Die Not, die Würde und die Macht in Nepal

Über die Not der Menschen in den zerstörten Dörfern Nepals ist viel geschrieben, aber noch nicht alles gesagt worden. Das liegt zum einen daran, dass viele der Dörfer, die einige Tagesmärsche weit von den letzten Zipfeln der wenigen Straßen und Fahrwege entfernt liegen, noch nicht besucht wurden. Welcher Journalist, welcher Nothelfer kann sich sechs Tage Fußmarsch für einen solchen Besuch leisten? Wie um alles in der Welt können wir den Bedürfnissen dieser Dörfer gerecht werden? Wie sie überhaupt mit Informationen erreichen, die ihnen erlauben, selbstbestimmt an den Hilfsangeboten zu partizipieren?
Zum anderen gelingt es nur wenigen der schreibenden Zunft, deutlich zu machen was es bedeutet, wenn das Lebenswerk einer Familie, ein zweistöckiges Haus mit Dachboden, auf einmal nicht mehr existiert und die Einkommen auf absehbare Zeit weggebrochen sind, weil die beiden Milchbüffel tot unter den Trümmern liegen oder der verdienende älteste Sohn nicht mehr lebt. Und noch weniger gelingt es den Lesern, sich dies vorzustellen. Und: warum sollte ein deutscher, französischer oder polnischer Mitbürger sich das unbedingt vorstellen müssen? Gibt es eine europäische Bürgerpflicht zum Mitleiden durch Verstehen? Wir Arbeiter-in-Krisen scheinen das immer wieder zu fordern und sind fassungslos, wenn das nicht geschieht.
Die Würde der Empfänger unserer Hilfsgüter ist noch schwerer zu vermitteln und zu beschreiben. So spürbar sie ist und manchmal so bewegend und kaum zu erfassen, sie bleibt persönliches Erleben, nicht geeignet für die Massenkommunikation der Hilfswerke. Schwingt da das Bedenken mit, diese in Worten gefasste Würde könnte verwechselt werden mit „denen-kann-es-doch-nicht-gar-zu-schlecht-gehen“? Fotografen scheinen da weniger Bedenken zu haben. Die „Ästhetik der Not“ ist geflügeltes Wort & Bild. Man findet sie zu Tausenden auf den einschlägigen Websites.
Zur Würde, hier ganz schlicht und ohne Hintergedanken: Es berührt, mit welcher Gleichmut und Geduld zu Empfängern reduzierte Bauern Schlange stehen, mit welcher Offenheit und Freundlichkeit sie unsere Fragen beantworten, ihre Notunterkünfte öffnen, unsere Fotoapparate ertragen und sich immer wieder einfach bedanken. Da ist nichts von Hilflosigkeit zu spüren. Oder zu sehen: wenn wir es endlich geschafft haben ein paar zig-Tausend Planen und Decken durch den Zoll zu schleusen, haben Einige schon längst aus den Trümmern eine passable Hütte gebastelt; Andere aus verschiedenen Gründen noch nicht. Um die geht es jetzt, so kurz vor dem Monsun. Üblicherweise als lebensspendende Kraft herbeigesehnt, dieses Jahr gefürchtet, von Dörflern, Städtern und vor allem von Logistikern. Der große Versorgungsalptraum, er kann noch kommen im Juni, Juli und August.
Aber zur Macht (sowenig wir sie sonst schätzen). Hier können wir alle viel lernen. Hier kann die Welt von Nepal lernen, egal, wie sich das im Einzelnen darstellt. Warum? Weil hier eine Regierung mit Konsequenz die humanitären Akteure zur Verantwortung zieht. Wir alle kennen das Chaos, das ausbricht, wenn sich Hunderte von humanitären und nicht-so-humanitären NGOs auf eine Katastrophe stürzen: Haiti, Tsunami, Horn von Afrika.
Die Regierung Nepals hat von Anfang an den Verwaltungen der Distrikte die Aufgabe übertragen, hilfswilligen NGOs, nationaler oder internationaler Aufstellung, Gemeindebezirke, sogenannten Village Development Committees (VDCs) zuzuweisen. Die Verantwortung für ein oder mehrere VDCs wird in einer gemeinsamen Vereinbarung, einem „Memorandum of Understanding“ festgehalten. Die NGO ist zusammen mit der VDC für die gesamten humanitären Bedarfe verantwortlich. Versagt sie in der Logistik, in den Registrierungs- oder Verteilungsmechanismen oder in der Einbindung spezialisierter anderer Organisationen, fliegt sie raus. Eine andere NGO übernimmt, denn viele NGOs, die diesen Mechanismus zu spät erkannt oder nicht ernst genommen haben, stehen Schlange. So geschehen mit einigen der namhaften internationalen NGOs, die sich zu viele VDCs ‚gesichert’ hatten. Wie dieses System der Zuteilung im Einzelfall funktioniert, darüber gibt es noch zu wenige Erkenntnisse. Für uns Humanitäre bleibt das Prinzip lehrreich und bedenkenswert. Ein Staat, nicht bekannt für seine Effektivität, stemmt sich gegen das oft so unabwendbar scheinende Chaos, das wir anrichten, wenn wir in großer Zahl und unter heftigem PR- und Mittelabflussdruck in Katastrophen aktiv werden. Eine nepalesische Nachhilfelektion für UNOCHA?

