Was tut sich in der humanitären Hilfe?

Vor zwei Jahren haben wir über den State of the Humanitarian Systems Report berichtet (Fortschritte im Gesamtsystem? und Stillstand im Gesamtsystem?). Der Bericht wird vom britischen Think Tank ALNAP herausgegeben. Er bietet auf Grund der kriterienbasierten- und übersichtlichen Darstellungsweise einen spannenden Blick auf die humanitäre Hilfe.

Nun gibt es die Gelegenheit, einen Beitrag zur Neuauflage des Berichts zu leisten. Die Autoren wenden sich an die humanitären Helfer und bitten um ihre Erfahrungen und Einschätzungen. Für die 25 Fragen braucht man circa 20 Minuten.

Link: Survey State of the Humanitarian Systems Report

 

 

Neue Trends: Analyse der jüngsten Großkrisen

Catherine Bragg (Adjunct Professor am Centre for Humanitarian Action, University College, Dublin und bis 2013 stellvertretende Leiterin von UN OCHA) analysiert die jüngsten Gr0ßkrisen in den Philippinen und in Syrien und sieht drei Trends, die Veränderungen in der klassischen humanitären Hilfe erfordern: Erstens, Regierungen, die nicht mehr um internationale Hilfe bitten. Zweitens, neue Formen der Hilfe, wie Cash-Based Programming. Und drittens, die neuen Akteure, die andere Mandate und Agenden haben, als die traditionellen humanitären Akteure.

Catherine Bragg sieht für die klassische humanitäre Hilfe die Notwendigkeit einer Umorientierung, weg von der Verteilung von Hilfsgütern, hin zu begleitenden Prozessen für die Menschen. Es gehe mehr und mehr darum, Zugang zu verschiedenen Formen der (Selbst-) Hilfe zu ermöglichen und um die Faktoren, die es den Menschen erschweren bestehende (Selbst-) Hilfepotentiale zu mobilisieren.

Für den deutschen Kontext ist diese Analyse insbesondere spannend. Soll die deutsche humanitäre Hilfe weiterhin Anstrengungen verstärken, sich in das aktuelle internationale System der humanitären Hilfe zu integrieren? Sollte der Schwerpunkt der aktuellen Reformbestrebungen weiterhin auf eine starke Rolle der VN setzen und die Anbindung an westlich dominierte Initiativen gesucht werden?

Oder integriert sich die deutsche humanitäre Hilfe damit nur stärker in ein Auslaufmodell? Sollte stattdessen die Energie darauf gerichtet werden, Ansätze zu finden, die mit der traditionellen Vorgehensweise der humanitären Hilfe brechen? Geht beides gleichzeitig? Hätte die deutsche humanitäre Hilfe dazu überhaupt die nötige Schlagkraft? Findet in Deutschland eine Debatte statt, welche die Beobachtungen von Catherine Bragg berücksichtigt?

http://reliefweb.int/report/world/humanitarian-action-bucking-system-trends-toward-new-approach

 

 

Nicht unser Krieg?

Unter der Überschrift „Wer schützt die Zivilbevölkerung?“ hatten wir kürzlich Bezug genommen auf die jüngsten Geschehnisse im Gaza-Krieg und auf die massive Gewalt gegen die Zivilbevölkerung.

In einem Beitrag „Nicht unser Krieg“ in der FAZ vom vergangenen Freitag (8. August) von Muriel Asseburg (SWP Berlin) und René Wildangel (Heinrich-Böll-Stiftung Ramallah), fordern die beiden Autor/innen Deutschland auf, seine passive Haltung im Israel-Palästina-Konflikt aufzugeben und sich aktiv für einen dauerhaften Waffenstillstand und eine nachhaltige Konfliktlösung einzusetzen. Dazu gehören u.a. die Aufhebung der Blockade Gazas, die Verhinderung des Waffenschmuggels, ein geregelter Warenverkehr und die Aufklärung von Kriegsverbrechen und Menschenrechts-verletzungen durch beide Kriegsparteien. Weiter heißt es: „Nicht zuletzt angesichts der massiven Gewalt gegen die Zivilbevölkerung im jüngsten Krieg sollte die Bundesregierung Waffenlieferungen nach und Rüstungskooperation mit der Besatzungsmacht Israel dringend auf den Prüfstand stellen.“

