Wollen wir wirklich alle dasselbe?

In einer Zeit, in der militärische Interventionen mit humanitären Zielen begründet werden und die Sicherheitspolitik wie in Afghanistan mit universellen moralischen Werten untermauert wird – in einer solchen Zeit ist es äußerst schockierend zu sehen, dass Millionen von Menschen in extremer Not wie in Syrien und den Nachbarländern, im Süd-Sudan, in Somalia, im Jemen ohne Hilfe bleiben. Und das, obwohl westliche Politiker regelmäßig ihre politischen Entscheidungen „humanitär“ begründen und auf humanitäre Werte pochen. 

Inmitten all der Beteuerungen, dass wir alle Frieden, den Schutz der Menschenrechte und ein Ende der Armut wollen, bleibt es die Verantwortung der Humanitären, auf dem Wert jedes einzelnen Menschenleben zu bestehen und die Verletzlichsten und Schwächsten zuerst zu versorgen. Aber humanitäre Organisationen, wenn sie denn diesem Auftrag treu bleiben wollen, müssen handlungsfähig sein – schließlich misst sich der Erfolg humanitärer Arbeit nicht an der Zahl wohltönender Pressemitteilungen oder elaborierter policy-papers, sondern an der Fähigkeit, Leben zu retten und Leiden zu lindern: Sie müssen sich tagtäglich dafür einsetzen, einen Handlungsspielraum und Sicherheitsgarantien zu verhandeln und zu ertrotzen, und dafür müssen sie von allen Konfliktparteien als unabhängig und humanitär akzeptiert werden. Diese Unabhängigkeit ist nicht grundlegend verschieden von der schon lange als essentiell gesehenen Unabhängigkeit der Presse oder der Jurisdiktion von politischen Einflüssen.

Aber dieser so wesentliche Handlungsspielraum schrumpft an vielen Stellen, auch weil wir immer wieder hören müssen – zuletzt sinngemäß von Wolfgang Schneiderhan, dem ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr, auf der Außenpolitik-Konferenz von Ärzte ohne Grenzen im April im Roten Rathaus: „Wir wollen doch schließlich alle dasselbe!“ Alle: Das bezieht sich auf Politiker, Militärs, Friedens- und Menschenrechtsaktivisten, Humanitäre. Und das ist ein – besonders für die Humanitären – gefährlicher Irrtum. Politische Positionen und militärische Interventionen in Konfliktgebieten sind weder neutral noch in erster Linie auf das Überleben und Wohlergehen der Zivilbevölkerung gerichtet. Sie sollen eher Sicherheit oder Frieden schaffen. Das sind wichtige Ziele, aber keine humanitären.

Humanitäre Organisationen dürfen sich nicht in politische Programme einspannen lassen, und die Generäle und Außenminister sollten endlich aufhören, zu den Humanitären zu sagen: „Wir wollen doch alle dasselbe“ – denn das ist eine Lüge.

Trotzdem werden in vielen Kontexten die Hilfsorganisationen als verlängerter Arm der mächtigen Regierungen gesehen und sind deshalb allzu oft zu Zielen bewaffneter Angriffe geworden. Die resultierende Unsicherheit macht es leider unmöglich, in manchen Kontexten zu arbeiten. Leidtragende sind die Flüchtlinge und Vertriebenen, die Verwundeten und die Hungernden, für die es keine Hilfe gibt.

Aber nicht einmal dort, wo Hilfe möglich ist, wie in den Nachbarländern Syriens, wird auch nur annähernd genug getan – was sind dann all die Beteuerungen wert?

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

One Response to Wollen wir wirklich alle dasselbe?

  1. Sid Peruvemba says:

    Liebes Forum HumHilfe, vielen Dank für den guten Gedankenanstoss. Allerdings: Was würde es z.B. in Syrien ändern, wenn klar wäre, dass wir nicht alle dasselbe wollen? Kümmert es die Konfliktparteien wirklich, welche Diskussionen wir hier auf Kongressen führen? Zudem: Viele der „Partner/ lolale „NRO“/ Netzwerke“ wünschen eben keine Neutralität, sondern eine bewusste Parteinahme für die Unterstützung „ihrer Sache“. Das greift zu kurz, wenn wir ständig staatliche Stellen zur Einhaltung humanitärer Prinzipien anmahnen, unsere Partner und uns selbst aber aus dieser Diskussion ausklammern. Manchmal muss man sich an die eigene Nase fassen – auch und gerade dann, wenn es um die Schrumpfung des humanitären Raums geht.

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