Gut zu lesen: „Doing Cash Differently – How cash transfers can transform humanitarian aid”

DFID, das britische Entwicklungsministerium, hatte im letzten Jahr ein sog. „High-Level Panel“ eingesetzt zum Thema „Cash Transfers“, das gerade seinen Endbericht vorgelegt hat. 15 hochrangige Persönlichkeiten aus der internationalen humanitären Hilfe haben mit Unterstützung von Expert/innen des Overseas Development Institutes auf 30 Seiten und in 12 Empfehlungen zusammengefasst, wie die standardmäßige Nutzung von Cash das internationale humanitäre System grundlegend verändern und verbessern könnte.

Hintergrund ist die Feststellung, dass die für humanitäre Hilfe verfügbaren Gelder zwar wachsen, der Bedarf aber viel stärker zunimmt, weil immer mehr Menschen für immer längere Zeit auf Hilfe angewiesen sind. Die Schere geht auseinander und die vorhandenen Mittel müssen deshalb noch effizienter ausgegeben werden.

Bargeldzahlungen sind ein gutes Mittel, denn eine 4-Länder-Studie hat z.B. gezeigt, dass 18% mehr Menschen versorgt werden könnten, wenn statt Sachleistungen Bargeld gezahlt wird. Das WFP hat in Äthiopien gemessen, dass seine Kosten bei der Umstellung auf Cash um 25-30% sinken können. Leider wird dieses Potential derzeit noch nicht genutzt, nur ca. 6% der Hilfe wird aktuell in cash ausgezahlt. Rechnet man Sektoren, in denen Barzahlungen nicht adäquat sind wie z.B. Gesundheit heraus, liegt man bei circa 10%.

Mancherorts herrscht noch immer die Befürchtung, Cash könnte zu mehr Korruption führen oder würde von den Begünstigten „verschwendet“. Der Bericht zeigt dagegen, dass Barzahlungen zur den best erforschten Instrumenten der humanitären Hilfe gehören und analysiert über 200 entsprechende Studien.

Diese zeigen, dass Cash sicher, effizient und unter Einhaltung aller Rechenschaftspflichten ausgezahlt werden kann und die Menschen es gemäß ihrer eigenen Prioritäten verwenden. Damit erhalten sie wieder mehr Kontrolle über ihr eigenes Leben, können selber Entscheidungen fällen, werden wieder zu ökonomischen Akteuren statt zu Objekten von Verteilungen und gewinnen so auch einen Teil ihre Würde zurück. Sie können kaufen, was sie brauchen, und müssen nicht mit dem vorlieb nehmen, was ihnen humanitäre Organisationen entsprechend ihres Mandats, ihrer Kenntnisse oder schlicht entsprechend ihrer Gewohnheit zukommen lassen wollen.

Die lokale Wirtschaft wird gestärkt, was sich auch positiv auf die Akzeptanz der Vertriebenen bei der ansässigen Bevölkerung auswirken kann. Insgesamt kann die Hilfe schneller ankommen, wenn sich die Hilfsorganisationen im Vorfeld entsprechend vorbereitet haben. Dies beinhaltet auch ausreichend Marktstudien durchzuführen um sicher zu sein, dass der lokale Markt die gewünschten Güter anbietet und die zusätzliche Kaufkraft die Preise nicht in die Höhe treibt.

Das Panel gibt 12 Empfehlungen, die sich in drei Blöcke teilen:

  1. Mehr Cash – Das Panel empfiehlt, ab sofort die Beweislast umzukehren und Barzahlungen zur Regel zu machen. Organisationen, die weiterhin Sachleistungen ausgeben wollen, sollen diese Wahl begründen müssen. Entsprechend sollten Organisationen in die nötige Vorbereitung investieren.
  2. Effizienteres Cash – Barzahlungen sollten gesondert in internationalen Statistiken auftauchen und ihre Effizienz mit der anderer Instrumente verglichen werden. Das Panel empfiehlt, andere Akteure – die längerfristige Entwicklungszusammenarbeit, soziale Sicherungssysteme aber auch den Finanzsektor – stärker zu beteiligen. Die Koordination von Cash-Programmen sowie ihr Umfang müssen ausgeweitet werden.
  3. Cash kann das gesamte internationale Hilfssystem verändern – Cash sollte zentrales Element der „Humanitarian Response Plans“ werden. Das Cluster-System teilt die verschiedenen Bedarfe der betroffenen Bevölkerung in Sektoren auf. Barzahlungen können diese künstlichen Silos einreißen. Damit hat Cash das Potenzial für weiterreichende Veränderungen in der humanitären Architektur, über deren Notwendigkeit sich die wichtigsten Akteure einig sind. Cash kann das System insgesamt leistungsfähiger, transparenter und rechenschaftspflichtiger machen.

Fazit: Cash: – nicht immer, aber immer öfter!

Den Bericht findet man unter http://www.odi.org/sites/odi.org.uk/files/odi-assets/publications-opinion-files/9828.pdf

Und noch als Nachtrag: Die genannten Vorteile von Barzahlungen gelten natürlich auch für die Diskussion um Sach- oder Geldleistungen für Asylsuchende in Deutschland!

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

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