Gastbeitrag: Dr. Wolfgang Jamann zu Nordkorea

Nordkorea ist in den Schlagzeilen – durch Säbelrasseln, drohende regionale Konflikte, undurchschaubares Verhalten der herrschenden Clique. Vor einem Jahr besuchte ich Nordkorea. In Pjöngjang, der monumentalen Hauptstadt, konnte ich Überraschendes sehen. Längst dirigieren die Verkehrspolizistinnen keinen „Phantomverkehr“ mehr. Moderne Geländewagen prägen das Bild. Angeblich gibt es mehr als eine Million Mobiltelefone. Und Märkte blühen in der Hauptstadt. Es wird Geld verdient, offen darüber gesprochen.

Aber die Masse der Nordkoreaner profitiert nicht von den Veränderungen. Es herrscht keine Hungersnot, aber die Menschen haben nur wenig Reis zu essen; viele können sich nie Fleisch leisten, aber auch Obst und Gemüse ist oft nicht vorhanden. Darunter leiden vor allem die Kinder, sie sind zu dünn und zu klein für ihr Alter.

Die Welthungerhilfe arbeitet als eine der wenigen europäischen Hilfsorganisationen seit mehr als 15 Jahren in Nordkorea. Die Projekte laufen trotz des jüngsten politischen Konflikts weiter. So bauen wir zum Beispiel gemeinsam mit den Bauern und Genossenschaften als Alternative zu Reis auch Kartoffeln und Weizen an, und ziehen Gemüse in Gewächshäusern bei Kliniken und Kindergärten.

Nur 20 Prozent der Fläche Nordkoreas können landwirtschaftlich genutzt werden, das Klima ist durch eiskalte Winter und starke Monsunregen gekennzeichnet. Für die desolate Lage der Landwirtschaft ist aber auch die Planwirtschaft Nordkoreas verantwortlich. Es fehlt an Dünger, modernem Gerät und Know-how.

Doch auch hier gibt es Veränderungen im Kleinen. Nach ersten wirtschaftlichen Reformen können die Genossenschaften freier entscheiden, was sie anbauen, und den Überschuss vermarkten. Viele Bauern können „privat“ anbauen, entweder zum Selbstverzehr oder zum Verkauf auf den immer zahlreicher werdenden Märkten.

Erstaunlich war auf unserer Reise, wie viele Kontakte möglich waren. Ich hatte den Eindruck, dass sich auch durch unsere Anwesenheit Fenster öffnen. Die Koreaner lernen andere Arbeits- und Lebensformen kennen. Die Neugier ist groß. Sicherlich ist deshalb der Beitrag unserer Arbeit nicht nur in erfolgreichen Projekten zu messen.

Dr. Wolfgang Jamann

Generalsekretär Deutsche Welthungerhilfe

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