Ebola: Die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft

Der aktuelle Ebola Ausbruch in Westafrika macht eine große Schwäche des internationalen humanitären Systems deutlich: Für manche Katastrophen fühlt sich keiner wirklich verantwortlich, und effektives Handeln ist Mangelware. „Stattdessen haben sich die Staaten zu einer internationalen Koalition der Untätigkeit zusammengetan“, so Dr. Joanne Liu, Internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen (MSF), in einer Rede vor den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (VN) am 2. September 2014.
Internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation haben Monate lang die Verantwortung von sich geschoben, andere wie auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), ausgestattet mit umfangreichen Finanzmitteln, stimmen dem globalen Hilferuf verbal zu, fühlen sich aber nicht direkt betroffen oder aufgerufen. Einflussreiche Staaten, die über jetzt dringend benötigte Ressourcen verfügen, engagieren sich nicht oder viel zu spät – traurigstes Beispiel für uns: Deutschland. So werden private Hilfsorganisationen wie MSF nicht nur die primären Helfenden in akuten Krisensituationen, sondern müssen zusätzlich ihre schon überstrapazierten Ressourcen weiter ausreizen, um auf internationaler Ebene konkretes Handeln zu fordern.
Obwohl die Bill & Melinda Gates Stiftung eben 39 Millionen Euro für den Kampf gegen Ebola bereit gestellt hat und die US-Regierung endlich ehrgeizige Hilfspläne vorgestellt hat, bleiben die Reaktionen weiterhin träge, schwach und unkoordiniert. Vor Ort kommt davon zurzeit wenig an. Der Ebola-Erreger verbreitet sich währenddessen fast ungehindert mit zunehmender Geschwindigkeit und erschreckenden Ausmaß. Die Dunkelziffer der Infizierten wie der Verstorbenen ist vermutlich dramatisch. Schwerstkranke und sterbende Menschen müssen in den völlig überlasteten Ebola-Zentren in Monrovia abgewiesen werden – mit allen Konsequenzen, die das für sie selbst, ihre verzweifelten Angehörigen so wie für ihre Umgebung und die Stadt selber bedeutet.
Wo bleiben die Hilfe und die Solidarität der Weltgemeinschaft, die wir uns durch die VN, die WHO und etliche Abkommen der letzten 50 Jahren versprochen haben? Wo bleibt die aktive Mobilisierung der globalen Notfallmechanismen?
Hier die links:

http://www.msf.org/article/global-bio-disaster-response-urgently-needed-ebola-fight

Haben wir noch die Kapazitäten, um auf alle aktuellen Krisen zu reagieren?

Nachdem der Konflikt zwischen Staatspräsident Salva Kiir und seinem ehemaligen Stellvertreter Riek Machar im Januar 2014 eskaliert ist, sind im Südsudan wieder einmal Menschen auf der Flucht.
Salva Kiir gehört der Ethnie der Dinka an, die mit knapp 20% die größte Volksgruppe im Südsudan darstellen. Riek Machar gehört zu den Nuer, der zweitgrößten Ethnie im Land. Schon immer fühlten sich die Nuer gegenüber den zahlenmäßig überlegenen Dinka benachteiligt, etwa bei der Zuteilung von Ämtern oder Arbeitsplätzen, aber auch von Weideland und Wasserquellen. Politische Loyalität war und ist im Südsudan so gut wie immer an ethnische Zugehörigkeit gekoppelt.

Das zur politischen ‚Theorie‘ – in der Realität sieht dies wie folgt aus:
Von den 11 Millionen Südsudanesen sind 1,3 Millionen im Land selber auf der Flucht, zusätzlich eine halbe Million befindet sich in den umliegenden Ländern wie Äthiopien, Kenia und Uganda. Somit sind knapp ein Fünftel der Bevölkerung nicht mehr in ihren Dörfern, können sich also unter anderem nicht um die Ernährungssicherung kümmern, und sind und werden somit auch in Zukunft auf externe Hilfe angewiesen sein.

