Stillstand im Gesamtsystem der humanitären Hilfe?

Am 4. Juli hat das Active Learning Network for Accountability and Performance in Humanitarian Action (ALNAP) in London einen Statusbericht zur humanitären Hilfe präsentiert. Nachdem die Pilotversion des Berichts im Jahr 2010 konkreten Verbesserungsbedarf im System identifiziert hatte, war mit Spannung zu erwarten, welche Fortschritte der Bericht jetzt aufzeigen würde.

Die Überraschung des Berichts ist, dass es kaum Überraschungen gibt. Hierin schienen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Berichtspräsentation einig zu sein. Sie reagierten überwiegend nüchtern auf die Präsentation. Der Bericht stellt in einigen Bereichen Verbesserungen fest. Insgesamt sei der Fortschritt jedoch langsam und in einigen Bereichen -wie zum Beispiel beim Thema Innovation- seinen keine Fortschritte zu erkennen.

Der Bericht lässt viele Fragen offen: Warum erhalten „Medienkrisen“ noch immer mehr finanzielle Mittel als andere Notsituationen? Warum gibt es nur einen langsamen aber stetigen Anstieg an finanziellen Mitteln, und dennoch reicht das Geld noch immer nicht aus, um den humanitären Bedarf zu decken? Warum stellen die Hilfsorganisationen nicht genügend Kapazitäten für große Katastropheneinsätze bereit, obwohl doch finanzielle Mittel und Personalkapazitäten wachsen? Warum werden die staatlichen Stellen der von den Katastrophen betroffenen Ländern immer bedeutender, aber kaum jemand unterstützt sie im Aufbau von Kapazitäten zur Krisenbewältigung?

Kann man Valerie Amos, der UN-Nothilfekoordinatorin zustimmen, die im Vorwort schreibt, dass bereits die Existenz des Berichts der Beleg dafür ist, dass das System reif genug ist, um sich selbstkritisch zu betrachten und sich weiterzuentwickeln?

Diese Frage muss man insbesondere kritisch stellen, wenn es weiterhin eine Reihe von „Ladenhütern“ in der „Sorgenkiste“ gibt. Sie werden in vielen Berichten als Schlüsselfaktoren eingeschätzt, aber dennoch offensichtlich nicht ausreichend verbessert. So wird zum Beispiel schlechte Koordination noch immer von den im Rahmen der Studie Befragten als das Top-Hindernis für effektive Hilfe eingeschätzt. Und dies, obwohl das Thema seit vielen Jahren bearbeitet wird. Unter anderem mit dem Großprojekt der Einführung der Cluster. Ebenso verhält es sich mit der Einbindung der von Krisen Betroffenen, dem Thema Leadership und der Rechtzeitigkeit der Hilfe.

Kann ein solcher Bericht also tatsächlich dazu beitragen, dass sich das System weiterentwickelt? Reicht es aus, nun alle zwei Jahre den Status zu beschreiben und eher vage Empfehlungen ohne Adressaten auszusprechen?

Über forhumhilfe
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