Haben wir noch die Kapazitäten, um auf alle aktuellen Krisen zu reagieren?

Nachdem der Konflikt zwischen Staatspräsident Salva Kiir und seinem ehemaligen Stellvertreter Riek Machar im Januar 2014 eskaliert ist, sind im Südsudan wieder einmal Menschen auf der Flucht.
Salva Kiir gehört der Ethnie der Dinka an, die mit knapp 20% die größte Volksgruppe im Südsudan darstellen. Riek Machar gehört zu den Nuer, der zweitgrößten Ethnie im Land. Schon immer fühlten sich die Nuer gegenüber den zahlenmäßig überlegenen Dinka benachteiligt, etwa bei der Zuteilung von Ämtern oder Arbeitsplätzen, aber auch von Weideland und Wasserquellen. Politische Loyalität war und ist im Südsudan so gut wie immer an ethnische Zugehörigkeit gekoppelt.

Das zur politischen ‚Theorie‘ – in der Realität sieht dies wie folgt aus:
Von den 11 Millionen Südsudanesen sind 1,3 Millionen im Land selber auf der Flucht, zusätzlich eine halbe Million befindet sich in den umliegenden Ländern wie Äthiopien, Kenia und Uganda. Somit sind knapp ein Fünftel der Bevölkerung nicht mehr in ihren Dörfern, können sich also unter anderem nicht um die Ernährungssicherung kümmern, und sind und werden somit auch in Zukunft auf externe Hilfe angewiesen sein.

Im August diesen Jahres war ich in den Flüchtlingslagern im Norden von Uganda. Knapp 50.000 Südsudanesen leben im Moment hier, die meisten sind Frauen, Alte und Kinder. Die Männer sind zum Kämpfen im Südsudan geblieben. Die Lager sind strikt nach Ethnien getrennt.
Verglichen mit andern Flüchtlingslagern ist die Versorgung mit den „basic needs“ hier recht gut. Mehrere Organisationen teilen sich die Gesundheitsversorgung, Lebensmittlerverteilung und den Bau und Erhalt von Wasserquellen und sanitären Einrichtungen. Die psychische Betreuung der Menschen ist aber auch hier nur sehr rudimentär vorhanden. Viele haben Angehörige zum Teil auf grausame Weise verloren, und für viele Menschen ist es die zweite oder gar dritte Flucht. In Flüchtlingslagern im Norden von Kenia aufgewachsen (Stichwort ‚Kakuma“ in „gut zu lesen“) waren sie nicht einmal zwei bis drei Jahre in ihrer Heimat, bevor sie erneut fliehen mussten.

Was für ein perspektivloses Leben, permanent auf externe Hilfe angewiesen zu sein und zu hoffen, dass der internationalen Staatengemeinschaft dafür das Geld nicht ausgeht!

Sibylle Gerstl

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

One Response to Haben wir noch die Kapazitäten, um auf alle aktuellen Krisen zu reagieren?

  1. Joost Butenop says:

    Leider beantwortet der sehr wichtige aktuelle Bericht über den Südsudan nicht die Frage der Überschrift. Da stellt sich die Frage, ob dieser Bericht Teil einer Serie ist, die sich neben Südsudan u.a. auch CAR, Syrien, Irak, Ukraine, Darfur und der Ebola Krise widmen könnte?
    Und: wer ist „wir“? Ist das die berühmte internationale Gemeinschaft (also z.B. die Staatengemeinschaft), sind es die zivilgesellschaftlichen NGOs?
    Und: ist mit „reagieren“ gemeint, „angemessen“ zu reagieren? Geht es dabei um die essentiellen Bedürfnisse wie Wasser, Nahrung, Unterkunft, Gesundheit und ein Leben in Würde? Im Text steckt ein kleines Plädoyer für mehr psychosoziale Unterstützung betroffener Menschen, was sicher noch immer vernachlässigt wird von „uns“ humanitären Helfern bzw Organisationen. Ich freue mich auf mehr spannende Beiträge hier!

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