Humanitäre Helfer und Soldaten: Ziemlich beste Freunde?

Seit wenigen Tagen findet sich auf der Website von VENRO, dem Dachverband der deutschen Hilfsorganisationen (NRO), ein bemerkenswertes Papier: Empfehlungen zur Interaktion zwischen VENRO-Mitgliedsorganisationen und der Bundeswehr. „Zivil-militärische Zusammenarbeit“ heißt das Stichwort dazu – wobei „Zusammenarbeit“ schon eine sehr weitgehende Form von Interaktion darstellt. In Krisengebieten wie Kosovo oder Afghanistan, wo sich Bundeswehr und NRO über den Weg laufen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Sollten wir zusammenarbeiten oder besser Distanz halten? Gibt es gemeinsame Ziele, oder sind wir zu verschieden? Die Kontroverse darüber bewegt die humanitäre Hilfe seit mindestens zwei Jahrzehnten. Spätestens seit dem Kosovo-Einsatz der Bundeswehr 1999 hätte es eigentlich genug Anlass für ein solches Papier gegeben. Dass es erst jetzt erscheint, hat verschiedene Gründe. Ein erster Versuch war 2001/2002 gescheitert, weil sich die beteiligten Bundesressorts (Verteidigungsministerium, Auswärtiges Amt, BMZ und Innenministerium) nicht auf eine gemeinsame Sprachregelung einigen konnten. Auch unter den Mitgliedsorganisationen von VENRO war man sich nicht immer einig. Aber es hat immer wieder Gespräche und Versuche gegeben, zu diesen Fragen eine Übereinkunft zu erzielen. Die amerikanischen NRO waren schneller: Sie haben bereits 2007 eine vergleichbare Abmachung mit ihrer Regierung getroffen, vermittelt durch das „U.S. Institute of Peace“ (Guidelines for Relations Between U.S. Armed Forces an Non Governmental Humanitarian Organizations ín Hostile and Pontentially Hostile Evironments).

Beide Papiere sind nicht identisch, haben aber einige Gemeinsamkeiten. Es geht um Abgrenzung der Prinzipien und Mandate beider Akteure, um Neutralität und Unabhängigkeit, was man darf und was man nicht darf (z.B. müssen Militärs und NRO äußerlich klar unterscheidbar sein, Militärs dürfen NRO nicht als „force multipliers“ bezeichnen, usw.).

Zwei Fragen drängen sich auf: Warum kommt dieses Papier erst jetzt? Man muss dem Dachverband VENRO zugestehen, dass es für den Verband keine leichte Übung ist, seine mehr als einhundert Mitgliedsorganisationen auf ein Papier mit einer in NRO-Kreisen höchst kontroversen Thematik einzuschwören. Viele NRO-Mitarbeiter sind mit der Friedensbewegung groß geworden und pflegen allein schon deshalb eine ausgeprägte – nicht immer rational begründete – Abneigung gegen alles Militärische. Den Soldaten wiederum, an stramme Hierarchien gewöhnt und der regierungsamtlichen Doktrin der „vernetzten Sicherheit“ (blind?) verpflichtet, ist der unorganisierte Haufen der zivilen Helfer suspekt. Hier stoßen zwei sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander.

Es hat lange gedauert, bis eine sachlich-nüchterne Aufarbeitung des spannungsreichen Verhältnisses zwischen zivilen Helfern und Soldaten nun zu einem solchen Papier geführt hat, wie es VENRO auf seiner Webseite veröffentlicht. Die zweite Frage lautet: Warum findet man es nicht auf der Internetseite der Bundeswehr? Darauf hätte man gerne eine Antwort.

Über forhumhilfe
Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: