Taifun Haiyan: Nothilfe und Berichterstattung

Zwischen Banda Aceh und Port-au-Prince liegen über 17.000 Kilometer und damit eigentlich Welten. Doch eines haben diese Städte gemeinsam: Wer die Namen in die Google-Bildersuche eingibt, erhält ausnahmslos Trümmerwüsten. Banda Aceh und Port-au-Prince sind in der öffentlichen Wahrnehmung nur noch eines: Symbolorte für schwere Naturkatastrophen. Im November 2013 ist ein weiterer Symbolort hinzugekommen: Tacloban.

Die Hauptstadt der philippinischen Provinz Leyte wurde von Taifun Haiyan erbarmungslos getroffen. Die Zerstörung war gewaltig, rund 5000 Menschen verloren in dem Chaos ihr Leben. In der Bildzeitung war täglich von der „Totenstadt Tacloban“ zu lesen, aus aller Welt reisten Medienvertreter an. Die Stadt war in aller Munde.

Von den Inseln Samar, Cebu und Panay war weit weniger die Rede, obwohl es auch hier weite Landstriche schwer getroffen hatte. Die Todeszahlen waren – teils wegen guter Evakuierungsmaßnahmen – zwar geringer, der Zerstörungsgrad und der Bedarf der Überlebenden aber dennoch immens hoch.

Hilfsorganisationen müssen in einer solchen Situation „kühlen Kopf“ bewahren und dürfen sich nicht von der Berichterstattung steuern lassen. Tacloban benötigte zweifellos ein hohes Maß an Nothilfe, andere Regionen durften deshalb aber nicht auf der Strecke bleiben. Die Koordinierungsstellen haben die schwierige Aufgabe, sowohl Überschneidungen als auch Versorgungslücken zu vermeiden. Auf den Philippinen hat das sicherlich nur bedingt geklappt. In der unmittelbaren Nothilfe-Phase war Tacloban übervölkert von humanitären Helfern, während andere Regionen zum Teil allzu lang auf Hilfe warten mussten.

Etwa zehn Tage nach Haiyan war die Katastrophe aus den internationalen Medien schlagartig verschwunden. Das war zu erwarten – konnte man dies doch bei früheren vergleichbaren Katastrophen ähnlich feststellen. Der Wiederaufbau muss nun weitgehend ohne mediale Begleitung ablaufen. Damit hat auch die „Totenstadt Tacloban“ zu kämpfen, denn die Zerstörung ist noch immer allgegenwärtig, doch die internationale Hilfe hat sich merklich ausgedünnt.

Moritz Wohlrab

Pressereferent Aktion Deutschland Hilft

Warum eigentlich nun Resilienz?

Seit einigen Jahren taucht das Thema Resilienz vermehrt im Kontext der humanitären Hilfe und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit auf. Zu Resilienz werden Artikel geschrieben, Konferenzen abgehalten, Strategiepapiere verabschiedet und Projekte entworfen. Wissen wir also nun alle, was mit Resilienz gemeint ist?

Neben DFID (dem britischen Entwicklungshilfeministerium) hat sich im Jahr 2012 die EU das Thema Resilienz ganz groß auf die Fahnen geschrieben (Link zu Beispielen). Im Strategiepapier des Auswärtigen Amtes zur humanitären Hilfe taucht der Begriff Resilienz in einem Verweis zur Strategie der entwicklungsfördernden und strukturbildenden Übergangshilfe (ESÜH) des BMZ auf: “Strukturbildende Ansätze der Übergangshilfe” sollen die Resilienz stärken.

Resilienz leitet sich aus dem lateinischen Wort resilire ab. Es heißt soviel wie „zurückspringen“ oder „abprallen“. Unter Resilienz versteht man im Allgemeinen die Fähigkeit eines Systems, mit Veränderungen umgehen zu können. Im Kontext der internationalen Hilfe bedeutet Resilienz, vereinfacht gesagt, die Fähigkeit eines Einzelnen, einer Gemeinschaft oder eines Staates, Katastrophen (menschengemachte- und Naturkatastrophen) zu bewältigen, ohne dass hierdurch längerfristige Perspektiven unterlaufen bzw. zerstört werden.

Resilienz antwortet damit auf eine Reihe von Herausforderungen (und Kritikpunkten) in der internationalen Hilfe. In vielen Ländern wird seit Jahrzehnten internationale Hilfe geleistet, die wie in einem bodenlosen Fass zu verschwinden scheint. Das Horn von Afrika zum Beispiel ist seit Jahrzehnten Zielregion für die Entwicklungszusammenarbeit und auch stets für humanitäre Hilfe. Trotz dieser intensiven Bemühungen kam es im Jahr 2011 zu einer verheerenden Hungerkatastrophe. Die Bilder riefen Erinnerungen an die Dürrekatastrophen in den 80er-Jahren hervor.

