Ende der Schlafkrankheit in Sicht?

Seit vielen Jahren arbeitet Ärzte ohne Grenzen (MSF) in den besonders entlegenen und instabilen Teilen des Kongo (DRC), um die Schlafkrankheit (Afrikanische Trypanosomiasis) einzudämmen. Dabei wurden in den letzten Jahren bei der Behandlung und der Reduktion der Infektionsrate deutliche Fortschritte gemacht. 2007 fing die Schweizer Sektion MSF an, in der kleinen Stadt Doruma, nahe der südsudanesichen Grenze, zu arbeiten. „Damals gab es hier sehr viele Fälle der Schlafkrankheit. Die Menschen waren froh über die Präsenz von MSF,“ erzählt Augustin Tungasa, der in Doruma geboren ist und heute als Sensibilisator für MSF arbeitet.

Die Schlafkrankheit wird durch die Tsetsefliege übertragen, die zuvor eine bereits infizierte Person gestochen haben muss. Wenn kaum noch Menschen den Erreger in sich tragen, kann sich die Krankheit nicht weiter verbreiten. Über die Jahre wurde die Bevölkerung Dorumas immer wieder getestet – bei so genannten Screenings wird vom Finger eine kleine Menge Blut entnommen, das dann mit einer Reaktionslösung vermischt wird. Befindet sich der Erreger der Schlafkrankheit im Blut, bilden sich kleine Klümpchen in der Probe. Bei positiven Fällen muss das Stadium der Krankheit festgestellt werden. Hierfür wird die Zahl der weißen Blutkörper in der Wirbelsäulenflüssigkeit gezählt, um herauszufinden, ob der Parasit bereits ins zentrale Nervensystem eingedrungen ist. Beim letzten Screening der Bevölkerung Dorumas im August 2014 lag die Infektionsrate unter der Schwelle von 0,5 Prozent.

Der Kampf gegen die Schlafkrankheit hat eine lange Geschichte im Kongo. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so schätzt man, sind fast 250.000 Menschen einer Epidemie der Schlafkrankheit zum Opfer gefallen. Verlässliche Daten gibt es hierzu allerdings nicht. Die Forschung zur Entwicklung neuer Medikamente wurde über Jahrzehnte vernachlässigt, unter anderem aufgrund des geringen Interesses von Pharmakonzernen, sich in armen Ländern zu engagieren. Inzwischen wurden allerdings neue Diagnose- und Behandlungsmethoden entwickelt. Ein Schnelltest wird erprobt, der deutlich schneller und effektiver eine Infektion feststellen könnte. Der Schnelltest würde die Organisation der Screenings erleichtern, denn der Transport von sensibler Laborausrüstung und Testequipment, das dauerhaft gekühlt werden muss, wäre nicht länger notwendig. Die Behandlungsteams könnten sich schneller in dem oft unwegsamen Gelände fortbewegen. Viele Straßen in der Region sind für Autos unpassierbar. Personal und Ausrüstung müssen auf Motorrädern transportiert werden. Logistisch ist das eine enorme Herausforderung.

Zudem befindet sich ein neues Medikament in der klinischen Testphase. Bei der bisherigen Behandlung wird im Stadium zwei der Krankheit das Medikament Eflornitin injiziert. Dieses hat teilweise stark psychotische Nebenwirkungen und schlägt nicht immer an. Alternativ kann Melarsoprol verabreicht werden, das stark toxisch ist und bei 5 bis 10 Prozent der behandelten Personen zum Tode führt. Der Patient hat jedoch kaum eine Wahl, denn unbehandelt endet die Schlafkrankheit immer tödlich. Da Fexinidazol sowohl im Stadium eins wie auch zwei der Krankheit verabreicht werden kann, müssten sich Patienten nicht länger einer Lumbalpunktion unterziehen, um das Krankheitsstadium festzustellen. Die Entnahme von Wirbelsäulenflüssigkeit bei einer Lumbalpunktion ist äußerst unangenehm und löst oft Ängste aus, weshalb Patienten Tests und eine mögliche Behandlung verweigern. Doch nur wenn alle Personen getestet und gegebenenfalls behandelt werden, kann das Ziel der Ausrottung der Krankheit erreicht werden.