 

Südsudan – schreckliche Lebensbedingungen für Vertriebene

Gastbeitrag von Karin Model,  World Vision Deutschland

Vom 11 bis 14 Juni 2014 hatte ich die Gelegenheit im Rahmen einer Projektreise in den Südsudan das UNMISS-Gelände in Malakal im Norden des Landes zu besuchen. Nachdem die Hauptstadt des Nordens von Militär und Rebellen zuerst heiß umkämpft und dann dem Erdboden gleichgemacht wurde, hat sich die überlebende Bevölkerung auf das UN-Gelände in der Nähe der Stadt geflüchtet. Seitdem hausen dort tausende Vertriebene auf dichtest gedrängtem Raum und wissen nicht, wohin sie gehen sollen. Noch ist es zu gefährlich, wieder in ihre Stadt zurückzukehren, da jederzeit neue Kampfhandlungen ausbrechen können.

Schon allein der Flug in einer kleinen Maschine vom World Food Programme von Juba, der Hauptstadt des Südsudans, nach Malakal, der einst wunderschönen Stadt am Nil, war einigermaßen abenteuerreich. Die Fahrt vom Flughafen dauerte ungefähr eine Stunde, obwohl die Strecke nur ein paar Kilometer lang ist. Bereits vor dem UNMISS-Gelände konnte man die angespannte Atmosphäre wahrnehmen. Da das Areal buchstäblich aus allen Nähten platzt, hat sich eine geringe Anzahl von Vertriebenen bereits vor dem Gelände niedergelassen, teilweise hausen die Menschen in Abwasserkanälen. Der Gestank und auch die Fliegen waren mehr und mehr wahrzunehmen, je näher wir an das geschützte UN-Gelände kamen. Auch die Hitze mit über 40 Grad erschwert die Lebensbedingungen in den Lagern und setzte mir auch einigermaßen zu.

Da niemand mit so einem großen Ansturm an Vertriebenen gerechnet hatte, sind die Bedingungen, unter denen die Menschen leben, kaum zu beschreiben. Durch die bereits verfrüht eingesetzte Regenzeit leben die Menschen in einer Schlammbrühe in selbst zusammengebauten Unterkünften. Es gibt zu wenige Latrinen und Waschmöglichkeiten, kaum Plätze für Kinder, wo diese spielen können. Es ist unglaublich, dass diese Situation bereits Monate lang andauert. Die internationale Bereitschaft arbeitet zurzeit an der Eröffnung eines neuen Areals, wo bereits Abwassergräben und sanitäre Einrichtungen errichtet wurden. World Vision ist eine der vielen Organisationen, die dort tätig sind. Seit Januar leben unsere Mitarbeitenden in Zelten auf dem Gelände und stellen Nahrungsmittel, sanitäre Einrichtungen und vor allem so genannte „Child Friendly Spaces“ zur Verfügung. Das sind Zelte, wo Kinder betreut werden und gemeinsam spielen können. Gummistiefel, die die Gefahr vor Seuchen und Verletzungen mindern können, fehlen aber noch viel zu oft.

Koordinierung als Chance und Herausforderung in der Humanitären Hilfe

Gastbeitrag von Christoph Strässer, Beauftragter der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg internationaler humanitärer Hilfe war, ist und bleibt eine effiziente Koordinierung der betroffenen Akteure und Ressourcen: Die Art und Weise, in der die Akteure der humanitären Hilfe mit dem sich wandelnden humanitären Umfeld umgehen, wird entscheidend sein, um menschliches Leid erfolgreich zu lindern und sich der humanitären Bedürfnisse anzunehmen. Im Folgenden skizziere ich drei Trends, mit denen die humanitären Akteure konfrontiert sein werden:

  1. Die Zahl der Naturkatastrophen steigt

In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Naturkatastrophen von 200 auf 400 pro Jahr verdoppelt. Noch höher fiel der Anstieg bei der Anzahl der betroffenen Menschen und den Verlusten aufgrund von Schäden durch Naturkatastrophen aus. Die verheerendsten dieser Katastrophen waren in der jüngeren Vergangenheit der Tsunami in Asien 2004, das Erdbeben in Haiti 2010 oder der Taifun auf den Philippinen 2013.

  1. Die Zahl der komplexen Notsituationen steigt

Innerstaatliche Konflikte verursachen ebenfalls einen verstärkten Bedarf an humanitärer Hilfe. Laut dem Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA) stieg die Zahl der Menschen, die aufgrund von Gewalt und bewaffneten Konflikten in ihrem eigenen Land zu Vertriebenen wurden, von 16,5 Millionen im Jahr 1989 auf geschätzt 33,3 Millionen zum Ende des Jahres 2013. Die Situation in Ländern wie dem Südsudan, Syrien oder der Zentralafrikanischen Republik unterstreicht dies auf tragische Art und Weise.

Diese beiden Trends bedeuten in der Summe, dass man auch weiterhin mit einem steigenden Bedarf humanitärer Hilfe rechnen muss. Die Hilfsaufrufe der Vereinten Nationen sind hierfür ein guter Indikator. Der Umfang dieser Hilfsaufrufe ist von 4,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2006 auf 16,96 Milliarden US-Dollar im Jahr 2014 gestiegen (Stand Juli 2014). Man kann derzeit leider nicht erwarten, dass es hier zu einer Trendumkehr kommen wird. Diesen Anforderungen gerecht zu werden, ist für die weltweite humanitäre Gemeinschaft angesichts der oft knappen Mittel nicht einfach. Dennoch: Zu den aktuellen Entwicklungen gehört auch, dass sich immer mehr neue Akteure an humanitären Angelegenheiten beteiligen. Die Erfahrungen aus dem Erdbeben in Haiti, als sich über 3 000 NGOs im Land registrierten, illustrieren einen dritten Trend:

  1. Die Zahl der Akteure, die an humanitären Maßnahmen beteiligt sind, nimmt zu

OCHA schreibt dazu in seinem jüngsten Planungs- und Budgetierungsbericht: Da immer mehr Länder den Status von Ländern mit mittleren Einkommen erreichen, werden immer mehr Regierungen zu Gebern und teilen ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen. Nationale Katastrophenschutzbehörden und regionale Organisationen spielen eine zunehmend einflussreiche Rolle und es sind mehr NGOs und zivilgesellschaftliche Akteure an humanitärer Hilfe beteiligt als je zuvor. Der Unternehmenssektor engagiert sich immer stärker und sucht die Partnerschaft mit den Akteuren der humanitären Hilfe.

Der Erfolg humanitärer Bemühungen wird künftig maßgeblich davon abhängen, ob wir dieses Potenzial ausschöpfen können. Damit schließt sich der Kreis zur eingangs formulierten These, dass die Koordinierung der Anstrengungen innerhalb der humanitären Gemeinschaft so wichtig ist – angesichts der angedeuteten Trends ist dies eine Herausforderung und Chance gleichermaßen. Ein wichtiger Teil der Lösung muss eine Antwort auf die Frage sein, wie diese verschiedenen Akteure, die oft außerhalb des Systems des Ständigen interinstitutionellen Ausschusses stehen, in eine koordinierte humanitäre Reaktion und Arbeit gemäß unseren humanitären Standards und Prinzipien eingebunden werden können. Eine effektive Koordinierung ist entscheidend, um Synergien zu erzeugen, Doppelarbeit zu vermeiden und so effizienter zu arbeiten.

Der Humanitäre Weltgipfel 2016: eine Gelegenheit, die künftigen Herausforderungen anzugehen

Angesichts der sich wandelnden humanitären Lage und der oben genannten globalen Herausforderungen beruft der Generalsekretär der Vereinten Nationen für 2016 in Istanbul einen Humanitären Weltgipfel ein und hat das OCHA mit der Organisation des Gipfels beauftragt. Der Humanitäre Weltgipfel ist eine Gelegenheit für die internationale humanitäre Gemeinschaft, die derzeitigen Herausforderungen noch besser zu verstehen, bewährte Praktiken aus allen Teilen der Welt zu sammeln und sich grundsätzlich darauf zu verständigen, wie am besten auf diese Herausforderungen reagiert werden kann. Er bietet die Gelegenheit, sich auf eine gemeinsame und koordinierte Vision der humanitären Hilfe über 2016 hinaus zu einigen. Wir alle können uns daran beteiligen (www.worldhumaniatriansummit.org).