Katastrophe im Südsudan: Versuch einer Analyse

Gerade komme ich vom Flüchtlingslager Batil im Südsudan zurück. Die letzten Wochen habe ich damit verbracht, eine Studie über die Mangelernährungsrate bei Kindern und eine Mortalitätsstudie durchzuführen. Wenn man weiß, wer woran stirbt, kann man gezielter dagegen vorgehen.

Die Lage im Flüchtlingslager mit etwas mehr als 34.000 Menschen ist immer noch katastrophal, fast die Hälfte der Kinder sind mangelernährt, 10% von ihnen schwer. Durch die schlechten hygienischen Bedingungen sind Durchfallerkrankungen an der Tagesordnung. Die Kombination Hunger und Durchfall ist dann für viele Kinder tödlich. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern liegt deshalb auch über den international definierten Grenzwerten in Krisensituationen.

Woran liegt es, dass die Situation so dramatisch ist?

Sicher nicht an den wenigen (!) Nichtregierungsorganisationen vor Ort, allen voran Ärzte ohne Grenzen, die allein für Batil mehr als 50 internationale Hilfskräfte vor Ort haben, die 24 Stunden 7 Tage die Woche durcharbeiten, um das Ausmaß des Schreckens nicht noch größer werden zu lassen.

Liegt es am Geld? Die Bundesregierung hat Anfang Juli ihre humanitäre Hilfe um 5 Millionen Euro erhöht, und die EU hat am 26.07.2012 mitgeteilt, dass die Humanitäre Hilfe für Sudan und Südsudan um 40 Millionen Euro aufgestockt wird. Nur in Batil habe ich davon nicht viel gesehen.

Liegt es an der Dimension der Katastrophe? Innerhalb weniger Monate kamen 105.000 Flüchtlinge über die Grenze in den Südsudan in ein Gebiet, das vorher insgesamt nur 45.000 Einwohner hatte. Die Einwohnerzahl hat sich praktisch über Nacht vervierfacht, vielleicht ist das logistisch einfach nicht zu bewältigen.

Liegt es an der Infrastruktur? Auf dem Landweg von Juba, der Hauptstadt des Südsudans, zum Flüchtlingslager braucht man Wochen, Ankunft ungewiss. Die Strecke ist gespickt mit Straßenräubern. Alles, was für das Überleben der Flüchtlinge benötigt wird, muss mit kleinen Propellermaschinen eingeflogen werden. Die Maschinen dürfen nicht zu schwer sein, sonst können sie auf den kurzen Landepisten nicht landen.

Liegt es am Klima? Die Regenzeit hat gerade angefangen und wird auf jeden Fall noch zwei bis drei Monate dauern. Der Boden in der Gegend ist dafür berüchtigt, dass er Wasser nicht absorbiert. Innerhalb von wenigen Stunden verwandelt sich das Lager in ein gigantisches Matschfeld. Durchkommen ist dann zwecklos – außer per Traktor (manchmal) oder per Kamel (immer).

Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, dass man in einer so kurzen Zeit und unter sehr widrigen Umständen nicht allen sofort helfen kann. Was ich aber nicht akzeptieren muss, ist, dass mir in Deutschland jemand sagt, davon habe er gar nichts gewusst.

Sibylle Gerstl

Über forhumhilfe
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