Während in Doruma die Krankheit inzwischen besiegt scheint, findet MSF in Dörfern nahe der Grenze zur Zentralafrikanischen Republik weiterhin Fälle. Die Sicherheitslage in dieser Region ist jedoch sehr angespannt und schränkt den Zugang stark ein. Die behandelnden Teams müssen entscheiden, wie viel Risiko sie auf sich nehmen wollen, um in diese äußerst entlegenen Gebiete vorzudringen.

Zudem wirft der Erfolg im Kampf gegen die Schlafkrankheit operationelle Fragen auf. Bis zu welchem Punkt will MSF in die Behandlung der vernachlässigten Tropenkrankheit investieren? Schaut man auf die häufigsten Leiden der Menschen in Doruma heute, stellt man fest dass die Zahl der HIV/Aids Infektionen stark ansteigt. Die Bevölkerung hat keinen Zugang zu Verhütungsmitteln oder zu einer Therapie mit antiviralen Medikamenten. Infizierte Personen müssen in den Südsudan reisen, wo die Medikamente ohne Untersuchung verabreicht werden. Wenn Malaria und HIV/Aids heute die häufigsten Todesursachen in der Region darstellen, muss MSF entscheiden wo zukünftig der Schwerpunkt der Arbeit liegen soll.

Alfhild Böhringer, Ärzte ohne Grenzen, DRC

 

Wirkungstransparenz oder Weihnachtspräsenz?

Am 28. November 2014 veröffentliche Spiegel-Online pünktlich zum Beginn der für Spenden lukrativen Weihnachtszeit die “Rangliste der 50 Top-Spendenorganisationen”. Der Liste liegt eine Studie zur „Wirkungstransparenz“ zugrunde. Die Organisation Phineo untersuchte anhand von öffentlich zugänglichen Informationen von Nichtregierungsorganisationen, wie transparent diese ihre Wirkung darstellen.

Schön ist, dass die Arbeit gemeinnütziger Organisationen von einer externen Organisation anhand von Kriterien betrachtet wird. Gerne hätte man auch die zentralen Aussagen der Studie in der Onlinepresse gesehen. Sie sind spannend, verschwinden aber hinter dem Ranking.

Zu unterstützen ist das Anliegen, das Thema Wirkungsbeobachtung auf die Agenda zu bringen. Die Studie betont, dass hier einiges im Argen liegt. Man hofft, über die Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für Wirkungen in der Arbeit der Organisationen zu schaffen.

Untersuchung, Bewertung und Veröffentlichung haben ein wesentliches Versäumnis: Anstatt sich direkt mit den Menschen, um die es bei der Arbeit der Organisationen geht, zu beschäftigen, hat man sich allein mit Internetseiten und weiteren öffentlichen Quellen befasst. Weder die Zielgruppen der Organisationen noch deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden befragt.

Phineo und Spiegel-Online weisen nicht einmal darauf hin, dass Wirkungsbeobachtung sowohl bei als auch mit den Menschen, die Inhalt, Ziel und Zweck der Arbeit der Organisationen sind, notwendig ist. Das kann dazu führen, dass die Hilfsorganisationen in Zukunft noch mehr Zeit, Geld und Energie in ihre Außendarstellung investieren. Wer im Wettlauf um die Topplätze in Weihnachtsrankings und den damit verbundenen Spendensummen nach oben kommen möchte, wird nicht systematische oder gar unabhängige externe Wirkungsbeobachtung in fernen Ländern in Auftrag geben. Bei der vorliegenden Studie kann man schon mit gut formulierten Zielen, Strategien und Visionen punkten. Wer den schönsten Bericht schreibt, bekommt am Ende das meiste Geld.

Die Veröffentlichung dieser Rangliste dient vor allem den Hilfsorganisationen, die sich oben auf der Liste finden und den Spendern, die nun schauen können, bei welcher Top-Ranking-Organisation sie ruhigen Gewissens spenden können. Ob mit dieser Studie auch den Menschen, um die es geht, besser geholfen wird, erscheint fraglich. Dabei ist es doch das, was Spiegel-Online und Phineo eigentlich wollen.

World Humanitarian Summit: Beginn der Online-Consultation!

Wie bereits berichtet, bereitet UN-OCHA den World Humanitarian Summit 2016 vor. Ziel dieses Vorhabens ist es, eine neue Agenda für die internationale humanitäre Hilfe zu schaffen. Zur Vorbereitung der regionalen Konferenz am 3. und 4. Februar 2015 in Budapest gibt es nun eine Online-Konsultation.

Bis zum 19. Dezember können hier Ideen, Meinungen und Anregungen eingebracht werden: WHS Online Consultation