Professionalisierung, Berufseinstieg und EU-Sichtbarkeit: EVHAC / EU Aid Volunteer Korps – ein humanitärer Freiwilligenkorps für Europa

Im Vertrag von Lissabon fand humanitäre Hilfe erstmalig in einem Vertrag der Europäischen Union aus eigenem Recht Erwähnung. Darin wurde die Schaffung eines humanitären Freiwilligenkorps festgelegt, der ab 2011 mit einem Budget von 260 Millionen Euro Gestalt annehmen sollte. Wie bei seinem Vorbild, dem amerikanischen Friedenskorps, sollen junge Menschen als „Flaggschiff europäischer Solidarität“ entsandt werden, um dadurch die Reputation der Europäischen Union zu stärken. Es sollen in Zeiten der Jugendarbeitslosigkeit sinnträchtige Aufgaben und Schlüsselkompetenzen vermittelt werden. Für Zeiten unzureichender Finanzmittel soll außerdem ein Pool kostengünstiger Personalressourcen für ein direktes Engagement in Krisen vor Ort bereitgestellt werden.

Als humanitäre Hilfsorganisationen zusammen mit DG ECHO gegen das Dekret protestierten, war der Vertrag jedoch schon gültig. Die Kritik richtete sich gegen ein Instrument, das der Reputation und „Sichtbarkeit“ der EU sowie der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit dienen soll. Weitere Kritikpunkte wurden in einen späteren Konzeptentwurf aufgenommen. Dazu zählen, die Vorgaben, dass Freiwillige nicht in Gefahrensituationen eingesetzt werden dürfen. Im Jahr 2011 trat das Programm in eine Pilotphase ein, bekannt als „EVHAC – European Voluntary Humanitarian Aid Corps“. Seit 2012 heißt es EU Aid Volunteers.

Die Schaffung des EVHAC erfolgt zeitgleich mit der Umsetzung einer Reihe von Initiativen im humanitären Sektor, die der Professionalisierung dienen. Es werden heute zunehmend Fachabschlüsse vorausgesetzt. Es gibt mehr Hochschulprogramme, die humanitäre Kräfte auf Masterniveau ausbilden. Viele der gut ausgebildeten Absolventen haben jedoch wenig oder keine praktische Erfahrung. Hier verheddert sich die Anstrengung, humanitäre Hilfe als Profession zu betreiben in einer Endlosschleife von Praktika in Hauptquartieren. Denn Erfahrung vor Ort wird zwar für eine Entsendung vorausgesetzt, aber es gibt wenige Möglichkeiten, sie zu erwerben: Entsendung nicht ohne Erfahrung und ohne Erfahrung keine Entsendung. Sieht man EVHAC als ein Praxisausbildungsprogramm, ist es zwar kostenaufwendig, aber es ermöglicht den Freiwilligen, Erfahrungen vor Ort zu sammeln.

Ein weiterer Trend im humanitären Sektor ist ebenfalls zu berücksichtigen: Mitarbeiter aus den von humanitären Krisen betroffenen Ländern nehmen zunehmend zentrale Rollen ein. Der eigentliche Schwerpunkt des Ausbildungsbedarfs liegt damit in den von Krisen betroffenen Ländern. Die Profiteure des EVHAC, soweit herrscht Einigkeit, sind jedoch anders definiert: Europäer selbst stehen im Zentrum dieses humanitären Vorhabens.

Lena Zimmer

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