Im August diesen Jahres war ich in den Flüchtlingslagern im Norden von Uganda. Knapp 50.000 Südsudanesen leben im Moment hier, die meisten sind Frauen, Alte und Kinder. Die Männer sind zum Kämpfen im Südsudan geblieben. Die Lager sind strikt nach Ethnien getrennt.
Verglichen mit andern Flüchtlingslagern ist die Versorgung mit den „basic needs“ hier recht gut. Mehrere Organisationen teilen sich die Gesundheitsversorgung, Lebensmittlerverteilung und den Bau und Erhalt von Wasserquellen und sanitären Einrichtungen. Die psychische Betreuung der Menschen ist aber auch hier nur sehr rudimentär vorhanden. Viele haben Angehörige zum Teil auf grausame Weise verloren, und für viele Menschen ist es die zweite oder gar dritte Flucht. In Flüchtlingslagern im Norden von Kenia aufgewachsen (Stichwort ‚Kakuma“ in „gut zu lesen“) waren sie nicht einmal zwei bis drei Jahre in ihrer Heimat, bevor sie erneut fliehen mussten.

Was für ein perspektivloses Leben, permanent auf externe Hilfe angewiesen zu sein und zu hoffen, dass der internationalen Staatengemeinschaft dafür das Geld nicht ausgeht!

Sibylle Gerstl

Sibylle findet gut zu lesen

Aus der Sicht eines Jungen aus dem Südsudan wird biographisch die Geschichte des sudanesischen Bürgerkriegs ab Mitte der 1980er Jahre erzählt.

Als Valentino 7 Jahre ist, wird sein Dorf angegriffen und niedergebrannt, er flieht mit Tausenden von anderen Kindern in ein Flüchtlingslager nach Äthiopien und später – als auch dort der Krieg ausbricht – in ein weiteres Flüchtlingslager im Norden von Kenia. Nachdem er mehr als 14 Jahre in ‚Kakuma‘ verbracht hat, ein Lager, dass 1992 vorrangig für Kinder und Jugendliche aus dem Südsudan mitten in der Wüste errichtet wurde, kommt er 2000 als einer der ‚Lost Boys‘ – wie die sudanesischen Jungen auf der Flucht genannt werden – in die USA.

Gerade durch die Ich-Erzählung erfährt man sehr Authentisches über den Bürgerkrieg, aber vor allem auch über das Leben in den Flüchtlingslagern. Eine hilfreiche Lektüre für alle, die in diesem Bereich arbeiten. Insbesondere angesichts des aktuellen Flüchtlingsdramas des Südsudans, wo wieder Tausende von Menschen auf der Flucht sind, in Flüchtlingslagern unterkommen müssen und externe Hilfe benötigen.

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http://www.kiwi-verlag.de/buch/weit-gegangen/978-3-462-04033-3/

Gibt es gute und schlechte Hilfskonvois?

Im Leitartikel der ZEIT vom 14. August nennt der Autor Bernd Ulrich den ersten russischen Hilfskonvoi, der Hilfsgüter in die Ostukraine gebracht hat, als ein Beispiel dafür, dass im außenpolitischen Sommer des Jahres 2014 nichts mehr so ist, wie es scheint und Harmloses gefährlich wird. Unter anderem sei der Harmlosigkeit des Konvois zu misstrauen, weil er von einer Kriegspartei geschickt wurde
Hier drängt es sich auf, einige Dinge gerade zu rücken. Die Finanzierung von humanitärer Hilfe durch Kriegsparteien ist absolut nichts Neues, sondern gang und gäbe. In allen Kriegen der letzten Jahre, sei es in Afghanistan, im Kosovo oder beim Eingreifen in Libyen, haben die intervenierenden ausländischen Regierungen zeitgleich humanitäre Hilfe geschickt. Allerdings haben sie – mit wenigen Ausnahmen – nicht selber Hilfsgüter eingekauft und in weiß übertünchte LKWs verladen, sondern etablierte, professionelle und nur an humanitärer Hilfeleistung interessierte Organisationen beauftragt, meistens nicht-staatliche, aber auch die UN. Bis auf wenige Ausnahmen wie z.B. Ärzte ohne Grenzen finanzieren fast alle NGOs einen Teil ihrer Hilfeleistung aus staatlichen Quellen, jedoch besteht Einvernehmen darüber, dass die Organisationen die Hilfe gemäß der humanitären Prinzipien von Mitmenschlichkeit, Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität verteilen.
Das Problem liegt also nicht darin, dass die russische Regierung Hilfe finanziert. Das Problem lag – und liegt auch weiterhin, da neue Konvois geplant sind – darin, dass die Regierung darauf besteht, die LKWs direkt bis in den Donbass zu steuern und die Güter selber zu verteilen. Wäre es Putin wirklich nur um die Versorgung der notleidenden Zivilbevölkerung gegangen, hätte er die Gelder nur an das Internationale Rote Kreuz überweisen müssen oder auch an das Russische Rote Kreuz und die Hilfe wäre ohne Verzögerung und politisches Tamtam bei den Menschen angekommen. Aber eben als unabhängige und neutrale Hilfeleistung ohne politische Agenda.
Während die gesamte mediale Aufmerksamkeit tagelang auf dem russischen Konvoi lag, vollzog sich weitgehend unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit ein Paradigmenwechsel in einer anderen, ebenso hart umkämpften Kriegszone: am 14. Juli verabschiedete der UN Sicherheitsrat die Resolution 2165, die es den UN erlaubt, über vier Grenzübergänge (zwei in der Türkei, einem in Jordanien und einem im Irak) humanitäre Hilfe nach Syrien zu schicken. Die Regierung in Damaskus muss zwar 48 Stunden vorher informiert werden, jedoch ist ihre Zustimmung nicht erforderlich. Bis dato sahen sich die UN Hilfswerke – trotz der früheren Resolution 2139, die zur Gewährung von humanitärer Hilfe für die Bürgerkriegsopfer in Syrien aufruft – nicht in der Lage, ohne die erklärte Einwilligung aus Damaskus sog. cross-border Hilfe zu leisten und beschränkten sich darauf zu versuchen, Hilfe innerhalb Syriens in umkämpfte Gebiete zu bringen, sog. cross-line Hilfe. Aufgrund der starken Restriktionen und mannigfaltigen bürokratischen Hindernisse, die die Regierung der cross-line Hilfe in den Weg stellte, konnte so nur ein Bruchteil der Bedürftigen in Oppositionsgebieten erreicht werden. Durch die zusätzliche Option, diese Gebiete, die vor allem im Norden des Landes liegen, nun auch von den Nachbarländern aus zu versorgen, vergrößern sich die Möglichkeiten, der notleidenden Zivilbevölkerung zu helfen, signifikant. Seit dem 14. Juli sind ein halbes Dutzend Konvois von der türkischen Grenze gestartet und haben über 60.000 Haushalte mit Hilfsgütern versorgt.
Die UN sind allerdings nur ein neuer Akteur in der Hilfe, die aus der Türkei kommt. Schon seit über anderthalb Jahren organisieren unabhängige Hilfsorganisationen kontinuierlich und unter sehr schweren Bedingungen Hilfslieferungen in den Norden Syriens, teils durch eigenes Personal vor Ort, teils über syrische Partnerorganisationen oder lokale Hilfskomitees. Dies geschieht weitgehend ohne mediale Öffentlichkeit, zum einen, um die Helfer und die Hilfe nicht zu gefährden, zum anderen, weil es den Hilfsorganisationen ausschließlich um die Hilfe für die Bevölkerung geht.
Aber wer bezahlt diese Hilfslieferungen? Alle bekannten westlichen Geldgeber, die damit natürlich eine politische Agenda verfolgen, die Umsetzung der Hilfe aber den Organisationen allein überlassen. Diese westlichen Regierungen haben größtenteils im syrischen Bürgerkrieg Partei ergriffen – wie Putin im Konflikt in der Ostukraine. Es gibt also keine guten (westlich finanzierten) und schlechten (russisch bezahlten) Hilfskonvois, sondern es gibt unabhängige humanitäre Hilfe und politisch und medial kalkulierte Wohltätigkeit.