Gastbeitrag: WHS und WCHS – Zwei humanitäre Weltkonferenzen im Vergleich

2016 finden zwei große internationale humanitäre Tagungen statt: Der World Humanitarian Summit (WHS) in Istanbul und die World Conference on Humanitarian Studies (WCHS) in Addis Abeba. Der WHS ist eine UNO-Veranstaltung, die WCHS dagegen eine von Wissenschaftlern und Praktikern. Die erste Veranstaltung ist somit eine der mehr oder weniger üblichen intergovernmentalen politischen Großveranstaltungen, allerdings unter Einschluss der Träger der humanitären Hilfe, der Nichtregierungsorganisationen, sowie der Roten Kreuz-/ Roten Halbmond-Bewegung. Die zweite Veranstaltung dagegen bemüht sich immer wieder um eine Bestandsaufnahme der Probleme, der gelösten wie der offenen, im Bereich humanitärer Krisen aus wissenschaftlicher Sicht.
Der WHS ist das Endprodukt eines vorausgegangenen zweijährigen Konsultationsprozesses, der darauf abzielte, die Konturen eines umfassenden und vielfältigen humanitären Systems der Zukunft zu verabschieden unter Beteiligung aller wichtigen Interessengruppen. Das Ziel des WHS ist es, bewährte Praktiken herauszustellen, aber gleichzeitig innovative Wege aufzuzeigen, wie die humanitäre Hilfe effektiver gestaltet werden könnte.
Die Agenda umfasst folgende vier Schwerpunkte:
1. Wirksamkeit humanitären Handelns
2. Antworten auf die Bedürfnisse der Opfer von Konflikten
3. Reduktion der Vulnerabilität und die Bewältigung von Krisen
4. Innovation
Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Agenda der WCHS nicht wesentlich. Das übergreifende Thema lautet „Der Wandel von humanitären Krisen und die Suche nach geeigneten Lösungen“. Auch hier sind vier Schwerpunkte festgelegt worden:
1. Humanitäre Krisen und Entwicklung
2. Konflikt und Humanitäres Handeln
3. Die Folgen des Klimawandels
4. Neue Partnerschaften, neue Technologien, Professionalismus und Krisenreaktion
Bei einer oberflächlichen Betrachtung dieser Schwerpunkte ergeben sich klare Überschneidungen: Thema 1 WHS mit Thema 2 WCHS, Thema 3 WHS und Thema 1 WCHS. Aber es sind auch nicht unerhebliche Unterschiede festzustellen, insbesondere was neue Partnerschaften betrifft (WCHS Thema 4) und Klimawandel (WCHS Thema 3). Mit letztgenanntem Themenblock mag es eine gewisse Überschneidung zur Problematik der Innovation (WHS Thema 4) geben. Doch in einem wesentlichen Punkt ist bei beiden Veranstaltungen ein nicht unerhebliches Manko in doppelter Hinsicht zu verzeichnen.
Wo liegen die politischen Prioritäten einerseits, und handelt es sich dabei um zukunftsweisende Schwerpunkte zur Problembewältigung andererseits? Darüber hinaus ist es weniger relevant ob es sich um wichtige Problembereiche handelt (was zweifelsohne der Fall ist), sondern vielmehr wie sie von den beteiligten Akteuren ausgeführt bzw. konkretisiert werden.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat das Ziel des WHS wie folgt definiert: Die Zukunftsagenda humanitären Handelns zu definieren und der sich im Wandel begriffenen humanitären Gemeinschaft zu helfen, die Bedürfnisse der notleidenden Bevölkerung besser zu erfüllen. Dies deckt sich durchaus mit den Intentionen der International Humanitarian Studies Association, die versucht, Wissenschaftler und Praktiker, oder klarer formuliert, Wissenschaft und Praxis zusammen zu bringen, um Krisen besser zu verstehen und das Los von Menschen in lebensbedrohlicher Lage zu verbessern. Allerdings liegt die Befürchtung nahe, dass eben in Ermangelung klarer politischer Prioritäten so etwas wie ein „technischer Regress“ die Folge sein könnte.
a) Wird nicht die substantielle Problematik humanitären Handelns unter eher technischen Gesichtspunkten wie Innovation, Partnerschaften, etc. verdeckt? Was macht die Politik, um die Ursachen der Krisen zu beheben? Oder anders ausgedrückt, ist humanitäre Hilfe nicht oft nur ein Ersatz für den Mangel an politischer Verantwortlichkeit und letztlich sicherheitspolitischer Abstinenz gleichzusetzen?
b) Humanitäre Hilfe, insbesondere in bewaffneten Konflikten, ist im Prinzip durch das humanitäre Völkerrecht geregelt. Doch für die meisten bewaffneten Konflikte heute, die innerstaatlicher Natur sind, gibt es keinen Konsens, wann tatsächlich ein solcher Konflikt von dem zweiten Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen gedeckt wird. Und überhaupt: Ist das humanitäre Völkerrecht in vielen Fällen nicht schlicht Makulatur? Man denke nur an Syrien! Anders formuliert, wie ernst nehmen die Staaten, die internationalen Organisationen und die nichtstaatlichen Akteure dieses Recht?
c) Doch das ist bei weitem nicht alles. Es gibt ja die These der „Silo-Struktur“, der zufolge die typische Strategie jedes Handlungsfeldes darin besteht, sich von anderen Handlungsfeldern abzuschotten. Die humanitären Hilfsorganisationen verfolgen auch, wenn auch in bester Absicht diese Strategie, durchaus gedeckt von ihren nationalen oder internationalen politischen Akteuren. Das führt folglich zu folgender Frage: Überfrachten die humanitären Organisationen nicht ihr Mandat, wie auch immer definiert, durch die Hinzufügung immer neuer Aufgaben? Globaler Klimawandel beispielsweise ist kein humanitäres Thema, die Folgen, die die humanitären Organisationen bewältigen müssen, dagegen wohl. Es fehlt ihnen jegliche Kapazität für die Umsetzung von Präventionsstrategien.
d) Zugrunde liegt das Problem der Koordination und Kooperation zwischen den verschiedenen Akteuren. Ganz zentral besteht dieses Problem zum einen in der interorganisatorischen Kooperation und Koordination von humanitären und entwicklungspolitischen Akteuren.
e) Das trifft im engeren Sinne auch auf die staatlichen Geldgeber zu, die mehr oder weniger ihre eigenen Interessen verfolgen und somit Prioritäten setzen, die den Imperativ humanitären Handelns, den Bedürftigsten zu helfen, ignorieren.
Wendet man das ganze positiv, dann bietet sowohl die Konferenz in Addis Abeba und später die Konferenz in Istanbul eine einzigartige und notwendige Plattform, das internationale humanitäre Hilfesystem zu verbessern.

Wolf-Dieter Eberwein und Dennis Dijkzeul

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

2 Responses to Gastbeitrag: WHS und WCHS – Zwei humanitäre Weltkonferenzen im Vergleich

  1. Sid Peruvemba says:

    Vielen Dank für Euren sehr interessanten Beitrag. Der WHS ist allerdings kein „üblicher intergovernmentaler“ Prozess, sondern ausdrücklich als Gegenteil davon gemeint. Darin liegen Stärken (bspw. Beteiligung der Zivilgesellschaft) und Schwächen (Vereinbarungen nur appellativ nicht verbindlich) zugleich.

    Zu dem Ziel, „Krisen besser zu verstehen“. Wie viel Zeit können wir uns noch nehmen, um zu „Verstehen? Zehntausende engagieren sich weltweit im WHS. An guten Ideen gibt es keinen Mangel. Allein, keine von denen stoppt Syrien, Irak, Südsudan und die anderen bekannten Höllen. So weit ist es inzwischen gekommen, dass wir Krisen als „Normalzustand“ sehen. Dafür gibt es ja dann schöne und immer besser werdende Instrumente, wie die Humanitäre Hilfe. Diese lindern nicht nur Not, sondern ungewollt auch öffentliche Empörung, die vielleicht hier und da den notwendigen politischen Druck zumindest schärfen könnte.

    Erst Handeln, dann Denken, ist sicher kein guter Rat und hat schon Verheerendes angerichtet. Zuviel Denken und nicht Handeln ist in manchen Situationen aber die noch schlechtere Wahl. WHS noch WCHS müssen daher mit konkreten und realistischen Handlungsaufforderungen schließen – auch wenn diese für einige von uns „Humanitären“ unbequem sein sollten.

  2. Pingback: Auf der Suche nach Innovation |

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