Koordinierung als Chance und Herausforderung in der Humanitären Hilfe

Gastbeitrag von Christoph Strässer, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg internationaler humanitärer Hilfe war, ist und bleibt eine effiziente Koordinierung der betroffenen Akteure und Ressourcen: Die Art und Weise, in der die Akteure der humanitären Hilfe mit dem sich wandelnden humanitären Umfeld umgehen, wird entscheidend sein, um menschliches Leid erfolgreich zu lindern und sich der humanitären Bedürfnisse anzunehmen. Im Folgenden skizziere ich drei Trends, mit denen die humanitären Akteure konfrontiert sein werden:

  1. Die Zahl der Naturkatastrophen steigt

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Naturkatastrophen von 200 auf 400 pro Jahr verdoppelt. Noch höher fiel der Anstieg bei der Anzahl der betroffenen Menschen und den Verlusten aufgrund von Schäden durch Naturkatastrophen aus. Die verheerendsten dieser Katastrophen waren in der jüngeren Vergangenheit der Tsunami in Asien 2004, das Erdbeben in Haiti 2010 oder der Taifun auf den Philippinen 2013.

  1. Die Zahl der komplexen Notsituationen steigt

Innerstaatliche Konflikte verursachen ebenfalls einen verstärkten Bedarf an humanitärer Hilfe. Laut dem Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) stieg die Zahl der Menschen, die aufgrund von Gewalt und bewaffneten Konflikten in ihrem eigenen Land zu Vertriebenen wurden, von 16,5 Millionen im Jahr 1989 auf geschätzt 33,3 Millionen zum Ende des Jahres 2013. Die Situation in Ländern wie dem Südsudan, Syrien oder der Zentralafrikanischen Republik unterstreicht dies auf tragische Art und Weise.

Diese beiden Trends bedeuten in der Summe, dass man auch weiterhin mit einem steigenden Bedarf humanitärer Hilfe rechnen muss. Die Hilfsaufrufe der Vereinten Nationen sind hierfür ein guter Indikator. Der Umfang dieser Hilfsaufrufe ist von 4,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 auf 16,96 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 gestiegen (Stand Juli 2014). Man kann derzeit leider nicht erwarten, dass es hier zu einer Trendumkehr kommen wird. Diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist für die weltweite humanitäre Gemeinschaft angesichts der oft knappen Mittel nicht einfach. Dennoch: Zu den aktuellen Entwicklungen gehört auch, dass sich immer mehr neue Akteure an humanitären Angelegenheiten beteiligen. Die Erfahrungen aus dem Erdbeben in Haiti, als sich über 3 000 NGOs im Land registrierten, illustrieren einen dritten Trend:

  1. Die Zahl der Akteure, die an humanitären Maßnahmen beteiligt sind, nimmt zu

OCHA schreibt dazu in seinem jüngsten Planungs- und Budgetierungsbericht: Da immer mehr Länder den Status von Ländern mit mittleren Einkommen erreichen, werden immer mehr Regierungen zu Gebern und teilen ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen. Nationale Katastrophenschutzbehörden und regionale Organisationen spielen eine zunehmend einflussreiche Rolle und es sind mehr NGOs und zivilgesellschaftliche Akteure an humanitärer Hilfe beteiligt als je zuvor. Der Unternehmenssektor engagiert sich immer stärker und sucht die Partnerschaft mit den Akteuren der humanitären Hilfe.

Der Erfolg humanitärer Bemühungen wird künftig maßgeblich davon abhängen, ob wir dieses Potenzial ausschöpfen können. Damit schließt sich der Kreis zur eingangs formulierten These, dass die Koordinierung der Anstrengungen innerhalb der humanitären Gemeinschaft so wichtig ist – angesichts der angedeuteten Trends ist dies eine Herausforderung und Chance gleichermaßen. Ein wichtiger Teil der Lösung muss eine Antwort auf die Frage sein, wie diese verschiedenen Akteure, die oft außerhalb des Systems des Ständigen interinstitutionellen Ausschusses stehen, in eine koordinierte humanitäre Reaktion und Arbeit gemäß unseren humanitären Standards und Prinzipien eingebunden werden können. Eine effektive Koordinierung ist entscheidend, um Synergien zu erzeugen, Doppelarbeit zu vermeiden und so effizienter zu arbeiten.

Der Humanitäre Weltgipfel 2016: eine Gelegenheit, die künftigen Herausforderungen anzugehen

Angesichts der sich wandelnden humanitären Lage und der oben genannten globalen Herausforderungen beruft der Generalsekretär der Vereinten Nationen für 2016 in Istanbul einen Humanitären Weltgipfel ein und hat das OCHA mit der Organisation des Gipfels beauftragt. Der Humanitäre Weltgipfel ist eine Gelegenheit für die internationale humanitäre Gemeinschaft, die derzeitigen Herausforderungen noch besser zu verstehen, bewährte Praktiken aus allen Teilen der Welt zu sammeln und sich grundsätzlich darauf zu verständigen, wie am besten auf diese Herausforderungen reagiert werden kann. Er bietet die Gelegenheit, sich auf eine gemeinsame und koordinierte Vision der humanitären Hilfe über 2016 hinaus zu einigen. Wir alle können uns daran beteiligen (www.worldhumaniatriansummit.org).

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: