Gastbeitrag: Syrische Flüchtlinge in Jordanien

Ein neues Flüchtlingslager in Jordanien – eine neue Chance für syrische Flüchtlinge! Aber auch für die Helfer?

Die Krise in Syrien dauert nun schon viel zu lange, und dass es zu großen Flüchtlingsströmen in die Nachbarländer, vor allem Jordanien, kommen würde, war eigentlich allen klar. Dennoch sind wir alle im Januar vom plötzlichen Ansteigen der  Neuankömmlinge überrascht worden. Waren es im Dezember noch „nur“ etwa 300-500 syrische Flüchtlinge, so kamen im Januar plötzlich zwischen 2000 und 3000 täglich – in einer Woche das Äquivalent einer kleinen Kreisstadt.

Das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien ist nicht nur eines der derzeit bekanntesten Lager, sondern  dank seiner nahen Lage zur Hauptstadt auch eines der  zugänglichsten – und dies hat natürlich auch Einfluss auf die Besucherzahlen einflussreicher und bekannter Größen aus Politik, Kultur und Wirtschaft – was wiederum Einfluss auf die Berichterstattung in den Medien hat. Kurzum, viele haben schon von Zaatari gehört und dadurch auch von den Problemen des plötzlichen schnellen Wachsens.

Ich möchte nun aber nicht auch noch von den vielen Problemen dort berichten, sondern von etwas, was Vielen von uns neue Hoffnung gegeben hat: ein neues Lager – Azraq, benannt nach der bekannten Oase in der Nachbarschaft. Azraq, wie ein weißes unbeschriebenes Blatt Papier, wo noch alles möglich ist, wo noch Planerträume erfüllt werden können. Azraq, mitten in der Wüste entlang der Straße nach Saudi Arabien und in den Irak. Azraq, das Lager, das anders sein kann. Azraq, das Lager in dem alles richtig gemacht wird. Ich muss gestehen, dass auch ich schon den Satz „Lessons Learnt from Zaatari“ in Präsentationen für das neue Azraq-Lager benutzt habe.

Geprägt von den täglichen Problemen im zu schnell gewachsenen Zaatari arbeiten wir nun alle mit ein wenig Genugtuung an den großen Plänen für Azraq und wollen uns auch nicht so schnell eingestehen, dass dies auch eine Art Flucht in eine heile Welt ist. Eine heile Welt, in der wir den Flüchtlingen möglichst alles geben können, was ihnen so brutal genommen wurde. Aber weil es eben nur eine Art heile Planer-Scheinwelt ist, wollen wir uns auch nicht eingestehen, dass ein Schein auch trügen kann. Und dass wohl auch in Azraq nicht alles so heil sein wird bzw. bereits ist. Während wir alle noch unseren Traum vom perfekten Lager träumen, werden wir bereits von der Realität eingeholt. Realität bedeutet für uns hier bereits in der Planungsphase zu wissen, dass wir wohl keine frischen neuen Zelte zur Verfügung haben werden, sondern die alten aus Zaatari noch einmal verwenden werden. Ich finde es ja völlig richtig und gut, kostbare Dinge wieder zu verwenden, dennoch passte dies anfangs nicht in mein Bild vom perfekten Lager. Aber vielleicht liegt gerade darin die „neue Chance“ – nicht die Chance im Neuen alles richtig zu machen und alles perfekt zu haben, sondern die Chance zu lernen, dass auch das Neue nicht perfekt sein wird und nur einige Dinge besser werden können. Man kann halt nicht alle „Lessons“ gleich lernen. Sonst hätten das Andere schon vor uns getan und unsere Träume wären bereits Realität. Bis dahin genießen wir es aber, zwischendurch von der perfekten Realität zu träumen.

Geschrieben von Martin Suvatne als „Privatperson“

In Jordanien als “Programme Manager Shelter“ für das Norwegian Refugee Council (NRC)

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