Muss das sein? Promi-Sternchen und der Tag der humanitären Hilfe

Laut dpa wird die Sängerin Beyoncé Knowles im Sitzungssaal der UN-Vollversammlung demnächst ein Video-Clip aufnehmen. Damit will die UNO am 19. August auf den Welttag der humanitären Hilfe aufmerksam machen und für mehr Engagement auf diesem Gebiet werben. Laut UNO ist „der Welttag der humanitären Hilfe [  ] ein weltweiter Tag, um die Menschlichkeit und die Leute zu feiern, die anderen Menschen helfen.“

Der Tag der humanitären Hilfe wird seit 2008 jährlich am 19. August begangen. Es ist der Tag, an dem im Jahr 2003 das UN-Büro in Bagdad bombardiert wurde und 22 Menschen umkamen, unter ihnen der hoch angesehene Sergio Vieira de Mello. Viele von uns fragen sich allerdings, ob es angemessen ist, diesen Tag zu feiern – der Angriff auf die UN hatte wenig mit ihrer humanitären Arbeit und alles mit ihrer politischen Identität und der Suche nach einer politischen Rolle nach dem Irak-Krieg zu tun. Die öffentliche Wahrnehmung dieses Tages ist sehr gering und seine Wirkung im Sinne eines verbesserten Engagements für die humanitäre Hilfe deshalb fragwürdig.

Das soll nun offenbar mit einem Promi-Sternchen anders werden. Auf der Seite  http://whd-iwashere.org kann man sein Gutmenschsein mit einem Klick demonstrieren und per twitter oder facebook seinen Freunden mitteilen, dass man am Tag der humanitären Hilfe irgendetwas Gutes tut, irgendwo, irgendwem. Eine Milliarde Menschen, so der Wunsch der UNO, sollen diese Message am 19. August unterstützen, und dabei soll Beyoncé Knowles helfen.

Aber wer bitte ist Beyoncé Knowles und was verbindet sie mit der humanitären Hilfe? Ein Blick auf ihre Homepage klärt auf: die Dame ist vor allem bekannt für ihre minimalst bekleideten Konzert- und Videoauftritte. Außerdem wurde sie von einem Lifestyle-Magazin zur schönsten Frau der Welt gekürt. Das sei ihr gegönnt. Aber erweist die UNO sich und dem humanitären Anliegen nicht einen Bärendienst, wenn sie eine glamouröse Disco-Schnecke zur Botschafterin der humanitären Hilfe macht? Es darf wohl angenommen werden, dass die Beyoncé-Anhängerschaft keine große Affinität zu den Anliegen der humanitären Hilfe mitbringt. Vieleicht will die UNO aber gerade das durch Beyoncé nun ändern? Was aber viel bedenklicher stimmt: eine aus der islamischen Welt geäußerte Kritik am UN-System der humanitären Hilfe lautet, sie sei zu stark von westlichen Werten und Normen bestimmt und diene den politischen und wirtschaftlichen Interessen der westlichen Welt. Mit einer Botschafterin Beyoncé Knowles wird solcher Kritik neue Nahrung gegeben. Wir meinen: Das muss nun wirklich nicht sein.

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Unser Blog „Forum Humanitäre Hilfe“ informiert, kommentiert und stellt kritische Fragen zu Themen, Verlautbarungen und Ereignissen aus dem Handlungs- und Politikfeld der Humanitären Hilfe. Wir wollen dies unabhängig von institutionellen oder parteipolitischen Interessen tun. Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen (siehe Kurzportraits), die aufgrund ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen in der Humanitären Hilfe die Notwendigkeit sehen, eine unabhängige Plattform für den Informations- und Meinungsaustausch zu Fragen der Humanitären Hilfe zu schaffen. Beiträge in diesem Blog, die nicht namentlich gekennzeichnet sind, geben die Meinung der Gruppe wieder. Namentlich gekennzeichnete Beiträge werden alleine vom betreffenden Autor/ von der betreffenden Autorin verantwortet.

2 Responses to Muss das sein? Promi-Sternchen und der Tag der humanitären Hilfe

  1. Sid Peruvemba says:

    Muss nicht, aber kann!

    Über die Rolle von Prominenten bei Benefiz- oder bewusstseinsbildenden Veranstaltungen gab es schon immer einen Diskurs. Die Frage „was verbindet die/den mit der humanitären Hilfe/der EZ/dem Projekt/dem Land“ drängt sich dabei oft auf.

    Nur: Wen hätten wir uns denn eigentlich gewünscht für den Welttag der humanitären Hilfe? Gesucht wurde ja nach einer/m weltweit bekannten Künstlerin/Künstler, die/der zugleich millionenfache Facebook- und Twitterklicks auf die zu der Kampagne gehörenden Website auslösen kann. Klar, Wolfgang Niedecken oder Manu Chao wären glaubwürdiger gewesen, sie hätte aber wie viele, die inhaltlich „näher dran“ sind, nicht die globale Aufmerksamkeit erreichen können für eine Kampagne, deren Ziel es ist, eine Milliarde Menschen zu erreichen. So ist es nun mal. Vielleicht sollte die humanitäre Hilfe auch einmal aufhören, immer jede und jeden und das zu allen Tages- und Nachtzeiten medial erreichen zu wollen. Braucht so etwas Gutes eigentlich ständige Rechtfertigung? Insofern ist die hinter diesem Thema liegende Synergie zwischen Medien und humanitärer Hilfe, die oft in eine unheilvolle Symbiose mündet (und an der die „Humanitären“ fleissig mitwirken), für mich ein größeres Problem als der Auftritt von Frau Knowles.

    Nebenbei bemerkt: Sollte eine Unternehmung wie die humanitäre Hilfe, die auf Gleichbehandlung, Nichtdiskriminierung und Fairness setzt, nicht auf Herabwürdigungen wie „glamouröse Disco-Schnecke“ verzichten? Glaubwürdiger wird sie – die HH – dadurch gewiss nicht.

    PS: Ich besitze keine einzige Beyoncé-CD.

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