Kann Resilienz oben geschilderte Situation wirklich ändern? Bringt das Konzept der Resilienz tatsächlich einen Mehrwert?  Oder handelt es sich nur um ein weiteres Modewort in der langen Kette von „buzz words(wie zum Beispiel Disaster Risk Reduction, Climate-smart Disaster Risk Management, oder Human Security)? Was bedeutet Resilienz für die Praxis der humanitären Hilfe? Gibt es Chancen, durch den Fokus auf Resilienz die humanitäre Hilfe zu verbessern? Diesen Fragen wollen wir in unserem nächsten Beitrag nachgehen und sind schon sehr gespannt auf Kommentare!

DR Kongo: Ein todsicheres Rezept für eine humanitäre Krise

Die Zutaten:

1.     Keine Infrastruktur

2.     Kein funktionierendes Gesundheitssystem (variabel austauschbar zum Beispiel mit Bildung oder Ernährungssicherung)

3.     Eine unüberschaubare Anzahl von Rebellengruppen, die sich untereinander bekämpfen, oder die Armee, oder beides

4.     Eine Armee, die schlecht ausgebildet, schlecht bezahlt und nicht motiviert ist und sich oft durch Plündern und Stehlen an der Zivilbevölkerung „finanziert“

5.     Eine Zivilbevölkerung, die ständig auf der Flucht bzw. schrecklichen Verbrechen ausgesetzt ist

 Die Extras:

– Der oben genannte Zustand existiert schon seit mindestens 15 Jahren

– Die internationale Presse interessiert sich kaum mehr dafür

 Der Schauplatz: Der Osten der Demokratischen Republik Kongo

 Ende letzten Jahres war ich in Ostkongo und habe wieder einmal hautnah miterleben können, wie schwierig – das Wort aussichtslos möchte ich eigentlich vermeiden – die Lage dort ist. Das Gebiet, in dem ich gearbeitet habe, ist nur mit kleinen Propellermaschinen zu erreichen. Eine direkte Straße zur circa 400 km entfernten Provinzhauptstadt Bukavu gibt es schon lange nicht mehr. Die einzige „Alternative“ ist ein großer Umweg – für die circa 1.300 km würden ungefähr 10 bis 14 Tage benötigt, sofern die Piste passierbar wäre und nicht große Teile von den Rebellen besetzt wären (so viel zu Punkt 1 und 3).

Punkt 2 war der Grund meiner Arbeit in dem Gebiet. Eine große internationale Organisation organisiert die Gesundheitsversorgung in einem Gebiet, das etwas grösser als Hessen ist, und in dem circa 150.000 Menschen leben. Ohne die Unterstützung dieser Organisation hätten die Menschen keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung. Das Gesundheitsministerium kümmert sich schon lange nicht mehr darum, was in dieser weit abgelegenen Gegend passiert. Die Arbeit ist schwierig, viele Gesundheitszentren sind meist nur zu Fuß oder in der Trockenzeit manchmal per Motorrad zu erreichen. Es gibt ein einziges Krankenhaus für dieses Gebiet.

Punkt 3 hat meinen Flug in die Region um einige Tage verschoben. Rebellen hatten Flugzeuge der Vereinten Nationen beim Landeanflug auf die einzige existierende Landepiste beschossen, und danach musste erst wieder einmal abgeklärt werden, ob man als internationale Organisation trotzdem weiterhin unbehelligt landen kann.

Punkt 4 und 5 hängen oft miteinander zusammen und machen nachhaltiges Arbeiten, beziehungsweise Resilienz schwierig bis unmöglich. Dafür bedarf es ein Mindestmaß an Recht und Ordnung, damit die Menschen zumindest wieder daran denken können, in ihre Heimatorte zurück zu kehren und ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Wenn sich politisch anscheinend nichts mehr bewegt und die Medien nicht (mehr) berichten – weil es mittlerweile auf den Philippinen einen Wirbelsturm gab, in Zentralafrika ein blutiger Staatsstreich erfolgte, im Südsudan neue Kämpfe entfachten, und die internationalen Aufmerksamkeit auf der Syrienkrise liegt – sollen dann auch die humanitären Helfer ihre Koffer packen? Nein, gerade die vergessenen humanitären Katastrophen brauchen unsere Aufmerksamkeit!

