Eurobarometer: Humanitäre Hilfe – gefällt mir!

Das Eurobarometer, eine Meinungsfrage unter der europäischen Bevölkerung zu verschiedenen Themen, hat in diesem Frühjahr nach Wahrnehmungen, Einstellungen und Informationen zur humanitären Hilfe und zum Katastrophenschutz der EU gefragt.  Die Ergebnisse sind überaus positiv. Fast 90 Prozent der europäischen BürgerInnen finden es wichtig, dass die EU humanitäre Hilfe leistet. Die Befragten sind sogar überwiegend der Meinung, dass noch mehr Hilfe geleistet werden sollte. Im Vergleich zu 2010 ist die Zustimmung der Europäer zur humanitären Hilfe der EU sogar um 9 Prozent gestiegen.

So weit, so gut. Über eine solch hohe Zustimmung – und das in Zeiten der europäischen Wirtschaftskrise – kann man sich freuen. Aber ist das, was in dem Umfrageergebnis zum Ausdruck kommt, nicht eine schlichte Selbstverständlichkeit? Kann man auf die Frage „Soll die EU weiterhin humanitäre Hilfsmaßnahmen finanzieren, um weltweit Menschen in großer Not zu helfen?“ überhaupt mit „Nein“ antworten? Solange die Frage so allgemein und unverbindlich bleibt, ist es leicht, Solidarität zu zeigen und den Daumen nach oben zu strecken. Das Meinungsbild würde vermutlich nicht mehr so eindeutig ausfallen, wenn die Befragten die humanitären Hilfe der EU – immerhin rund 900 Mio. Euro pro Jahr – gewichten müssten in Relation zu anderen Ausgaben der EU wie etwa für Beschäftigung und Soziales, Klima- und Umweltpolitik, Forschung, Bildung und Kultur, Gesundheit und Verbraucherschutz, Grenzschutz und Migrationspolitik, usw. Dann erst würde sich erweisen, wie ernst es den europäischen Bürgern mit der weltweiten humanitären Verantwortung der EU ist.

Allerdings wurden auch Fragen gestellt, die durchaus „ans Eingemachte“ gehen, was die Organisation der Vergabe von Projektmitteln betrifft: Unter anderem wurde gefragt, ob die humanitäre Hilfe wirksamer von den einzelnen Mitgliedsstaaten oder als Ganzes und von der EU koordiniert geleistet werden sollte. Die grosse Mehrheit der Befragten, 71% EU-weit und sogar 77% in Deutschland, sprach sich für eine Bündelung und Koordinierung durch die EU aus. Leider ist die Realität weit hiervon entfernt: vor Ort wird die Nothilfe der EU parallel zu der der Migliedsstaaten vergeben, wobei ohnehin nur ganz wenige Mitgliedsstaaten – vor allem Grossbritannien und Schweden – überhaupt ein Gesamtkonzept für die humanitäre Hilfe haben. In den meisten Mitgliedsstaaten werden die Mittel, so wie es auch die Bundesregierung handhabt, in den jeweiligen Hauptstädten nach relativ unklaren Kriterien verteilt. Dies macht vor Ort in den Ländern, in denen die Nothilfe geleistet wird, eine strategische Bündelung der Gebermittel so gut wie unmöglich.

Link: http://ec.europa.eu/echo/files/eurobarometer/factsheets/DE_de.pdf

Über forhumhilfe
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2 Responses to Eurobarometer: Humanitäre Hilfe – gefällt mir!

  1. Danke für den Hinweis und für die kritische Würdigung dieser neuerlichen Eurobarometer-Umfrage. Leider findet dieses Spiel alle Jahre wieder statt – und auch die humanitären Hilfsorganisationen beteiligen sich daran: VENRO zum Beispiel gibt auch gerne inhaltsleere Umfragen in Auftrag, die bestätigen sollen, wie wichtig die Bürger die Arbeit von Entwicklungsorganisationen nehmen – siehe hier: http://www.welt-sichten.org/artikel/art-11-008/selbstbestaetigung.html

    Tillmann Elliesen, welt-sichten

  2. Sid Peruvemba says:

    Erst einmal herzlichen Glückwunsch zum Forum und viel Erfolg damit!

    Im guten Beitrag wird auch der Aspekt der „leider“ fehlenden Bündelung und Koordinierung thematisiert. Warum eigentlich „leider“? Haben wir nicht durch die humanitäre Reform der Vereinten Nationen – die unbestritten viel Gutes hat – auch die Schattenseiten einer Zentralisierung der humanitären Hilfe erlebt? Wollen wir – die NRO – eine noch stärkere Zentralsierung auf Geberseite, oder sollten wir nicht auch an dem Gedanken Gefallen finden, dass auch die Geber einen gewissen Pluralismus für sich in Anspruch nehmen können (den wir übrigens für uns als NRO ja jederzeit proklamieren)? Und wenn es uns ernst ist mit einer besseren Koordinierung, dann sollten wir auch daran arbeiten, dass nicht in jeder Krise jede NRO aktiv wird. Die Vielzahl von Akteuren macht jede noch so gut geplante Koordinierung zu einer praktisch kaum zu bewältigenden Herausforderung.

    Zur Kritik an der Umfrage eine Ergänzung: Fast die Hälfte der Befragten ist „ziemlich bis sehr beunruhigt“ darüber, dass es in der Bundesrepublik (!) zu bewaffneten Konflikten kommt. Das ist in vielfacher Hinsicht eine interessante Wahrnehmung; um nicht zu sagen entlarvend.

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