Gastbeitrag: Thank you for witnessing! – Notizen aus Moria, Aufnahmezentrum in Lesbos/Griechenland

Es ist heiß im Juli auf Lesbos, einer griechische Insel nur 15km vom türkischen Festland entfernt. Um das Aufnahmelager Moria gibt es kaum Bäume, die vor der brennenden Sonne schützen könnten. Dieses Erstaufnahmelager, das nach der Schließung des berüchtigten Internierungslagers Pagani von EU-Geldern gebaut worden ist, hat gerade mal Kapazitäten für 700 Menschen. Derzeit kommen aber fast 1000 Menschen pro Tag auf der Insel an, Moria ist folglich hoffnungslos überfüllt. Schon vor dem Zentrum, das mit seinen hohen Gittertoren und dem Stacheldraht eher an ein Gefängnis als an ein Aufnahmezentrum erinnert, hielten sich bei meiner Ankunft knapp 1000 Menschen auf. Die sowieso schon prekäre humanitäre Situation der ankommenden Menschen drohte in den letzten Wochen zu eskalieren, da die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern nicht mehr gewährleistet werden konnte.
Während uns eine Psychologin von Ärzte der Welt / Médecins du Monde ihre Arbeit in der Einrichtung erklärte, wurde es auf einmal sehr laut: Rufe der `Insassen´ und das Schlagen von Wasserflaschen gegen die Zäune unterbrachen unser Gespräch. Auf unsere Frage, was da gerade geschehe, wurde uns erklärt, dass es wieder einmal zu einem Engpass der Trinkwasserversorgung gekommen sei. Das passiere in letzter Zeit häufiger, da die staatlichen Strukturen mit der Situation völlig überfordert seien. Als der Tanklaster nach zwei Stunden endlich eintraf, rief ein Mann uns zu: „Thank you for coming! Thank you for witnessing!“
Dieser Ausruf konnte an dem Gefühl von Hilflosigkeit jedoch nichts ändern. Hilflosigkeit und vor allem Scham darüber, dass wir Europäer – vermeintliche Verfechter der Menschenwürde und des Humanismus – gerade den Menschen menschenunwürdige Bedingungen aufzwingen, die vor Gewalt und Zerstörung aus ihrer Heimat fliehen mussten. Der Großteil der auf Lesbos schutzsuchenden Menschen kommt aus Syrien, Afghanistan und anderen Kriegsgebieten. Viele nehmen eine gefährliche Route auf sich, die Jahre andauern kann und sie bis zur völligen Erschöpfung treibt, nur um dann an den Außengrenzen Europas um Wasser, sichere Unterbringung, Lebensmittel und medizinische Versorgung betteln zu müssen.
Vor ein paar Wochen diskutierte der Bundestag in mehreren Sitzungen über die Situation von Flüchtlingen in Griechenland sowie auch speziell von irakischen und syrischen Flüchtlingen auch außerhalb Europas. Die katastrophale Menschenrechtssituation in Eritrea wurde auch thematisiert und die Abgeordneten waren schockiert über die staatlichen Repressalien wie Sklaverei, Folter, Vergewaltigung und Hinrichtungen, denen die Bevölkerung wohl schon seit Jahren ausgesetzt wird (siehe: Aktuelle Stunde im Bundestag). Heute, fast sechs Wochen später, wird in Europa immer noch eine Quotendebatte zur Aufnahme von Flüchtlingen aus Griechenland, Italien und direkt von Krieg betroffene Staaten geführt. Eine verbindliche Einigung ist nicht in Sicht; das Handeln wird wieder vertagt.
Es scheint als bestehe das Problem weniger in der Unwissenheit über die Situation der Menschen in ihren Herkunftsländern und in den europäischen Aufnahmelagern, als im Fehlen eines politischen Willens.
Thank you for witnessing- so naiv, und genau das macht es beschämend.

Sarah Hammerl, Teilnehmerin der Summer School „Cultures, Migrations, Borders 2015“ auf Lesbos/Griechenland.

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