Thomas Hoerz,
seit dem 29.4.2015 humanitärer Berater für Caritas international in Nepal

Palmyra – Wird nicht mehr als nur das UNESCO-Weltkulturerbe zerstört?

Seit einigen Tagen berichten deutsche Medien über den Vormarsch und nun die Einnahme von Palmyra durch die IS-Kämpfer. Oft wird als einzige weitere Information dazu erwähnt, dass man große Befürchtungen hat, dass die Islamisten auch diese antiken Stätten zerstören werden, die aus dem ersten Jahrhundert nach Christus stammen und zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören.
Selten bzw. oft nur als weitere, sekundäre Nachricht zu Palmyra wird berichtet, dass mehr als 50.000 Menschen in dieser Stadt leben, die nun alle den Gräueltaten der IS-Kämpfer ausgesetzt sind. Auch die tagelange Bombardierung von Palmyra mit vielen Toten und Verletzten vor der Einnahme der Stadt ist nicht immer eine Nachricht wert.
Es steht nicht in Frage, dass die Information zu einer möglichen Zerstörung des UNESCO-Weltkulturerbes eine Meldung wert ist. Was aber irritierend daran ist, ist deren Gewichtung. Anscheinend gab es im Syrienkrieg so viele schreckliche Meldungen, dass diese in den Nachrichten nur noch zweitrangig Erwähnung finden.
Eine Aufgabe des Journalismus ist aber, uns diese nicht vergessen zu machen.

Liberia ist Ebola frei – (K)ein Grund zur Freude?

Am 9. Mai 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation Liberia offiziell frei von Ebola erklärt, nachdem 42 Tage keine neuen Fälle mehr aufgetreten sind. Dies ist auf jeden Fall ein Grund zur Freude, nachdem auf dem Höhepunkt der Epidemie im August und September letzten Jahres mehr als 300 neue Ebolakranke pro Woche gemeldet wurden.
Allerdings kann auch Liberia erst dann völlig aufatmen, wenn die gesamte Region frei von Ebola sein wird. Derzeit gibt es in den Nachbarländern Sierra Leone und Guinea noch circa 10 neue Fälle pro Woche, allerdings in Regionen, die nicht an Liberia grenzen.
Und auch in Liberia selber ist nichts, wie es vor dem Ausbruch war. Einige Beispiele:
Die Schulen und Universitäten haben zwar nach einer 6-monatigen Zwangsschließung wieder offen, aber viele Eltern haben noch Angst, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken.
Die Gesundheitszentren sind meist wieder offen, haben aber oft so viel Personal durch Ebola verloren, dass sie nur einen reduzierten Service aufrecht erhalten können.
Noch dazu hat die liberianische Bevölkerung das Vertrauen in das staatliche Gesundheitssystem größtenteils verloren. Die Bevölkerung macht es oft dafür verantwortlich, dass sich der Virus letztes Jahr beinahe ungehindert bis zur Hauptstadt ausbreiten und dort dann verheerend wüten konnte. Als Folge meiden die Leute Gesundheitszentren, wo immer es nur geht. Dies sieht man daran, dass es dort kaum mehr Geburten gibt und Patientinnen und Patienten oft erst so spät kommen, dass man ihnen meist nicht mehr helfen kann.
Da in den letzen Monaten keine Impfungen durchgeführt wurden, breitet sich in der Hauptstadt gerade eine Masernepidemie aus. Eine Massenimpfaktion dagegen wurde aber von der Bevölkerung weitgehend gemieden, da die Angst zu groß ist, dass es sich dabei nur um einen Vorwand zum Test eines Ebolaimpfstoffes handeln könnte. Hier besteht wiederum die Angst, dass man sich durch einen Ebolaimpfstoff mit der Krankheit infizieren kann.
Zudem gibt es nun erstmals nach einer Ebolaepidemie eine relativ große Anzahl an Überlebenden. Diese leiden sehr oft unter gravierenden Folgeschäden der Krankheit, wie Blindheit und extreme Glieder- und Kopfschmerzen. Darüber hinaus sind sie oft die einzigen Überlebenden ihrer Familie, fühlen sich häufig allein gelassen, werden in ihren Gemeinden und Dörfern ausgegrenzt und leiden sehr oft unter Depressionen und posttraumatischen Stresssyndromen.

