Wer schützt die Zivilbevölkerung?

Wieder einmal erleben wir in diesen Tagen auf drastische Weise, wie unschuldige Menschen Opfer kriegerischer Auseinandersetzungen werden. Im Nahostkonflikt eskaliert erneut die Gewalt. Die Hamas nutzt die Zivilbevölkerung im Gazastreifen als Schutzschild für ihre Angriffe auf Israel. Israel bombardiert vermeintlich militärische Ziele in Gaza und nimmt in Kauf, dass zahlreiche unschuldige Menschen dabei getötet werden (bis heute Mittag, 19. Juli, über 300 Opfer). Am Strand von Gaza werden spielende Kinder von Raketen zerfetzt. Über der Ostukraine wird ein Zivilflugzeug mit 300 Menschen an Bord von einer Rakete getroffen – ob gezielt oder aus Versehen, macht keinen wesentlichen Unterschied. Wir haben noch die Bilder von der Bombardierung des Tanklastzuges in Kunduz mit mehr als hundert zivilen Opfern vor Augen. Ganz zu schweigen von den ungezählten Opfern der nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden Kriege in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan oder in Syrien.
Was diese Beispiele – und alle Kriege der letzten Jahrzehnte – zeigen: Der Schutz der Zivilbevölkerung, eine zentrales Element des humanitären Völkerrechts, wird im Ernstfall zu einer vernachlässigten Größe. „Kollateralschäden“ werden mit dem Ausdruck des Bedauerns in Kauf genommen. Eine „humane Kriegführung“ ist unter heutigen Bedingungen eine Illusion. Die saubere Trennung zwischen militärischen und zivilen Zielen ist auch mit höchster Technik und Präzision nicht möglich, wie wir immer wieder sehen. Die Forderung kann also nur lauten: Stoppt endlich die Gewalt!
Jürgen Lieser

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

2 Responses to Wer schützt die Zivilbevölkerung?

  1. Sid Peruvemba says:

    Lieber Jürgen, danke für den Beitrag zur richtigen Zeit. Wer schützt die Zivilbevölkerung? Die Humanitäre Hilfe („wir“) hier jedenfalls nicht. Die UN auch nicht (wie sollte sie auch in der Lage dazu sein?). Und „stoppt die Gewalt“ klingt gut, ist aber in dieser Situation weder mit Kamingesprächen noch ziviler Krisenprävention zu erreichen. Es gibt kaum noch ein taugliches Drohszenario denen gegenüber, die das Völkerrecht permanent und bewusst verletzen. Kulturell und politisch haben wir aus gutem Grund der „Gewalt gegen Gewalt“ weitestgehend abgeschworen, Auch das hat dazu beigetragen, dass das Leid der (eigenen!) Zivilbevölkerung mehr und mehr ins Kalkül gezogen und ökonomisiert wird – von jenen, die sich sicher sein können, dass ihre Handlungen folgenlos bleiben.

    Was macht das alles mit der Humanitären Hilfe, die im Irak, der Ukraine, in Palästina bis auf Ausnahmen bedrückend ruhig bleibt? Keine Sondersitzungen, keine Aufrufe, nichts, das spart man sich für die nächste Hochwasserkatastrophe in Industrieländern. Ist das, was hier passiert, nicht mehr unser „Geschäft“, weil wir eh nichts machen können? Oder ist die Situation geradezu Anlass, unser humanitäres Wirken zu überdenken, unsere Prinzipien, unsere Kultur, unsere Selbstbezogenheit und unsere Fixiertheit auf zivile Mittel, die oft den Test nicht standhalten?

  2. Ralf Otto says:

    Eine Woche nach Jürgen Liesers Beitrag und vielen neuen Toten vermeldet die Onlinepresse nun erste vorsichtige kritische Töne der Bundesregierung hinsichtlich der Unverhältnismäßigkeit des israelischen Vorgehens: http://www.spiegel.de/politik/ausland/gaza-kritik-der-bundesregierung-an-israels-luftschlaegen-a-982857.html
    Warum dauert dies so lange? Warum so vorsichtig? Warum setzt sich niemand laut für die Einhaltung des Völkerrechts ein?

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