Sibylle Gerstl

Hilfe für syrische Flüchtlinge in der Türkei: neue Arbeitsgebiete, neue Akteure, neue Ansätze

Beim Besuch des türkischen Ministerpräsidenten am 05.02.2014 in Berlin versprach die Bundeskanzlerin, Deutschland würde mehr tun, um der Türkei bei der Versorgung der syrischen Flüchtlinge in der Grenzregion zu Syrien zu helfen. Zur Erinnerung: die Türkei hat ca. 700.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen, von denen ca. ein Viertel in Camps lebt. Obwohl die Standards in den Camps – verglichen mit Flüchtlingslagern in anderen Regionen dieser Welt – exzellent sind, ziehen viele Flüchtlinge die größere (Bewegungs-)Freiheit außerhalb der Lager vor. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben bisher ca. 2 Milliarden Dollar für den Betrieb dieser Lager bereitgestellt, eine Leistung, die Respekt verdient, auch wenn die Regierung diese Leistung natürlich nicht vollkommen uneigennützig erbringt.

Die große Mehrheit der Flüchtlinge ist aber auf eigene Faust in den Städten und Dörfern der Grenzregion untergekommen und lebt dort entweder bei Gastfamilien oder in angemieteten Unterkünften. Die Familien zu finden und zu erfassen, wer auf Unterstützung von außen angewiesen ist, ist gar nicht so einfach, da die Registrierung nicht wie traditionell üblich über eine zentral organisierte Erfassung des UNHCR läuft, sondern sich jede Familie individuell bei der türkischen Polizei registrieren lässt. Für Hilfsorganisationen ist die Arbeit im städtischen Raum immer noch relativ neu, da Flüchtlingspopulationen traditionell immer in weit entlegenen Lagern untergebracht waren.

Wenn man sich auf die Suche macht, wer diesen Menschen hilft, so stellt man fest, dass es – auch weil die Registrierung internationaler NROs sehr restriktiv gehandhabt wird – vor allem türkische NRO sind, deren Umsetzungskapazitäten überraschen, traten sie doch im Konzert der „klassischen“ internationalen NRO bisher eher selten in Aktion. Anders als der Türkische Rote Halbmond, der in vielen der zuletzt aufgetretenen Krisen deutlich sichtbar war. Die Arbeit dieser türkischen Organisationen ist nicht nur ein gutes Beispiel für die wachsende Bedeutung der Zivilgesellschaft innerhalb der Türkei, sondern auch für erfolgreiches „learning by doing“ und sichtbare Kapazitätsentwicklung lokaler Akteure mitten in einer Krise. So hat sich zum Beispiel eine Organisation weitgehend aus eigener Kraft in das sogenannte „cash based programming“ eingearbeitet, weil sie erkannt hat, dass die Verteilung von Lebensmittelpaketen ineffektiv ist, wenn es überall Supermärkte gibt, in denen die Flüchtlinge einkaufen könnten, wenn sie das nötige Geld dazu hätten. Vor allem aber fördert es die Würde der Familien, wenn sie selber entscheiden können, ob sie Bohnen, Reis oder Nudeln essen wollen.  So werden statt fertig gepackter Pakete elektronische Zahlkarten ausgegeben, auf die jeden Monat ein bestimmter Betrag gutgeschrieben wird, und mit denen dann im Supermarkt an der Kasse ganz normal bezahlt werden kann, wie z.B. mit einer EC-Karte. Die Flüchtlinge sind sehr zufrieden, der lokale Ladenbesitzer hat mehr Kundschaft, die erstandenen Güter werden nicht weiter verkauft und über die Auswertung der Einkäufe lässt sich – wenn gewünscht – auch im Detail nachvollziehen, wofür das Geld verwendet wurde. Ein rundum gelungene Intervention, der man viele Nachahmerinnen und Nachahmer wünscht!

Ralf findet gut zu lesen…

….  den Bericht des sogenannten Listening Project. Der Bericht gibt den Menschen eine Stimme, um die es in der humanitären Hilfe geht. Gut 6000 Menschen, die entweder humanitäre Hilfe erhalten haben oder die mit der Umsetzung der Projekte vor Ort betraut sind, konnten in Interviews ihre Sicht auf die humanitäre Hilfe mitteilen.

Ich finde in dem Bericht viele Aussagen und Sichtweisen gut wiedergegeben, die ich selber hundertfach bei meinen Reisen erlebt habe. Diese wichtigen Beiträge haben oftmals keinen Platz in den Berichtsformaten, die wir für unsere eigenen Zwecke sowie für Kunden und Geldgeber zu schreiben haben. Der Bericht ist also eine sehr gute Gelegenheit einmal richtig zuzuhören: Time to listen.

Cover Listening Project