DR Kongo: Ein todsicheres Rezept für eine humanitäre Krise

Die Zutaten:

1.     Keine Infrastruktur

2.     Kein funktionierendes Gesundheitssystem (variabel austauschbar zum Beispiel mit Bildung oder Ernährungssicherung)

3.     Eine unüberschaubare Anzahl von Rebellengruppen, die sich untereinander bekämpfen, oder die Armee, oder beides

4.     Eine Armee, die schlecht ausgebildet, schlecht bezahlt und nicht motiviert ist und sich oft durch Plündern und Stehlen an der Zivilbevölkerung „finanziert“

5.     Eine Zivilbevölkerung, die ständig auf der Flucht bzw. schrecklichen Verbrechen ausgesetzt ist

 Die Extras:

– Der oben genannte Zustand existiert schon seit mindestens 15 Jahren

– Die internationale Presse interessiert sich kaum mehr dafür

 Der Schauplatz: Der Osten der Demokratischen Republik Kongo

 Ende letzten Jahres war ich in Ostkongo und habe wieder einmal hautnah miterleben können, wie schwierig – das Wort aussichtslos möchte ich eigentlich vermeiden – die Lage dort ist. Das Gebiet, in dem ich gearbeitet habe, ist nur mit kleinen Propellermaschinen zu erreichen. Eine direkte Straße zur circa 400 km entfernten Provinzhauptstadt Bukavu gibt es schon lange nicht mehr. Die einzige „Alternative“ ist ein großer Umweg – für die circa 1.300 km würden ungefähr 10 bis 14 Tage benötigt, sofern die Piste passierbar wäre und nicht große Teile von den Rebellen besetzt wären (so viel zu Punkt 1 und 3).

Punkt 2 war der Grund meiner Arbeit in dem Gebiet. Eine große internationale Organisation organisiert die Gesundheitsversorgung in einem Gebiet, das etwas grösser als Hessen ist, und in dem circa 150.000 Menschen leben. Ohne die Unterstützung dieser Organisation hätten die Menschen keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung. Das Gesundheitsministerium kümmert sich schon lange nicht mehr darum, was in dieser weit abgelegenen Gegend passiert. Die Arbeit ist schwierig, viele Gesundheitszentren sind meist nur zu Fuß oder in der Trockenzeit manchmal per Motorrad zu erreichen. Es gibt ein einziges Krankenhaus für dieses Gebiet.

Punkt 3 hat meinen Flug in die Region um einige Tage verschoben. Rebellen hatten Flugzeuge der Vereinten Nationen beim Landeanflug auf die einzige existierende Landepiste beschossen, und danach musste erst wieder einmal abgeklärt werden, ob man als internationale Organisation trotzdem weiterhin unbehelligt landen kann.

Punkt 4 und 5 hängen oft miteinander zusammen und machen nachhaltiges Arbeiten, beziehungsweise Resilienz schwierig bis unmöglich. Dafür bedarf es ein Mindestmaß an Recht und Ordnung, damit die Menschen zumindest wieder daran denken können, in ihre Heimatorte zurück zu kehren und ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn sich politisch anscheinend nichts mehr bewegt und die Medien nicht (mehr) berichten – weil es mittlerweile auf den Philippinen einen Wirbelsturm gab, in Zentralafrika ein blutiger Staatsstreich erfolgte, im Südsudan neue Kämpfe entfachten, und die internationalen Aufmerksamkeit auf der Syrienkrise liegt – sollen dann auch die humanitären Helfer ihre Koffer packen? Nein, gerade die vergessenen humanitären Katastrophen brauchen unsere Aufmerksamkeit!

Sibylle Gerstl

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

One Response to DR Kongo: Ein todsicheres Rezept für eine humanitäre Krise

  1. Joost Butenop says:

    Ein sehr wichtiger Artikel zum Thema „Ostkongo“ und „vergessene Konflikte“! Wie ist denn die Haltung – und wichtiger noch, die aktuelle Aktion – der deutschen Regierung zum Thema einzuschätzen, beleuchtet es doch zwei der für die Regierung und deren Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe relevanten Schwerpunktbereiche Kindersoldaten und Massenvergewaltigungen (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Aktuelle_Artikel/DemokratischeRepublikKongo/131107_Ost_Kongo_BuReg_hilft.html)?

    Hat der vielgepriesene deutsche Diplomat Kobler versagt mit seiner eigentlich viel zu kleinen UN Truppe, oder gibt es wenigstens für einige Regionen dort Licht am Ende des Tunnels?

    Quellen:
    http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=120780557&aref=imageArchive/2013/11/09/CO-SP-2013-046-0102-0105.PDF&thumb=false

    http://www.pressebox.de/pressemitteilung/deutsche-welle/MONUSCO-Chef-Kobler-Der-Kongo-ist-ein-Land-der/boxid/649188

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