Borden auf weitaus größere Schiffe für den weiteren Transport sichergestellt und medizinische Hilfe geleistet, wo akut nötig.
Die anfänglichen Befürchtungen, dass die mangelnde Erfahrung mit kaum planbaren Situationen auf See eventuell zu unkalkulierbaren Risiken und Verletzung von Menschen führen könnte, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil: Es ist kein einziger Mensch während dieser Rettungseinsätze zu Schaden gekommen und oft war die Sea Watch in weitem Umkreis von bis zu neun Stunden Anreise (zwischen 80 – 120 nautische Meilen) das einzige Schiff überhaupt, das helfen konnte. Manchmal wurden zur Aufnahme der Geretteten extra Schnellboote der Küstenwache aus Lampedusa geschickt.
Die viel zitierten Rettungseinsätze der Marine, inklusive der deutschen Schiffe Werra und Schleswig Holstein, fanden auf jeden Fall nicht dort statt, wo wir fast täglich per Fernglas völlig überladene Boote in Seenot sichteten. Die zivilen Kapazitäten waren allerdings auch extrem limitiert. Neben der Sea Watch gab es nur die wesentlich größeren und besser ausgestatteten Schiffe der Ärzte ohne Grenzen (MSF), Bourbon Argos und Dignity, und ein Schiff von MOAS, einer maltesischen Organisation in Kollaboration mit MSF.
Sea Watch hat sich in Kürze bei allen Akteuren auf dem Wasser, aber auch an Land, Respekt verschaffen können. Ohne viele Worte wurde eine schwierige Aufgabe in extrem kurzer Zeit angegangen und gemeistert. Das hat Leben gerettet. Und die Legitimität verschafft, darüber zu reden, was nötig ist, was bisher nicht getan wird und auch Pläne für die Zukunft kritisch zu kommentieren. Die Vorstellungen, den Schlepperbanden das Handwerk durch militärischen Einsatz zu legen und damit Menschen zu retten, sind bestenfalls zynisch, völlig unrealistisch und schlimmstenfalls menschenverachtend. Denn sie versuchen von der eigenen Verantwortung abzulenken und werden viel Geld kosten ohne positiven Effekt für Flüchtende.
Wir tragen zur politischen Debatte bei und wollen dort sein, wo keiner hinschauen möchte, um darüber zu berichten, was wirklich passiert. Das bedeutet praktische Solidarität.

Die unterschiedlichsten Menschen sind aktiv bei Sea Watch. Alle sind Profis in ihrem Bereich, niemand kann alles. Viele Kontakte tragen zur guten Vernetzung bei. Dies hat praktische Vorteile und erleichtert die Zusammenarbeit. Denn das ist es, was wir brauchen: die größtmögliche Gemeinsamkeit, um effektiv mit den limitierten Ressourcen möglichst viel helfen zu können und politischen Druck für eine wirklich aktive Rettung aus Seenot und einen legalen Zugang nach Europa zu machen.

Es muss kein Mensch im Mittelmeer ertrinken! Diese humanitäre Krise darf nicht in unserem Namen weitergehen.

Frank Dörner, Sea Watch Aktivist, Arzt und MSF-Mitglied