Hilfe für syrische Flüchtlinge in der Türkei: neue Arbeitsgebiete, neue Akteure, neue Ansätze

Beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten am 05.02.2014 in Berlin versprach die Bundeskanzlerin, Deutschland würde mehr tun, um der Türkei bei der Versorgung der syrischen Flüchtlinge in der Grenzregion zu Syrien zu helfen. Zur Erinnerung: die Türkei hat ca. 700.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, von denen ca. ein Viertel in Camps lebt. Obwohl die Standards in den Camps – verglichen mit Flüchtlingslagern in anderen Regionen dieser Welt – exzellent sind, ziehen viele Flüchtlinge die größere (Bewegungs-)Freiheit außerhalb der Lager vor. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben bisher ca. 2 Milliarden Dollar für den Betrieb dieser Lager bereitgestellt, eine Leistung, die Respekt verdient, auch wenn die Regierung diese Leistung natürlich nicht vollkommen uneigennützig erbringt.

Die große Mehrheit der Flüchtlinge ist aber auf eigene Faust in den Städten und Dörfern der Grenzregion untergekommen und lebt dort entweder bei Gastfamilien oder in angemieteten Unterkünften. Die Familien zu finden und zu erfassen, wer auf Unterstützung von außen angewiesen ist, ist gar nicht so einfach, da die Registrierung nicht wie traditionell üblich über eine zentral organisierte Erfassung des UNHCR läuft, sondern sich jede Familie individuell bei der türkischen Polizei registrieren lässt. Für Hilfsorganisationen ist die Arbeit im städtischen Raum immer noch relativ neu, da Flüchtlingspopulationen traditionell immer in weit entlegenen Lagern untergebracht waren.

Wenn man sich auf die Suche macht, wer diesen Menschen hilft, so stellt man fest, dass es – auch weil die Registrierung internationaler NROs sehr restriktiv gehandhabt wird – vor allem türkische NRO sind, deren Umsetzungskapazitäten überraschen, traten sie doch im Konzert der „klassischen“ internationalen NRO bisher eher selten in Aktion. Anders als der Türkische Rote Halbmond, der in vielen der zuletzt aufgetretenen Krisen deutlich sichtbar war. Die Arbeit dieser türkischen Organisationen ist nicht nur ein gutes Beispiel für die wachsende Bedeutung der Zivilgesellschaft innerhalb der Türkei, sondern auch für erfolgreiches „learning by doing“ und sichtbare Kapazitätsentwicklung lokaler Akteure mitten in einer Krise. So hat sich zum Beispiel eine Organisation weitgehend aus eigener Kraft in das sogenannte „cash based programming“ eingearbeitet, weil sie erkannt hat, dass die Verteilung von Lebensmittelpaketen ineffektiv ist, wenn es überall Supermärkte gibt, in denen die Flüchtlinge einkaufen könnten, wenn sie das nötige Geld dazu hätten. Vor allem aber fördert es die Würde der Familien, wenn sie selber entscheiden können, ob sie Bohnen, Reis oder Nudeln essen wollen.  So werden statt fertig gepackter Pakete elektronische Zahlkarten ausgegeben, auf die jeden Monat ein bestimmter Betrag gutgeschrieben wird, und mit denen dann im Supermarkt an der Kasse ganz normal bezahlt werden kann, wie z.B. mit einer EC-Karte. Die Flüchtlinge sind sehr zufrieden, der lokale Ladenbesitzer hat mehr Kundschaft, die erstandenen Güter werden nicht weiter verkauft und über die Auswertung der Einkäufe lässt sich – wenn gewünscht – auch im Detail nachvollziehen, wofür das Geld verwendet wurde. Ein rundum gelungene Intervention, der man viele Nachahmerinnen und Nachahmer wünscht!

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

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