Jedes einzelne dieser Probleme wäre für ein Land mit einem bereits vor der Ebolaepidemie schwachen Gesundheitssystem eine große Herausforderung. Alle Probleme zusammen sind für Liberia allein kaum zu bewältigen.

Ebola – da war doch mal was… Ist da noch was?

Eine Woche nach dem Erdbeben in Nepal einen Blogbeitrag zu Ebola in Sierra Leone zu schreiben, wirkt fast fehl am Platz oder zumindest wie die Nachrichten von gestern. Trotzdem sollte sich nun nicht alle Aufmerksamkeit nach Nepal verschieben, denn auch wenn der Ausbruch hoffentlich fast vorbei ist, in den letzten zwei Monaten gab es wöchentlich nur noch um die 10 Neuerkrankungen, nachdem es zu Jahresanfang noch um die 500 waren, gibt es eben immer noch neue Fälle. Damit ist Ebola leider weiterhin präsent, eine potentielle Gefahr für die Bevölkerung und selbst die wenigen Fälle sind ein riesiger Stolperstein auf dem Weg zurück in die Normalität.

Die politische Aufmerksamkeit der sierra leonischen Regierung sowie der internationalen Geldgeber hat sich seit der Ebola-Konferenz in Brüssel Anfang März 2015, und spätestens seit der Frühjahrstagung von Internationalen Währungsfonds und Weltbank Mitte April auf die Űbergangshilfe gerichtet, dem sog. “Presidential Plan for Recovery and Transition”, der in Washington vorgestellt wurde. Damit sind ad hoc-Massnahmen in den Sektoren Gesundheit, Bildung, soziale Sicherung und Beschäftigungsförderung im Privatsektor gemeint. Diese Maßnahmen sollen bis Ende des Jahres umgesetzt werden und ca. 280 Millionen US Dollar kosten. Viele Geber versammeln sich hinter diesem Plan, allerdings ist bisher unklar, welchen Beitrag die Bundesregierung dazu leisten wird. Möglicherweise könnte ein Teil der kürzlich in den deutschen Medien angekündigten 200 Millionen Euro für Ebola-betroffene Länder hierunter fallen, Details zur Verwendung dieses Geldsegens fehlen jedoch.

Leider wird der politische Umschwung auch von einer veränderten Haltung gegenüber denen begleitet, die sich immer noch infizieren. Offizielle nennen sie in aller Öffentlichkeit “unverantwortliche Elemente”. Ganze Gruppen von Familien werden – angeblich zur medizinischen Untersuchung – durch die Stadt gefahren, nur um herauszufinden, dass man sie in einem entlegenen Trainingslager der Polizei einquartiert, wo sie die verbleibende Zeit ihrer Quarantäne verbringen müssen. Fairerweise muss man sagen, dass die meisten von ihnen diese Unterbringung nach der Űberwindung des ersten Schocks gar nicht so schlecht finden: drei warme Mahlzeiten täglich, fliessend Wasser an der Türschwelle, selbst neue Gebrauchtkleidung wird geliefert. Das sind oft deutlich bessere Bedingungen, als diese Slumbewohner/innen in ihrem Alltag haben. Dennoch beunruhigt die neue harte Hand der Behörden und es stellt sich die Frage, ob diese Herangehensweise das ersehnte Ziel des “getting to zero” wirklich näher bringt?