Gastbeitrag: Wie kann sich der Helfer in der Syrien-Krise selbst helfen?

Die furchtbare Gewalt in Syrien hat schreckliche Folgen: Leben und Gesundheit, Wohn- und Existenzmöglichkeiten werden bedroht und zerstört. Für viele Familien ist die Flucht aus der Heimat in Nachbarländer eine letzte Chance. Besonders der jordanische Staat und internationale Hilfsorganisationen boten und bieten den Flüchtlingen Aufnahme und Unterkunft in schnell eingerichteten Lagern an.

Eine Auffangsiedlung, die schnell zur Auffangstadt wird, in drängender Zeit bereit zu stellen, bedarf trotz aller Erfahrungen aus anderen Einsätzen eines Höchstmaßes an Organisationstalent, Anpassungsfähigkeit, Risikobereitschaft, wohl auch Improvisationsvermögen aber vor allem Frustrationstoleranz. So entstand hier in einigen Monaten die Lagerstadt Zaatari mit einem enormen finanziellen und materiellen Aufwand.

Doch wie kann der Helfer den Bedürfnissen der Flüchtlingen für ein erträgliches Leben und den Ansprüchen an die eigene Arbeit gerecht werden? Unter den Bedingungen des Lebens unter freiem Himmel ist es oft schwer bzw. unmöglich, Zufriedenheit durch ausreichende Unterstützung zu erreichen. Deshalb, so denke ich,  ist es notwendig, um sich auch selbst immer wieder zu motivieren, den eigenen Maßstab für das Gefühl der ausreichenden Wirksamkeit des Handelns und der Selbstzufriedenheit stets wieder neu den äußeren unveränderbaren Einflüssen anzupassen.

Es gibt eben trotz aller Perfektion im Management und der Logistik des Helfens vor Ort immer mehr Ungenügendes als Zufriedenstellendes, mehr Mangelhaftes als Ausreichendes, mehr Verzicht als Versorgung, mehr Chaos als Ordnung, und mehr Frust als Freude – auf beiden Seiten, der des Helfers und der des Hilfe-Empfängers.

Der Großteil der Lager-Bewohner bemüht sich um äußeren und inneren Frieden, doch Frust fürs Hilfspersonal entsteht, wenn auch die dunkle Seite des menschlichen Verhaltens ins Lager zieht mit Egoismus, Habsucht, Raffgier, Rücksichtslosigkeit, Gewalt, Kriminalität und Radikalität. Mit Diebstahl und Schmuggel muss ohnehin gerechnet werden.

Wenn nun die traurige Realität in einem Lager Einzug gehalten hat, es die maximale Kapazität erreicht hat und die Möglichkeit besteht ein komplett neues Lager auf der nicht ganz so grünen Wiese zu bauen, so entsteht leicht der Wunsch im neuen nun alles besser zu machen. Der Wunsch Erfahrungen einfließen zu lassen, zu planen und Infrastrukturen, Organisations-, Verwaltungs- und Überwachungsabläufe noch effizienter, lenkbarer und korrigierbarer zu machen. Gedacht und getan, doch sehr wohl verdacht und vertan!

So fordert doch die Schnelligkeit des Geschehens, die Unberechenbarkeit der Abläufe, das ständige Provisorium oft seinen Tribut. Es gilt zu lernen, dass es auch beim Aufbau neuer Flüchtlingslager diese allgegenwärtige Unbeeinflussbarkeit, diese Unübersichtlichkeit, diese Unvollkommenheit gibt.

Die Hilfe für den Helfer besteht dann einzig darin, dass er sich vergegenwärtigt, welche segensreiche Chance und welche enttäuschende Begrenzlichkeit eben nun einmal im Helfen bestehen.

Die momentan Bedürftigen und die momentan Gebenden sollten diese Balance in den ethischen Kategorien von Ehrfurcht, Würde, Achtung und Respekt sowie den Tugenden von Ordnung, Disziplin, Genügsamkeit und Dankbarkeit leben und sich gegenseitig spürbar machen. Dies ist leichter gesagt als getan – sollte aber trotzdem ab und zu gesagt werden um dann auch getan werden zu können.

Geschrieben von Martin Suvatne als „Privatperson“

In Jordanien als “Programme Manager Shelter“ für das Norwegian Refugee Council (NRC)

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