Der Bürgerkrieg in Syrien und die deutschen Immobilienpreise

Über den möglichen Ausgang der derzeit laufenden Syrien-Konferenz in Genf soll hier nicht spekuliert werden. Der UN-Sonderbeauftragte Brahimi wertet es schon als Erfolg, wenn sich die verfeindeten Delegationen von Regierung und Opposition in einem Raum treffen, auch wenn sie nicht miteinander reden. Dass am Ende ein Waffenstillstand stehen könnte oder gar ein Friedensvertrag, wagen auch die größten Optimisten nicht zu hoffen. Wenigstens steht der Zugang für humanitäre Hilfe weit oben auf der Tagesordnung.

Alles spricht derzeit dafür, dass der Krieg weitergehen wird. Er geht weiter, weil die Konfliktparteien einen militärischen Sieg für möglich halten. Er geht weiter, weil keine internationale Ordnungsmacht da ist, die genügend Einfluss auf die Kriegsparteien hätte bzw. diejenigen, die Einfluss haben, diesen aus verschiedensten Eigeninteressen nicht für einen Friedensprozess nutzen. Er geht weiter, weil zu viele ausländische Machtinteressen in diesem Stellvertreterkrieg eine Rolle spielen. Er geht weiter, weil alle Kriegsparteien mit Waffen beliefert werden. Und er geht weiter, weil das Schicksal der Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen, der Hungernden und Gefolterten nicht wirklich zählt.

Das Leiden der syrischen Bevölkerung wird also kaum gelindert werden, selbst wenn einzelne Hilfskonvois eventuell in die belagerte Altstadt von Homs durchgelassen werden. Mehr als 100.000 Tote hat der Krieg bisher gefordert. 8,8 Mio. Syrer mussten fliehen, davon 2,3 Mio. außer Landes. UN-OCHA beziffert die Anzahl der Menschen, die derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, mit 9,3 Mio.

Szenenwechsel: Europa schottet seine Außengrenzen gegen sogenannte illegale Einwanderer ab und weint Krokodilstränen, wenn hunderte von Bootsflüchtlingen bei dem Versuch, die europäischen Außengrenzen zu erreichen, ertrinken. Zusammen haben sich die EU Länder erboten, 12.340 Menschen aufzunehmen, das entspricht exakt 0,54% der Gesamtanzahl von Flüchtlingen. Allein der Libanon hat bei einer Gesamtbevölkerung von knapp vier Millionen 835.000 Flüchtlinge aufgenommen.

Deutschland will 10.000 Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen, was zwar innerhalb der EU die höchste Anzahl ist, aber die bürokratischen Hürden für die Aufnahme sind so hoch, dass bisher erst 3.000 syrische Flüchtlinge tatsächlich in Deutschland angekommen sind.

Zweiter Szenenwechsel: Wir befinden uns in einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg. Weil die Zahl der Asylsuchenden (nicht nur aus Syrien) im Land deutlich zugenommen hat, wächst der Druck auf die Gemeinden, Flüchtlinge aufzunehmen und unterzubringen. Das kostet nicht nur Geld, weil zusätzliche Sammelunterkünfte und individueller Wohnraum geschaffen werden müssen, sondern schürt auch Ängste bei den Bürgern. Geld ist für vieles da, zum Beispiel 80.000 Euro für einen neuen Kunstrasenplatz des örtlichen Sportvereins. Für eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen wurde gerade mal ein Bruchteil dieser Summe bereitgestellt. Das Land Baden-Württemberg hat kürzlich beschlossen, dass Flüchtlinge statt 4,5 qm neuerdings 7,5 qm Wohnfläche zugestanden bekommen. Darunter stöhnen nun die Gemeinden, denn das kostet ja noch mehr Geld.

Ängste sind auch genug da: Dort, wo Flüchtlingsunterkünfte geschaffen werden sollen, regt sich der Bürgerprotest. Eine Familie, die eine Wohnung an die Gemeinde vermieten wollte, damit dort Flüchtlinge untergebracht werden können, zog ihr Angebot zurück, weil Ärger mit Nachbarn drohte. Anderswo wird gegen die Ansiedlung einer Flüchtlingsunterkunft protestiert mit dem Argument „Dadurch verliert unsere Immobilie an Wert“.

PS: Der Autor dieses Beitrags ist Gemeinderat in einer kleinen Gemeinde in Baden-Württemberg.

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: