Sterblichkeitsraten als Schlüsselindikatoren bei Katastrophen: Was nützen sie?

Allgemeine (rohe) Sterblichkeitsraten und Sterblichkeitsraten bei Kindern unter fünf Jahren (engl. CRM = Crude Mortality Rate bzw. CRM-U5) sind eine der wichtigsten und hilfreichsten Gesundheitsindikatoren für die Überwachung und Evaluierung der Schwere einer Notfallsituation und somit, um das Ausmaß einer Katastrophe zu definieren. Die Verdoppelung der “normalen” (nicht im Kontext einer Katastrophe erhobenen) Sterblichkeitsrate weist üblicherweise auf eine Notfallsituation hin, die unmittelbare Maßnahmen erforderlich machen sollte.

Liegen bei einer Katastrophe keine Sterberaten von “vor der Katastrophe” vor, wird mit sogenannten Referenzwerten gearbeitet. Referenzwerte sind international definierte Werte, die sowohl für verschiedene Grade einer Katastrophe, als auch für verschiedene Regionen der Welt vorliegen.

Allgemeine Sterblichkeitsraten sollten in einer Notfallsituation nicht mehr als ein Todesopfer pro 10.000 Menschen pro Tag betragen. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahren ist ein sensiblerer Indikator und sollte nicht mehr als zwei Todesopfer pro 10.000 Kindern pro Tag betragen. Unter sehr schwierigen Bedingungen können sich diese Zahlen verdoppeln und im „worst case“ Fall auf fünf Todesopfer pro 10.000 Menschen pro Tag (bei Kindern unter fünf Jahren bis zu zehn Todesfälle) ansteigen. Referenzdaten zur “normalen” Sterblichkeit, also nicht im Kontext einer Katastrophe erhoben, betragen für Entwicklungsländer 0,5 Todesopfer pro 10.000 Menschen pro Tag (Sterberate bei Kindern unter fünf Jahren einTodesfall pro 10.000 pro Tag) und für Industrieländer 0,3 Todesopfer pro 10.000 Menschen pro Tag (Sterberate bei Kindern unter fünf Jahren 0,03 Todesfälle pro 10.000 pro Tag).

Bei allen Notfallsituationen ist es unabdingbar schnell zu ermitteln, wie hoch die Sterberate (Ausmaß der Katastrophe) ist, und an was die Menschen sterben (Todesursache), um die humanitäre Antwort sowohl in Größe und Zuschnitt zielgerichtet darauf auszurichten.

In der Literatur werden grob drei verschiedene Katastrophentypen mit unterschiedlichen Sterberaten unterschieden:

Plötzliche Naturkatastrophen

Hier treten die meisten Todesfälle innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen auf und sind eine direkte Folge der Naturkatastrophe selbst oder der dabei entstandenen Verletzungen. Ein weiterer Anstieg der Sterberate erfolgt dann meist einige Wochen nach der Naturkatastrophe als Folge von mangelnden Hygieneverhältnissen (wie zum Beispiel der Choleraausbruch in Haiti 2010).

Akute Notfälle

Diese entstehen durch bewaffnete Konflikte und Vertreibungen, die betroffene Bevölkerung wird als Folge in Lager zwangsumgesiedelt. Die anfangs hohe Sterblichkeitsrate in den Lagern nimmt durch besseren Schutz der Bevölkerung und durch das Eintreffen humanitärer Hilfe kontinuierlich ab. Es muss aber ständig darauf geachtet werden, dass Hygiene- und Gesundheitsstandards in den Lagern eingehalten werden, um den Ausbruch von tödlichen Epidemien, wie zum Beispiel Masern oder Durchfallerkrankungen zu vermeiden.

Chronische, sich schleichend entwickelnde Notfallsituationen

Hierbei erhöht sich die Sterblichkeitsrate langsam und oft über Monate hinweg vom Normalzustand zu einer Notfallsituation. Diese chronischen Notfallsituationen sind oft die Folge des progressiven Zusammenbruchs des öffentlichen Gesundheitssystems, verbunden mit dem Verlust der Existenzgrundlagen (wie zum Beispiel Ernteausfälle) und dem Abgeschnittensein von jeglicher humanitären Hilfe.

Die Erhebung von Sterblichkeitsraten ist ein wesentlicher Bestandteil einer zielgerichteten Intervention in Notfallsituationen. Die Durchführung medizinischer Hilfsprogramme ohne eine kontinuierliche Bestandsaufnahme des Ausmaßes und der Ursachen der Todesfälle ist somit während einer Katastrophe auf keinen Fall effizient und darüber hinaus auch nicht kostengünstig.

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

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